Google Translate Viele Worte sind kein Satz

Wer einen Text übersetzen will, findet im Internet bisher eher unterhaltsame denn taugliche Masken. Google schickt mit Translate nun einen Web-Übersetzungsdienst ins Rennen, der so nützlich ist wie spaßig - und wohl besonders gut bei unserer Bundeskanzlerin ankommen wird.

Hamburg - Die so oft beschworene digitale Kluft hat nicht nur monetäre oder Altersgründe. Die Tatsache, dass viele Menschen nach wie vor wenig Spaß am Internet entwickeln, ist oft genug auch durch Sprachprobleme begründet: Während wir Ureinwohner von Cyberia und Einwanderer in Digitalien munter auf Englisch parlieren und das für völlig selbstverständlich halten, sind auch in Deutschland dem Gros der Bevölkerung Angebote in dieser Sprache weitgehend verbaut.

Denn anders als das Web kennt die Welt keine echte Lingua Franca, die jeder beherrschte.

Auch wenn die meisten Menschen in Europa heute irgendwann zumindest Grundzüge einer Fremdsprache lernen, bleiben Kommunikation und Konsum von Information darin doch noch immer einer Informationselite vorbehalten, die ihre Kenntnisse auch nach der Schulzeit pflegt und ausbaut. Zum Glück gibt es kreative Tech-Unternehmen, die für uns die Sprachbarrieren niederreißen wollen.

Vorreiter dieser Wohltäter war der einst weltweit führende Suchdienst Altavista: das Google  der Neunziger - mittlerweile von Yahoo geschluckt. Sein bereits 1997 eingeführter, auf einer Software von Systran basierender Web-Übersetzungsdienst Babelfish  wurde zu einem weltweiten Erfolg: Kreuz und quer durch zahlreiche Sprachen übersetzte der Dienst Texte oft mehr schlecht als recht, aber äußerst unterhaltsam.

In Deutschland wurde Babelfish 1998 durch die geniale maschinelle Übersetzung des Starr-Reports im Amtsenthebungsverfahren gegen Bill Clinton bekannt. Dort lernte man, dass die arme Monica ihre "weiße Hausbeschäftigung als Internierter" im "ovalen Büro" begann, wo sie dann irgendwann "Mundgeschlecht auf ihm (Clinton) aufführte". Selbst vor intimsten Details schreckte die Übersetzung nicht zurück: "Der Präsident war innerhalb alleine, und er winkte ihr zu, um hereinzukommen. Sie erklärte ihm, daß sie eine Zerstampfung auf ihm hatte."

Semantik bleibt ein Problem

Semantik bleibt ein Problem

Das klang erst einmal erschreckend, schreckte aber niemanden ab. Gerade die Schrägheit der Übersetzungen, bei denen man mit Glück ahnte, worum es wirklich ging, wurde schnell zum Kult. Zumal Babelfish ja gut genug war, zumindest tendenziell klar zu machen, worum es ging: "Im Verlauf des Flirtings mit ihm, hob sie ihre Jacke in der Rückseite an und zeigte ihm die Brücken ihrer Zapfenunterwäsche, die über ihr Hosen ausdehnten."

Was sich auch ausdehnte, war die Popularität solcher Übersetzungsdienste. Seit Langem leisten sich auch andere Dienstleister wie Google  solche Übersetzungsmasken. Bisher aber war das alles ziemlich mühselig: Man musste den fremdsprachigen Text ausschneiden, in ein Übersetzungsfenster einfügen, Ausgangs- und Zielsprache wählen und konnte dann nur noch die Daumen drücken. Allzu oft erwiesen sich die maschinellen Übersetzer dabei schlicht als dämlich und mit einem Vokabular ausgestattet, dass über die Alltagssprache eines angelernten Besenfesthalters nicht hinausgeht - arm im Vergleich zu einem guten Wörterbuch . Viel zu viele Worte schicken die Dienste der Suchmaschinen unübersetzt zurück.

Das aber - siehe oben - ist das geringste Problem der automatischen Webübersetzer. Ihre größte Schwäche ist von jeher die Semantik: Sie erkennen den Sinn komplexer Sätze, Absätze oder Texte nicht. Oder hat sich da was getan in den letzten zehn Jahren?

