Angriff aus Asien Roboter und Raketen

Asien ist auf dem Weg zur technologischen Führerschaft. Nach dem Vorbild des Silicon Valley sind in Fernost bereits mehrere Kopien entstanden. Nun holen mit staatlicher Hilfe die Hochschulen auf. Vorbild der Bildungsexpansion sind Eliteunis wie Harvard und Yale.

Im kalifornischen Silicon Valley gibt es noch den ungebrochenen amerikanischen Optimismus zu bewundern. Er geht davon aus, dass nur die Amerikaner technologisch etwas revolutionär Neues entdecken können. John Chambers, der Chef des Netzwerkproduzenten Cisco , ist einer dieser unverbesserlichen Optimisten.

Er sagt - und das Zitat klingt in Englisch einfach am besten: "The next big thing is always coming from the U.S." Sinngemäß übersetzt: Wenn jemand etwas Neues entdecken wird, dann sind es immer noch wir Amerikaner. Wir Amerikaner und sonst niemand, you know?

Ja, die Amerikaner waren in der Vergangenheit ein innovatives Volk. Als letzte bahnbrechende Innovation brachten sie das Internet über die Welt. Aber wer hat es weiterentwickelt? Wer schafft es, das Internet mit den anderen Informationstechnologien wie Mobilfunk zu verknüpfen? Nicht die Amerikaner, sondern die Asiaten, und da an vorderster Front Japaner und Südkoreaner.

Wer bewundern oder erschaudern will - je nach dem persönlichen Standpunkt zu der krakenhaften Ausdehnung der modernen Kommunikationstechnologien -, der muss nicht nach New York oder San Francisco und erst recht nicht nach Berlin oder London fahren, sondern nach Tokio oder Seoul.

In diesen asiatischen Metropolen kann man sehen und staunen, wie die Informationsgesellschaften rund ums Handy und ums Internet der Zukunft aussehen werden. Sowohl Südkorea als auch Japan sind dem Westen - egal ob Europa oder den USA - um einiges voraus.

Aber Asien ist nicht nur - wie viele im Westen annehmen - in der Welt der Informations- und Kommunikationstechnologie führend. Die Region holt auch in anderen Bereichen auf, zum Beispiel in der Pharmaindustrie sowie der Bio- und Gentechnologie. "Die Zeiten, in denen Arzneimittel nur in Europa und Amerika entwickelt wurden, sind vorbei", schreibt "The Economist".

Wir werden uns daran gewöhnen müssen, dass die ein oder andere revolutionäre Entdeckung im Pharmabereich in Asien passiert - vor allem in Indien, der kommenden Supermacht des Wissens. Ein Krebsmittel aus Indien? Durchaus möglich.

Starke Zukunftsaussichten

Starke Zukunftsaussichten

Auch in der Bio- und Gentechnologie holen die Asiaten gewaltig auf. "Die Herausforderung der westlichen Vorherrschaft in der Stammzellen-Forschung durch China, Singapur und Südkorea ist durchaus real", resümierten britische Wissenschaftler nach einer Forschungsreise durch Asien.

Damit sind und werden die Asiaten gerade in den Bereichen stark, die gemeinhin als Zukunftstechnologien gelten: Die Informations-, die Bio- und die Nanotechnologie. Viele Experten gehen davon aus, dass diese Technologien zusammenwachsen. Wer also in diesen Feldern führend ist, dem gehört die Zukunft.

Es scheint so, dass dies einige asiatische Nationen sein werden, allen voran Japan, Südkorea, China, Singapur und Indien. "Wenn ich sehe, wie die loslegen, versetzt mich das manchmal in Angst und Schrecken", sagt Jürgen Mlynek, Präsident der Helmholtz-Gemeinschaft Deutscher Forschungszentren, gegenüber der "Wirtschaftswoche".

Die Vorherrschaft in vielen Technologien wird sich wohl vom Westen nach Osten bewegen. Einen Grund für diesen gravierenden Wandel schickt das Blatt gleich hinterher: China und Indien bildeten jedes Jahr zusammen eine halbe Million Ingenieure und Wissenschaftler aus, während es in den USA nur noch 60.000 seien.

