Handys Die alte, neue Einfachheit

Mobiltelefone bieten mittlerweile eine Unmenge an Funktionen, die nur noch selten allesamt genutzt werden. Nun besinnen sich die Hersteller wieder auf die eigentliche Aufgabe des Handys: Das Telefonieren von unterwegs.

Hamburg - Mit dem Slogan "Dein Computer 2.0" wirbt Nokia  für sein neuestes Mobiltelefon-Highlight. Der Spruch stimmt. In dem kleinen Kästchen stecken neben einer 5-Megapixel-Digitalkamera ein MP3-Spieler, ein Videoplayer, ein Webbrowser und ein E-Mail-Programm, eine Kontakt- und Terminverwaltung, eine USB-2.0-Buchse, Bluetooth-Kurzstreckenfunk und ein drahtloser W-Lan-Anschluss. Sogar ein GPS-Modul zum Navigieren ist bereits integriert. Nur der Begriff "Telefonieren" taucht in Nokias Liste der Schlüsselfunktionen des N95 nicht auf - dabei ist es doch eigentlich ein Mobiltelefon.

Dieser Funktionswahn ist nicht neu. Seit Jahren rüsten die Handyhersteller ihre Geräte mit immer mehr Fähigkeiten aus. Und die muss man beim Kauf natürlich mitbezahlen, ganz gleich ob man sie braucht oder nicht. So ist es seit einigen Jahren kaum noch möglich, ein Mobiltelefon ohne Digicam zu bekommen. Das Argument der Hersteller: Die Netzbetreiber wollen es so, weil die Kunden angeblich keine Handys ohne Kamera mehr kaufen - doch nun scheint sich der Wind zu drehen.

Alle großen Hersteller, zuletzt auch Weltmarktführer Nokia, haben mittlerweile Lowtech-Handys angekündigt oder sogar schon in den Handel gebracht, die sich vor allem durch eines auszeichnen: Bei ihnen steht das Telefonieren im Vordergrund.

Funktionsverzicht als Verkaufsargument

"Wir wissen, dass es viele Menschen gibt, die ein Mobiltelefon wünschen, um mit anderen einfach nur in Verbindung zu bleiben", sagte Nokia-Manager John Barry bei der Vorstellung des Simpelhandys 3109. Zusätzlich verweist er darauf, dass sich nicht nur Privatanwender, sondern auch viele Firmenbosse Mobiltelefone ohne Schnickschnack wünschen. In den Sicherheitsbereichen etlicher Unternehmen ist es längst verboten, Kamerahandys mitzubringen. Zu groß ist die Angst, die leistungsfähigen Digicams könnten benutzt werden, um Firmengeheimnisse nach draußen zu schmuggeln. Barry: "Unternehmen, die ihren Mitarbeitern Mobiltelefone zur Verfügung stellen möchten, bietet das Nokia 3109 Classic umfassende Funktionen und erfüllt gleichzeitig die Vorgaben des Unternehmens im Hinblick auf Datenschutz und Sicherheit."

Dem von Nokia erhofften Einsatz in Firmen dürfte auch zu verdanken sein, dass das 3109 trotz allem Minimalismus mit einer E-Mail-Software ausgestattet ist. Sogar ein Musikplayer ist eingebaut, aber den kann man ja ignorieren. Wer mit dem Nokia dennoch Musik hören möchte, kann das Gerät per Speicherkarte mit bis zu zwei Gigabyte Speicherplatz ausrüsten. So richtig minimal mochte man es bei Nokia also offenbar doch nicht halten. Das erklärt auch den Preis, denn mit voraussichtlich 140 Euro, ohne Vertrag, ist Nokias 3109 das teuerste unter den Billighandys.

Billig auch ohne Vertrag

Billig auch ohne Vertrag

Deutlich günstigere Angebote unterbreitet dagegen die Konkurrenz. Motorola  preschte bereits Ende 2006 mit dem Motofone F3 voran. Ganz anders als das eher altbacken gestaltete Nokia-Modell, haben die Motorola-Designer auch beim Billigangebot ganze Arbeit geleistet. Denn das sieht einfach schick aus, ist nur neun Millimeter dünn, wiegt leichte 80 Gramm und wirkt insgesamt sehr wertig. Trotzdem kostet es ohne Vertrag nicht mal 50 Euro.

Für so wenig Geld gibt es auch kaum Funktionen. Größter Nachteil: Das Telefon funktioniert nur in D- und E-Netzen. Innerhalb Europas macht das nichts, in die USA oder Japan sollte man es dagegen gar nicht erst mitnehmen. Dafür, so Motorola, soll es besonders gut gegen Staub und Dreck geschützt sein und so hohe Gesprächslautstärken ermöglichen, dass man auch bei Lärm noch telefonieren kann. Auch diese Merkmale dürften im betrieblichen Umfeld gewünscht sein.

Mit solchen Attributen kann das von Sony Ericsson angekündigte J110i nicht protzen. Dafür ist es besonders einfach zu bedienen, da stets nur ein Symbol, bildfüllend auf dem Display zu sehen ist. Besonders viele davon gibt es ohnehin nicht, da auch Sony Ericsson sich hier auf das Wesentliche konzentriert. Da gehört es schon zu den Highlights, dass eine Weckfunktion und sogar ein paar Spiele integriert sind. Mehr kann man für 59 Euro nicht verlangen. Für 69 Euro hingegen schon. Wer bereit ist, diesen Aufpreis zu zahlen, bekommt das fast baugleiche Modell J120i. Dem liegt zusätzlich ein Stereo-Headset mit Radioempfänger bei.

Dritte Welt statt 3G

Noch etwas billiger will der britische Vodafone-Konzern seine Modelle 125 beziehungsweise 225 vermarkten. Die sollen ohne Vertrag zu Preisen zwischen 19 und 35 Euro verkauft werden. Allerdings nur in sogenannten "aufstrebenden Märkten", man könnte auch sagen, in der Dritten Welt.

Vodafone  sieht Länder wie Tansania, Indien und Kenia als Abnehmer für die in China hergestellten ultrabilligen Geräte. "Wir glauben, dass das Vodafone 125 und das Vodafone 225 dazu beitragen werden, Millionen Menschen in der Welt mehr Freiheit zu geben, sagte Vodafone-Manager Jens Schulte-Bockum bei der Vorstellung der Geräte. Klingt nach einem noblen Vorsatz. Allerdings dürfte auch Vodafones Wunsch, sich möglichst frühzeitig eine möglichst große Stammkundschaft in den neuen Märkten zu sichern, eine nicht unerhebliche Rolle spielen.