Bequem, lustig und nützlich

Durchaus, und Google will uns allen zeigen, wie weit die Entwickler inzwischen sind. Google hat für seinen neuen, aufgebohrten Translate-Dienst , der in dieser Woche in die Beta-Erprobungsphase ging, vor allem am Interface geschraubt. Translate präsentiert sich nun zunächst als fast normale Suchmaske, bei der man nur die eigene Sprache festlegen muss, sowie in welcher Sprache die durchsuchten Dokumente abgefasst sind.

Als Resultat erhält man eine übersetzte Ergebnisliste und fortan auch die Navigation in der eigenen Muttersprache. Alternativ zur freien, übersetzten Suche bietet Translate dazu unter "Text and Web" nach wie vor die Möglichkeit, ausgeschnittene Textpassagen oder konkrete Webadressen zu übersetzen. Das alles ist bequem, nach wie vor lustig aber trotzdem nützlich.

So fördert eine aktuelle Suche nach "Angela Merkel"  zutage, dass diese "christdemokratischer Anschlussführer" ist, aber natürlich auch "Deutschlands erster weiblicher Kanzler". Als "ersten Führer seit Vereinheitlichung" wird sie sich sicher weniger gern titulieren lassen, dass sie "1 ordnet" auf "den 100 leistungsfähigsten Frauen 2006" dürfte sie dagegen mit Stolz erfüllen. Man sieht: Semantik bleibt ein Problem.

Trotzdem ist der Nutzwert des neuen Services nicht zu unterschätzen. Gut ist hier nicht nur, dass man die Ergebnisse im Kontext serviert bekommt, gut ist vor allem, dass es hier nicht endet: Google Translate entlässt den Nutzer in eine Art Übersetzungsblase im Web. Wer auf einen der Links klickt, dem werden die Webseiten dahinter in maschinell übersetzter Form serviert.

"Kanzler rühmt jetzt sich stratospheric Zustimmung"

"Kanzler rühmt jetzt sich stratospheric Zustimmung"

Das - der Starr-Report lässt grüßen - bleibt eine lustige Angelegenheit, und doch hat sich viel getan seit den ersten Schwimmversuchen des Babelfish. Die immer noch deutliche semantische Schwäche scheint weit weniger gravierend als früher: Eine "Zerstampfung" braucht Frau Merkel jedenfalls nicht zu befürchten. Und auch wenn ab und an mal ein Satz in die Binsen geht, ist der Sinngehalt eines Textes heute etwas besser zu erschließen. Ein Beispiel aus der "Time" vom 30. April 2006:

"Zu der Zeit ihrer Wahl fast sechs Monaten vor, Angela Merkel, Deutschlands erstem Frau Kanzler und dem ersten Führer, da die Vereinheitlichung, um vom früher kommunistischen Osten zu hageln, weg von den Kommentatoren geschrieben wurde. Der Führer der konservativen christlichen Demokraten wurde gezwungen, eine Koalitionregierung zu führen, in der viele wichtige Positionen von den Sozialdemokraten gehalten wurden. Aber der Kanzler rühmt jetzt sich stratospheric Zustimmung Bewertungen, und die Verbesserung in der deutschen Wirtschaft wird gesetzt allgemein unten zum 'Merkel Effekt.'"

Auf den ersten, weitgehend sinnfreien Satz folgen halbwegs verständliche Übersetzungen - man weiß, was der Autor sagen will. Und Google  gönnt uns mehr davon. Genauer gesagt: So viel wir wollen.

Denn jeder Link im übersetzten Text führt uns wieder zu einer übersetzten Seite und so fort - statt in den Weiten des fremdsprachigen Netzes bewegen wir uns im fehlerhaft übersetzten, aber immerhin leidlich verständlichen Google-Web. So lustig das alles für den Sprachkenner ist, man muss es honorieren: Es erschließt Teilen der Bevölkerung Teile des Netzes, die bisher weitgehend unzugänglich waren.

Dass Google dabei einen vollständigen Einblick in das Surfverhalten seiner Nutzer bekommt, wird manchen irritieren. Die Tatsache aber, dass viele Nutzer den Dienst vor allem in Anspruch nehmen werden, um die beknacktesten Fehlübersetzungen zu suchen, dürfte für hinreichend erratische Nutzerstatistiken sorgen, um den potenziellen Wert der denkbaren Surfüberwachung zu mindern. So hat Google mit Translate einen Dienst aus der Taufe gehoben, der den meisten Nutzern etwas bringt: Die Sprachversierten lachen nun lauter mit Google, Menschen ohne Fremdsprachenkenntnisse freuen sich über eine Erweiterung ihrer Möglichkeiten.

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