Während im Westen viele Studenten BWL und Jura bevorzugen, weil sie sich dadurch einen gutbezahlten Job in der Glitzerwelt der Investmentbanker und Unternehmensberater erhoffen, bevorzugen die Abiturienten im Fernen Osten das wenig glamouröse Leben eines Ingenieurs.

Diese diametral unterschiedliche Entwicklung ist durchaus symptomatisch für die divergierenden Empfindungswelten der Nachwuchsgenerationen: Während die jungen Westler häufig die bequeme Tour wählen, quälen sich die jungen Asiaten - angetrieben von ihren aufstiegsorientierten Eltern - mit einem unbändigen Lerneifer durch ihre Bildungssysteme. Mittelfristig wird dies zu einem gravierenden Wettbewerbsnachteil des Westens führen.

Und es gibt noch einen anderen, entscheidenden Unterschied zwischen West und Ost: Während der so liberale Westen keine innovationsfördernde Industriepolitik betreiben will, mischt sich der Staat in Asien ganz massiv in die Technologieförderung ein - und das meist mit Erfolg.

Der Staat denkt und lenkt

Der Staat denkt und lenkt mit

In Südkorea hat Chin Dae-je den Titel "Mr. Technology". Offiziell ist er Minister für Information und Kommunikation. Für den Ministerposten gab er seinen lukrativen Job als Nummer zwei von Samsung Electronic auf. Man stelle sich das in Deutschland vor: Ein Siemens-Vorstand wird Forschungsminister. Weder der Manager noch Politikverantwortliche in Berlin kämen freilich hierzulande auf eine solche Idee.

Und man stelle sich auch vor, dass ein deutscher Wirtschafts- oder Finanzminister Sätze wie Chin sagen würde: "Mein Job ist es, Korea zu einem Technologieführer zu machen, anstatt nur Trends aus den USA und Japan zu folgen." Oder: "Die Regierung kann eine wichtige Rolle als Beschleuniger von neuen Technologien spielen."

Das ist doch Industriepolitik!, würde ihm unsere Schar freier Marktwirtschaftler entgegenschmettern. Während hierzulande seit Jahrzehnten unter dem Rubrum Industriepolitik eine fruchtlose Diskussion darüber geführt wird, ob der Staat sich einmischen soll oder nicht (die Antwort ist meist nein), handeln die asiatischen Regierungen. Sie finden nichts dabei, wenn sie gewisse Technologien als besonders förderungswürdig herauspicken und dabei eng mit der heimischen Wirtschaft zusammenarbeiten.

Jeder asiatische Staat, ob demokratisch oder autoritär regiert, ist dabei der nationalen Industrie behilflich. Die diversen Ministerien mischen sich massiv ein - ideell wie finanziell.

Besonders Japan hat dabei eine durchaus erfolgreiche Tradition. Das legendäre Handelsministerium MITI, aus dem inzwischen das METI hervorgegangen ist, hat sich immer als Partner der Industrie und als Trendsetter bei Technologien verstanden.

Vor allem in der Grundlagenforschung spielt der japanische Staat eine sehr aktive und steuernde Rolle. Er gibt mehr als doppelt so viel aus wie Unternehmen, nämlich knapp 15 Milliarden Dollar. Derzeit gelten unter Nippons Bürokraten die Branchen Informationstechnologie, Telekommunikation, Umwelt- sowie Nanotechnologie, Neue Materialien und Life Science als besonders förderungswürdig.

Die asiatische Konkurrenz hat das japanische Erfolgsmodell sehr genau studiert und kupfert es mehr oder weniger ab. So wurden in fast jedem Land ambitiöse Forschungsprogramme aufgelegt und mächtige Institutionen zur Förderung und Überwachung des Innovationsprozesses installiert.

Die technologische Aufholjagd

Technologische Aufholjagd

Besonders eifrig sind die Südkoreaner. Dort werden seit Jahren immer neue Projekte initiiert, um insbesondere die IT- und Kommunikationstechnologien zu fördern. Derzeit läuft zum Beispiel das Programm E-Korea. Seine Zielvorgabe: Mehr als 90 Prozent aller Südkoreaner sollen online gehen.

