SAP-Chef "Neue Wachstumswelle"

Beinahe euphorisch verkündet SAP-Chef Henning Kagermann auf der Hausmesse in Wien, dass dem Konzern eine neue Wachstumsperiode bevorsteht. Seine Hoffnungen setzt der Manager dabei vor allem in die Software MySAP sowie die Mittelstandsoffensive. Unterstützend sollen zudem die Übernahmen von zwei skandinavischen Firmen wirken.

Wien - Die neue Wachstumskurve sei vergleichbar mit der Anfang der 90er Jahre, sagte Kagermann vor Beginn der jährlichen Kundenkonferenz Sapphire in Wien. Im Mittelpunkt der neuen Wachstumsperiode werde die Software stehen, die Unternehmen erlaubt, ihre Verwaltung mit der der Partner zu vernetzen. Dadurch werde ein Prozess automatisiert, der gegenwärtig noch von Einkäufern getätigt werde, erläuterte Kagermann.

Der Walldorfer Softwarekonzern SAP  ist vor den US-Wettbewerbern Oracle  und Microsoft  der weltgrößte Hersteller von Unternehmenssoftware. SAP ist mit dem Produkt Enterprise Resource Planning (ERP) R/3, das Anfang der 90er Jahre eingeführt wurde, Marktführer.

Die im vergangenen Jahr gestartete Softwarelösung MySAP 2005 in Verbindung mit der Netweaver-Plattform ist das derzeit maßgebliche Produkt für den Konzern, mit dem das Wachstum künftig bestritten werden soll. Kagermann bekräftigte die Einschätzung, dass 96 bis 98 Prozent der SAP-Kunden bis 2009 und 2010 ihre Systeme von der alten ERP-Software R/3 auf die neue MySAP-Software umgestellt haben.

Mittelstandssoftware kommt Anfang 2008

Im vergangenen Jahr hatte SAP zudem angekündigt, die Kundenzahl bis zum Jahr 2010 mit einem neuen Softwareprodukt für mittlere und kleinere Unternehmen auf 100.000 zu verdreifachen. Zielgruppe dieser Offensive sind vor allem Firmen mit einem Jahresumsatz von weniger als einer Milliarde Dollar und einer Mitarbeiterzahl zwischen 50 und 500 Beschäftigten. Bislang liefert das Walldorfer Unternehmen seine Software vornehmlich an große Konzerne wie etwa BMW  oder den US-Einzelhandelskonzern Wart Stores.

Das neue Mittelstandsprodukt mit dem Namen A1S befindet sich bislang noch in der Testphase. Im Gegensatz zu den auf die Kundenbedürfnisse zugeschnittenen Lösungen erhält der Kunde laut SAP damit eine Standardlösung, die vielen Kleinunternehmen genügen soll. Die Software werde im Gegenzug auf ihre Einsatzdauer gerechnet bis zu 90 Prozent günstiger sein als angepasste Lösungen.

"Wir werden A1S im ersten Quartal 2008 stufenweise auf den Markt bringen", sagte der stellvertretende CEO Léo Apotheker. Bislang hatte das Unternehmen einen Start des Produkts Ende 2007 oder Anfang 2008 in Aussicht gestellt. SAP-Chef Kagermann verkündete bereits vergangenen Freitag auf der Hauptversammlung, dass die Software zunächst nur in wenigen Branchen und Ländern eingeführt werde. Aus Marktsicht sollen innerhalb der ersten zwei Jahre 80 Prozent der Welt mit dem neuen Produkt abgedeckt werden, fügte Apotheker hinzu.

"Keine Übernahmeangebote"

"Keine Übernahmeangebote"

Der SAP-Manager trat zudem Befürchtungen einiger Analysten entgegen, dass sich das Unternehmen nach dem Weggang von Entwicklungsvorstand und designiertem Kagermann-Nachfolger Shai Agassi wieder von seiner internationalen Ausrichtung abwenden könnte. Unter Agassi hatte SAP  die weltweiten Forschungs- und Entwicklungsaktivitäten deutlich ausgebaut und in den vergangenen Jahren Toptalente von Wettbewerbern wie Oracle  oder Sun Microsystems  abgeworben. Vor dem Amtsantritt Agassis hatte sich die Entwicklung bei SAP vornehmlich rund um die Zentrale in Walldorf konzentriert.

