Festplatten Retter von Bits und Bytes

Eine zerstörte Festplatte ist der Super-GAU für jedes Unternehmen. Häufig lassen sich die Daten allerdings mithilfe von Spezialisten noch retten. Doch wie genau geht das eigentlich?

Hamburg - Im Labor von Kroll Ontrack landen nur die schweren Fälle: verbrannte PCs, demolierte Festplatten, zerquetschte Datenbänder. Aber die Experten in den Labors geben keinen Fall verloren. Zu Preisen ab etwa 800 Euro retten sie Daten, die längst verloren scheinen, ihre Erfolgsquote liegt bei 80 Prozent. Ihr Werkzeug: Schraubenzieher, Lötkolben und jede Menge Hightech.

Im Reinraum-Labor analysieren die Festplattenexperten zunächst, ob eine physikalische Beschädigung des Mediums vorliegt. Manche Festplatten haben dazu ein Fenster eingebaut, durch das man auf die Oberfläche des eigentlichen Mediums, den sogenannten Platter, schauen kann.

Aber so ein Fenster gibt es nicht immer, erklärt Kroll-Ontrack-Ingenieur Hiller: "Bei 50 Prozent der Jobs, die hier reinkommen, ist es so, dass wir sie aufmachen müssen, um zu sehen, was kaputt ist." Wenn dann der Fehler gefunden ist, müssen die Männer feinmechanische Fähigkeiten beweisen und die defekten Teile austauschen.

Arbeit an der offenen Platte

Um nicht noch mehr Schaden anzurichten, arbeiten sie unter speziellen Lüftungssystemen. Die arbeiten ungefähr so wie eine Dunstabzugshaube in der Küche - nur umgekehrt: Die Luft wird außen angesaugt, durch einen Filter gepumpt und dann auf die Arbeitsfläche geleitet. Dadurch herrscht auf den Labortischen stets ein leichter Überdruck.

"So können wir die Festplatten offen laufen lassen, ohne dass sie von einem Staubkorn beschädigt werden könnten", erklärt Hiller. Denn ein Staubkorn reicht aus, um so eine Platte massiv zu beschädigen. Der Abstand zwischen Plattenoberfläche und Schreib-/Lesekopf beträgt zwischen 10 und 20 Nanometern. Kommt ein Staubkorn dazwischen, gibt's fiese Kratzer.

An einem aktuellen Fall erläutert Hiller, welche Probleme in der Praxis auftreten: "Da ist die Elektronik defekt gewesen. Zusätzlich hat dieser Defekt die interne Elektronik der Schreib-/Leseköpfe beschädigt. So mussten wir dann mehrere Teile auf einmal austauschen." Da häufig exotische und alte Laufwerke von den Kunden kommen, gehört die Beschaffung der Ersatzteile zu den Kernkompetenzen der Firma.

Festplattenarchiv als Kapital

Festplattenarchiv als Kapital

Für solche Fälle verfügt Kroll Ontrack über ein riesiges Ersatzteillager. Allein in den vier deutschen Niederlassungen liegen rund 2700 unterschiedliche Laufwerke. Auf diesen Fundus ist man stolz. "Wir haben Festplatten der letzten zehn Jahre da", sagt Europa-Vizechef Peter Böhret. Doch das sei nur ein Bruchteil des weltweiten Festplattenarchivs, in dem mehrere zehntausend Massenspeicher registriert sind . "Das ist Kapital, das man so braucht", sagt Böhret.

Denn wenn bei Kroll Ontrack eine Festplatte auf dem Labortisch landet, muss es meist schnell gehen. "Wenn man uns ruft, geht es ja um wichtige Daten - und die sind oft zeitkritisch", sagt Böhret. Zeit, umständlich nach den benötigten Ersatzteilen zu fahnden, bleibt da nicht. Die meisten sind vor Ort verfügbar. Nur selten, etwa vier- bis fünfmal im Monat, müssen die Experten das gesuchte Teil bei ihren Kollegen in den USA anfordern.

Allerdings sind es fast immer die gleichen Teile, die getauscht werden: die Elektronik und die Schreib-/Leseköpfe. Besonders schwierig wird es, wenn der Spindelmotor, der die Festplatte in Rotation versetzt, den Geist aufgibt. Einfach den Motor auszutauschen, geht nicht, erklärt Ingenieur Hiller: "Dann hätte man eine Unwucht auf der Platte." Klingt komisch, ist aber so.