Aber auch in Malaysia, Singapur und erst recht in China blasen ambitionierte Regierungen zur technologischen Aufholjagd. Malaysias großer alter Mann, Ex-Premier Mahathir Mohamad, hat schon frühzeitig die Vision von Malaysia 2020 ausgegeben. Spätestens dann soll das Land zum Kreis der Industriestaaten gehören. Welche Branchen gefördert werden, definiert der Staat: Auto, Elektronik und natürlich Hightech.

Dasselbe macht Malaysias südlicher Nachbar Singapur etwas konsequenter und professioneller. Singapur setzt ganz auf knowledge-based industries. Labors statt Fabriken heißt die Devise.

Singapur lockt mit geringen Steuern (20 Prozent!) und anderen Anreizen ausländische Forscher und Manager ins kleine Land. Dafür hat der staatliche Economic Development Board ein International Manpower Program mit Büros in aller Welt installiert. Umgekehrt schickt der Staat die 500 besten Abiturienten Singapurs an die allerbesten Unis der Welt. Pro klugen Kopf lässt Singapur sich das rund 300.000 Euro kosten.

Die Volksrepublik China, an deren derzeitiger Partei- und Staatsspitze überwiegend Ingenieure stehen, legt extrem hohen Wert auf Innovationen und entsprechende staatliche Förderung. China will weg vom Image des Billigproduzenten, der in seinen Fabriken nur das macht, was ihm westliche Firmen vorschreiben.

Deshalb legte im Februar 2006 der Staatsrat, der unserem Regierungskabinett entspricht, einen ambitiösen Plan auf, mit dem China auch technologisch den Anschluss an den Westen schaffen will. Pathetisch heißt es darin: "Unsere heilige historische Mission ist der Aufbau einer innovativen Nation." Nicht weniger als 16 förderungswürdige Schlüsseltechnologien listet der Plan auf, darunter Software, Telekommunikation, aber auch Atomenergie und Raumfahrt.

Wie viel Geld die Regierung dafür lockermachen will, verrät sie nicht. Sie sagt nur, dass sich bis zum Jahr 2020 der Anteil der Forschungsausgaben am Bruttosozialprodukt auf 2,5 Prozent erhöhen muss. "China wird in den nächsten 15 Jahren zum Kreis der innovativen Länder gehören", kündigte Anfang 2006 ein selbstbewusster Staatspräsident Hu Jintao in einer Rede an.

Die asiatischen Silicon Valleys

Die asiatischen Silicon Valleys

Zu dieser technologischen Aufholjagd - sei es in China oder in den anderen asiatischen Ländern - gehört auch die Gründung und Unterstützung von vielen Silicon Valleys.

Fährt man nach der Landung auf dem Chiang-Kai-shek-Flughafen ausnahmsweise nicht Richtung Norden in die taiwanesische Hauptstadt Taipeh, sondern Richtung Süden, kommt man nach rund 40 Kilometern in eine Stadt, die eigentlich ein Industriepark ist: Hsinchu Park. Neben Universitäten, Instituten und Technologiefirmen gibt es hier Schulen, Parks, Wohnhäuser und Freizeitstätten.

Hsinchu Park ist der älteste, der größte und wohl auch erfolgreichste Silicon-Valley-Abklatsch Asiens. Ende der 70er Jahre schwärmte der damalige taiwanesische Minister ohne Portfolio, Kuo-Ting Li, vom Silicon Valley, jenem Stück Land südlich von San Francisco, das sich bis San José erstreckt.

Links und rechts der Route 101 tummelten sich damals kleine und große Hightech-Unternehmen und die berühmte Stanford University. Dort herrschte ein höchst innovatives Klima. Und die ersten Venture-Capitalisten gaben den jungen Unternehmern Geld.