Apotheker rechnet demnach nicht damit, Probleme bei der Rekrutierung von neuen Talenten zu bekommen und kündigte an, die internationale Ausweitung der Forschungs- und Entwicklungsarbeit fortzusetzen. So plane SAP neue Entwicklungszentren im Ausland. Konkret nannte er hier Russland, wo in den kommenden drei Jahren ein SAP-Entwicklungslabor entstehen soll.

Zu den anhaltenden Spekulationen bezüglich diverser Übernahmeangebote sagte SAP-Chef Kagermann: "SAP hat in den vergangenen Monaten keine Übernahmeangebote von einem Finanzinvestor oder einem anderen Bieter erhalten."

In den vergangenen Monaten war an den Finanzmärkten wiederholt über mögliche Kaufofferten für SAP spekuliert worden. Im Gespräch war unter anderem der US-Finanzinvestor Silver Lake. Die drei noch mit großen Aktienpaketen an SAP beteiligten Unternehmensgründer Hasso Plattner, Dietmar Hopp und Klaus Tschira hatten allerdings Berichten widersprochen, sie seien verkaufsbereit.

Zwei IT-Firmen übernommen

Dafür hat SAP selbst zwei weitere Zukäufe getätigt, um sich in den Bereichen Internetkommunikation und Identifikationsmangement gestärkt. So übernimmt das Unternehmen den norwegischen Hersteller von Identifizierungssoftware Maxware und den finnischen Internetkommunikationspezialisten Wicom Communications, wie SAP mitteilte.

Beide Unternehmen befanden sich bislang in Privatbesitz. Nähere Angaben zu den Kaufpreisen oder Details zu den Transaktionen machte SAP nicht. Die Zukäufe erfolgen im Zuge der Strategie, nach der SAP ergänzende Technologien mit gezielten kleineren Akquisitionen zukaufen will.

Erst am Freitag auf der Hauptversammlung hatte Kagermann diese Strategie bekräftigt. So soll künftiges Wachstum vor allem aus organischem Wachstum in Verbindung mit dem gezielten Zukauf von Technologie erzielt werden.

Die Maxware-Lösungen sollen zur Erhöhung der Sicherheit in die SAP-Netweaver-Plattform integriert werden. Mit Wicom Communications sollen die Kundenserviceangebote von SAP ausgebaut werden. So habe Wicom ihre Software bislang an 200 Kontaktcenter in 18 Länder ausgeliefert.

Kooperation bei Finanzsoftware

Kooperation bei Finanzsoftware

Das schleppende Geschäft mit Kunden in der Finanzbranche will SAP  darüber hinaus mit einer Kooperation mit dem Softwarespezialisten Sungard ankurbeln. Das erste gemeinsame Produkt mit dem Marktführer für Bankensoftware werde in Europa auf den Markt gebracht und das sogenannte Asset Liability Management abdecken, hieß es. Mit der Software könnten Banken die Auswirkungen von Zinsänderungen oder Währungsschwankungen auf die Bilanzpositionen analysieren.

Einen Zeitplan für die Vermarktung des neuen Pakets nannte SAP nicht. Sungard gilt als führender Anbieter von Software für die Finanzbranche, die bislang vorrangig auf selbst entwickelte Programme für die Datenverarbeitung setzt.

Der bei SAP für die Finanzbranche verantwortliche Manager Thomas Balgheim sagte, Banken stellten eine schwer zu knackende Nuss dar. Vor allem Banken mit bedeutendem Privatkundengeschäft zögerten, ihre Informationstechnik zu modernisieren und die von SAP angebotene standardisierte Software einzusetzen.

Balgheim bekräftigte, dass SAP seine Marktstellung in der Finanzbranche verbessern wolle. In den nächsten drei bis fünf Jahren wolle der Konzern zu den drei größten Anbietern gehören, derzeit belege SAP Rang fünf. Hinter Sungard rangiert Fair Isaac auf Platz zwei, SAPs Erzrivale Oracle  nimmt Rang drei ein.

manager-magazin.de mit Material von ddp, reuters und vwd

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