Das Problem: Bei der Herstellung wird der Magnetismus erst nach dem Zusammenbau von Motor und Magnetplatte aufgebracht. Deshalb verfügt jede Platte über ein individuelles magnetisches Muster. Würde man einen anderen Motor in die Platte einbauen, liefe sie unrund; der Schreib-/Lesekopf hätte keine Chance mehr, Daten zu finden.

Tagelanges Daten lesen

Unter dem Mikroskop wird eine solche magnetische Unwucht mit einer Spezialflüssigkeit sichtbar gemacht. Den Defekt zu korrigieren sei zwar möglich, erläutert Hiller, aber sehr aufwendig. Da Zeit ein kritischer Faktor ist, wird meist versucht, die Daten mit anderen Methoden wiederherzustellen.

Dazu hat die Firma Spezialprogramme entwickelt, die auch von scheinbar unlesbaren Medien Daten lesen können. Diese Vorgänge brauchen freilich viel Zeit. Im Durchschnitt dauert es fast zwei Tage, eine Festplatte wiederherzustellen. In schwierigen Fällen kann dabei auch eine Woche ins Land ziehen.

Mit dem Auslesen der Daten ist die Arbeit aber ohnehin noch nicht getan. Im Reinraum werden nur Bits und Bytes wieder lesbar gemacht, Dateien werden daraus erst im EDV-Labor. Laboringenieur Klaus Hoffmann: "Ähnlich wie in der Bibliothek gibt es auf der Festplatte einen Katalog. In dem steht, in welchem Regal und an welcher Stelle sich ein Buch befindet. Wenn der Katalog nun weg ist, wird es schwierig, ein Buch wiederzufinden."

Festplatten werden immer besser

Festplatten werden immer besser

Doch genau das ist Hoffmanns Aufgabe: "Wir müssen aus den Bruchstücken wieder ein Dateisystem zusammenflicken". Der Erfolg hängt davon ab, wie stark der Katalog beschädigt ist. Ist er komplett unbrauchbar, müssen Spezialprogramme ran. Das, so weiß Hoffmann aus Erfahrung, "dauert schon ein paar Stunden", wenn es um eine 500-Gigabyte-Festplatte geht. Erst wenn die Daten auf diese Weise wiederhergestellt worden sind, werden sie auf ein neues Medium kopiert und an den Kunden geschickt.

Über Auftragsmangel kann sich das Unternehmen offenbar nicht beklagen. "Wir haben letztes Jahr etwa 7000 Fälle bearbeitet", sagt Böhret. Das sei aber keineswegs auf Nachlässigkeiten der Hersteller zurückzuführen. "Die Qualität der Festplatten hat über die letzten Jahre ständig zugenommen", erklärt der Manager. Bei einer Gesamtzahl von 40 Millionen Festplatten, die pro Jahr verkauft werden, sei das doch ein erfreulich geringer Prozentsatz. Auf die Geschäfte hat die gestiegene Qualität allerdings keinen Einfluss. Schließlich nimmt die Zahl der Massenspeicher - und damit auch die Zahl potenzieller Defekte - gleichzeitig zu.

Doch nicht immer geht es darum, defekte Platten zu reparieren. Oft genug werden die Datenretter auch als Computerforensiker zu Hilfe gerufen. In dieser Funktion überprüfen sie Festplatten nach Spuren möglicher Straftaten. Im Fall Enron wurden auf diese Weise vermeintlich gelöschte E-Mails wieder sichtbar gemacht. Von Vorteil für die Datenretter: Die meisten bösen Buben wissen nicht, dass es nicht ausreicht, Dateien einfach zu löschen, um sie verschwinden zu lassen. Was per Mausklick auf "Löschen" vernichtet wurde, finden die Profis locker wieder.

Doch auch, wer da auf Nummer sicher gehen will, findet bei Kroll Ontrack die passende Lösung: den Data Eraser. Das ist eine Software mit der man seine Daten verlässlich und unwiederbringlich löschen kann - verspricht der Hersteller.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.