Li setzte sich in den Kopf, dies auf Taiwan zu duplizieren. Er holte Stanford-Professor Frederick Terman nach Taipeh, um mit ihm den Hsinchu Science Park zu entwickeln. Das Erste, was die beiden machten, war die Ansiedlung der wichtigsten Unis und Forschungsinstitute in der Nähe von Hsinchu, darunter das Industrial Technology Research Institute (ITRI), das größte und wichtigste der Insel. Nach und nach folgten kleine Unternehmen, die im Laufe der Jahre immer größer wurden.

Heute ist Hsinchu mit seinen über 500 Unternehmen und rund 100.000 Beschäftigten das Zentrum der globalen Elektronik- und Halbleiterindustrie, das die Welt mit allem rund um den Computer versorgt. Ohne Hsinchu hätte das kleine Taiwan (22 Millionen Einwohner!) diese überragende Position nicht erreicht.

Gigantische Parks

Doch inzwischen gibt es in fast jedem asiatischen Land eine Kopie der taiwanesischen Kopie. Überall gedeihen Technologieparks, Hightech-Zentren und wie sie sich auch immer nennen. Häufig geben sie sich das Label Silicon Valley. Doch das ist meist Etikettenschwindel.

Nur wenige verdienen diesen Namen wirklich. Doch diese können sich zu Recht mit ihm schmücken. Im Hinblick auf Ausstattung und Unterstützung sucht man hierzulande vergeblich Vergleichbares. Martinsried vor den Toren Münchens, das gern gepriesene deutsche Silicon Valley für die Biotech-Industrie, ist da eher eine Miniaturausgabe.

Nein, die asiatischen Silicon Valleys haben ganz andere Dimensionen. Zum Beispiel "The Multimedia Super Corridor", der sich vom Flughafen bis ins Zentrum der malaysischen Hauptstadt Kuala Lumpur erstreckt. Der Korridor ist 50 km lang und 15 km breit. 40 Milliarden Dollar hat das Prestigeprojekt des ehemaligen Premiers Mahathir Mohamad gekostet.

Eine ähnliche Dimension hat Zhongguancun im Nordwesten Beijings. Das ist keine Neugründung auf der grünen Wiese. Hier hat sich um die beiden berühmten Beijinger Universitäten Beida und Qinghua - natürlich mit staatlicher Unterstützung - eine gigantische Wissenschaftslandschaft entwickelt.

Auf rund 100 Quadratkilometern werkeln dort rund 400.000 Forscher in über 200 Forschungsinstituten und an rund 50 Universitäten. Dazwischen befinden sich viele Hightech-Unternehmen und Start-ups. Lenovo , das berühmteste IT-Unternehmen Chinas, entstand zum Beispiel in Zhongguancun.

Neben diesen gigantischen Parks gibt es in fast jedem asiatischen Land etwas kleinere Ansammlungen von Wissenschaftlern und Unternehmen. Der Stadtstaat Singapur hat den Singapore Science Park und seit kurzem Biopolis. Hongkong baute einen Cyberport. In Südkorea gibt es mehrere kleine Technologiestätten - vom Ansan Technopark bis zur Taiduk Science Town.

Und da ist natürlich das Silicon Valley of India, die Gegend um Bangalore, wo sich Indiens IT-Elite versammelt hat.

Pauken, Pauken, Pauken

Pauken, Pauken, Pauken

Es ist ein gewöhnlicher Donnerstag im Leben des siebenjährigen japanischen Jungen Yataro. Seine Mutter Kumiko holt ihn nach der Schule an der Bushaltestelle ab. Schnell laufen sie nach Hause, wo er die Sporttasche packt - und ab geht es mit dem Fahrrad zum Fußballtraining. Anschließend eine Stunde Mathe-Nachhilfe, Hausaufgaben und Klavierunterricht.

Am Freitag stehen Schwimmen und erneut Mathe auf dem nachschulischen Stundenplan, am Samstag Englisch und Judo. Verplant sind auch die anderen Tage. Nur am Sonntag hat Yataro frei.

Mutter Kumiko Makihara ist eine japanische Journalistin. In einem Beitrag für den britischen Sender BBC hat sie den stressigen Alltag ihres Sohnes beschrieben. Sie plagen durchaus elterliche Skrupel angesichts des strammen Programms ihres Sohnes und des möglichen Verlusts einer unbeschwerten Kindheit. Doch sie sagt auch: "Wir wollen das Beste für unser Kind. Wir wollen, dass er mit seinen Klassenkameraden mithält."

Dies ist beileibe kein Einzelfall. So denken viele Eltern in Japan - und in anderen asiatischen Ländern. Egal ob in satten Gesellschaften wie Japan, aufholenden wie in Korea oder hungrigen in China - Bildung ist für viele das wichtigste Gut. Die Eltern investieren viel Geld und Zeit in die Ausbildung ihrer Kinder. Und die meisten Zöglinge fügen sich dem Druck.

In Südkorea gehen Kinder, die noch keine zehn Jahre alt sind, bereits auf Nachhilfeschulen, so genannte "hagwon". Dort pauken sie wochentags bis 23 Uhr, samstags bis 20 Uhr. In ganz Korea entstehen private English Villages, wohin Eltern ihre Kinder - neben der Schule - zum Englischlernen schicken und wo Koreanischsprechen außer beim Essen verboten ist.

Wir im Westen können diesen Bildungswahn mit seinen negativen Folgen für die Kinder kritisieren und ablehnen, aber wir sollten ihn zur Kenntnis nehmen und uns mit den gravierenden Konsequenzen auseinandersetzen. Diese hohe Priorität für Bildung wird in gar nicht allzu ferner Zukunft zu einem großen Vorteil der asiatischen Länder werden.

Denn Bildung ist die Basis für Innovationen. Investitionen in die - private wie öffentliche - Bildung sind Investitionen in die Zukunft eines Landes. Bei uns hört man diesen richtigen Satz in den Sonntagsreden der Politiker. Die Asiaten dagegen handeln danach und setzen ihn Tag für Tag um.

Diese Lerngier ist freilich nicht nur ein Phänomen der Gesellschaften im konfuzianischen Einzugsbereich, also in China, Japan, Südkorea und großen Teilen Südostasiens. Nein, dieser Wille ist auch auf dem indischen Subkontinent zu finden. Er ist dort fast genauso ausgeprägt wie im Osten Asiens, denn auch bei den Hindus hat Bildung seit ewigen Zeiten einen hohen Stellenwert.

Der "New York Times"-Reporter Nicholas Kristof, der lange Zeit für das Blatt Chef des Pekinger Büros war, berichtet von einer Reise nach Indien, wo er einen Kindergarten und eine Grundschule in einer armen Gegend des ohnehin schon armen Kalkutta besuchte. Selbst der Kindergarten bot schon Englisch-, Bengali-, Mathematik- und Musikunterricht an. Die Eltern der Schulkinder dort sind meist Straßenverkäufer, Rikscha-Fahrer oder sehr einfache Arbeiter.

Deren Monatseinkommen beträgt rund 23 Dollar. Trotzdem sind sie bereit, eine einmalige Aufnahmegebühr von 13 Dollar zu zahlen und monatlich 2,30 Dollar an die Schule zu überweisen. "Was sie nicht bekommen haben, sollen ihre Kinder bekommen", sagt der Schulleiter Sampa Sankar.

Diese Unser-Kind-soll-es-besser-haben-Mentalität geistert durch alle asiatischen Eltern-Köpfe. Wer es sich irgendwie leisten kann, schickt seine Kinder später auf die Universität. Doch davor stehen gnadenlose Aufnahmeprüfungen, auf die die Schüler oft jahrelang hinarbeiten - ob in China, Japan oder Südkorea.

Dort gibt es das Sprichwort four in, five out. Will heißen: Wer vier Stunden schläft, schafft den Sprung an die Eliteuni, wer dagegen fünf Stunden ruht, schafft ihn nicht.

Hohe Priorität für Hochschulen

Hohe Priorität für Hochschulen

Dicke Wolken hingen über dem Zentrum Singapurs. Es sah nach einem der üblichen Spätnachmittagsgewitter aus. Doch es blieb trocken an diesem Freitagabend. Es verhagelte den Veranstaltern nicht die Show.

Die Feier zur Gründung der Singapore Management University (SMU) konnte wie geplant im Freien stattfinden. Ein Orchester spielte auf, es gab den obligatorischen Drachentanz, ein Feuerwerk und jede Menge Reden. Natürlich sprach auch Premierminister Lee Hsien Loong.

Ich lausche den Reden und denke: Welch ein Kontrast zu Deutschland! Bei uns wird die öffentliche Hochschullandschaft kaputt gespart, hier wird aufgebaut. Im kleinen Singapur ist es die dritte Uni. Kostenpunkt: 450 Millionen Dollar. Der Campus mitten in der Stadt ist sehr edel, sehr funktional. Geschäfte, Banken, ein Gym mit allen Schikanen, ein Kopitiam mit fast allen asiatischen Küchen und kleine Vorlesungssäle mit sämtlichen technischen Finessen.

Während in Deutschland (und auch anderswo in Europa) gespart wird, wird nicht nur in Singapur, sondern in ganz Asien geklotzt. In China sind mindestens 50 neue Universitäten in Bau oder Planung. The Economist urteilt: "Die Chinesen unternehmen die größte Universitätsexpansion in der Geschichte."

Gleichzeitig fördern die Chinesen mit viel Geld ihre Eliteunis. 30 Hochschulen haben sie dafür ausgeguckt. Die absoluten Topunis sind Qinghua und Beida in Beijing sowie Fudan in Shanghai. "Erstklassige Universitäten spiegeln zunehmend die Macht unseres Landes wider", sagte ein stolzer Parlamentschef Wu Bangguo anlässlich der 1000(!)-Jahrfeier der Fudan-Universität in Shanghai.

Die Eliteunis holen zunehmend Lehrpersonal aus dem Ausland. So sind rund 40 Prozent der Professoren an der Beida im Ausland ausgebildet. Meist sind es amerikanische Wissenschaftler chinesischer Herkunft, die sich in eine Art patriotische Pflicht genommen sehen.

Das universitäre Vorbild

Wie zum Beispiel Andrew Chi-chih Yao, Princeton-Professor und einer der bekanntesten Computerspezialisten der USA. Er lehrt nun an der Qinghua und sagt gegenüber International Herald Tribune: "Das hat sicher etwas mit Patriotismus zu tun, denn ich konnte mir eigentlich nicht vorstellen irgendwo anders hinzugehen."

Den USA den Rücken gekehrt hat auch Robert Laughlin, amerikanischer Nobelpreisträger für Physik und Stanford-Professor. Er wurde mit viel Geld nach Südkorea als Leiter des Korea Advanced Institute of Science and Technology (Kaist) geködert, der führenden Technikuni des Landes.

Kaist hat sich eine Vision 2010 verordnet. Spätestens 2010 will die Hochschule auf Augenhöhe mit den US-Eliteunis sein. Immer wieder hört man diesen Vergleich, egal ob in China, Südkorea oder Indien. Man möchte in derselben Liga spielen wie Harvard, Stanford, Yale oder Princeton.

Bei allem Schielen auf die Besten der USA, bei aller Notwendigkeit, Eliten zu fördern, vernachlässigen die asiatischen Länder die Masse der Studierenden nicht. Es ist das Ziel ihrer Regierungen, möglichst vielen jungen Menschen ein Studium zu ermöglichen.

So hat das relativ kleine Südkorea bei einer Bevölkerung von 48 Millionen die relativ hohe Zahl von 2,6 Millionen Studenten, das große Indien 9,3 Millionen und das noch größere China 13,3 Millionen (2004). Diese Länder "produzieren" Jahr für Jahr eine große Zahl von Akademikern, vor allem im Bereich der Ingenieur- und Naturwissenschaften.

So verlassen jedes Jahr 200.000 Ingenieure Indiens Universitäten, in China sind es jährlich sogar 442.000. Zum Vergleich: Die USA bringen es gerade einmal auf rund 70.000! Das sind die entscheidenden Zahlen, wenn über die Wettbewerbsfähigkeit von morgen gesprochen wird.