Wunderkind Der indische Bill Gates

Mit 20 Jahren gründete Bill Gates seine Softwarefirma Microsoft. Suhas Gopinath leitete in diesem Alter schon seit sechs Jahren ein IT-Unternehmen von Weltrang. Das indische Wirtschaftswunderkind hat mit viel Geduld und Durchsetzungsvermögen Erstaunliches zustande gebracht.

Bangalore - Kala Gopinath macht sich Sorgen um ihren Sohn. Suhas isst zu wenig, schläft zu wenig. "Das kann nicht gesund sein." Sie häuft dem 21-Jährigen noch Gemüse und zwei Idlis auf den Teller, weiße Klöße aus Reis- und Linsenmehl, die Gopinaths sind gläubige Hindus und daher Vegetarier. "Heute hat er bis vier Uhr morgens auf dem Sofa gelegen und am Laptop gearbeitet. Um acht Uhr ist er dann ins Büro gegangen."

Jetzt ist es Mittag, Suhas ist zum Essen nach Hause gekommen - es sind nur fünf Minuten Fußweg. "Meine Mutter hat darauf bestanden, dass mein Arbeitsplatz ohne Auto zu erreichen ist." Er lacht.

So also lebt der Chef und Mitgründer von Globals Inc.  - einem aufstrebenden IT-Unternehmen, das Internetseiten und Software produziert, 400 Mitarbeiter in aller Welt beschäftigt und zu einer Ikone geworden ist. Das Limca-Buch der Rekorde, die indische Version des Guinness-Buchs, führt ihn als "jüngsten Firmenchef der Welt". Die Politik seines Heimatlandes feiert ihn als Modell-Inder: Seht her, was unsere jungen Leute schaffen!

"Warum sollte ich mein Kind verkaufen?"

Suhas Gopinath könnte sich in einem dicken Auto chauffieren lassen, in einem Penthouse leben, seinen Eltern eine Villa in einer schönen Gegend am Stadtrand kaufen. Aber die Familie lebt in einem Mittelklassehaus. Er fährt einen Kleinwagen. Er hat keines dieser trendigen Handys. Er trägt keine Markenklamotten.

Im Jahr 2005 hat ihm eine Investmentfirma aus Houston, Texas, 100 Millionen Dollar für einen Mehrheitsanteil an Globals geboten. Er hat abgelehnt, "zugegebenermaßen nach einigen Monaten Diskussion". Der Grund für das Nein: "Warum sollte ich mein Kind verkaufen?"

Suhas mag indische Traditionen: Bescheidenheit, die Eltern ehren, ein bisschen Patriotismus. Obwohl er es nicht leicht hatte in Indien, als ihn noch niemand kannte.

Kampf um "Cool Hindustan"

Kampf um "Cool Hindustan"

Mitte der 90er Jahre eröffneten in Bangalore die ersten Internetcafés. Eines machte neben Suhas' Elternhaus auf. "Mein Bruder Shreyas hat mich dorthin mitgenommen. Ich war fasziniert. Das Internet hat mein Leben verändert." Jede freie Minute war er im Netz.

Er brachte sich selbst bei, wie man Internetseiten baut. "Er hat jede Rupie, die er hatte, im Internetcafé ausgegeben", sagt seine Mutter. Man merkt ihr heute noch an, dass sie das damals nicht guthieß. Suhas sagt: "Ich war bis dahin ein guter Schüler. Nachdem ich das Internet entdeckt hatte, war ich ein durchschnittlicher Schüler." Tierarzt wollte er früher werden. Von dem Wunsch ist sein Engagement für den Tierschutz geblieben.

Im Jahr 1998 war Suhas 13, und er stellte seine erste Seite ins Netz: www.coolhindustan.com. "Ich wollte Indern in aller Welt ein Forum bieten, um Veranstaltungen, Restauranttipps und alles einzutragen, was sie interessiert." Die Seite wurde populär - allerdings auch bei Hackern in Pakistan. Sie griffen Cool Hindustan an, ersetzten das Logo auf der Seite in Cool Pakistan. "Das war eine schreckliche Erfahrung", sagt Suhas heute. Er gab sein Projekt auf.

Da war Talentjägern im Silicon Valley der Name Suhas Gopinath schon ein Begriff. Die Firma Network Solutions lud den jungen Inder in die Firmenzentrale nach San José in Kalifornien. Zum ersten Mal in seinem Leben bestieg er ein Flugzeug, zum ersten Mal verließ er Indien.

Kalifornischer Umweg

"Sie boten mir einen Job an. Im Gegenzug hätten sie für meine Ausbildung in den USA gesorgt." Er sagte Nein. "Warum sollte ich das, was ich für eine fremde Firma leisten soll, nicht für mein eigenes Unternehmen tun?"

Da hatte er endgültig beschlossen, Unternehmer zu werden. Mit 14.

Es war ein Beschluss, den er gegen Widerstände durchsetzen musste. Da waren die Eltern, die ihm auftrugen, bitteschön die Schule abzuschließen und dann etwas Vernünftiges zu studieren. Da war die Verlockung eines festen Jobs. Und da war das indische Gesetz. Es setzt für Unternehmensgründer ein Mindestalter von 18 Jahren fest.

Auf gar keinen Fall wollte Suhas vier Jahre warten. Er trickste: Mit drei Freunden meldete er 1999 seine Firma an - in San José. "Online natürlich", sagt er. Global Solutions sollte sie heißen, aber der Name war vergeben, so kam er zu Globals.

Pubertierender Unternehmer

Pubertierender Unternehmer

Er bedauert noch heute, dass er seine Firma nicht in Bangalore gründen durfte. Heute kennen Indiens wichtigste Politiker den jungen Mann, er bekam ein Gespräch unter vier Augen mit Präsident Abdul Kalam. "Ich habe ihm gesagt, dass die Altersuntergrenze für Unternehmensgründer unbedingt abgeschafft werden muss." Kalam versprach ihm Unterstützung. Bisher hat sich nichts geändert.

Nicht nur das Gesetz war seinerzeit eine Hürde. Potenzielle Kunden zogen Aufträge zurück, als sie erfuhren, dass ihr Partner gerade 14 war. "Viele nahmen mich nicht ernst." Kaum spross das erste Barthaar, ließ er sich einen Schnauzer stehen. Heute ist der, auf Rat von Freunden, wieder ab.

Suhas überwand alle Widerstände - weil er gut war. Nach und nach sprachen sich die Fähigkeiten seiner Firma herum. Suhas stellte immer mehr Menschen an, gründete immer mehr Büros. Er wurde zum Chef, Arbeitgeber, Unternehmensführer. Mitten in seiner Pubertät.

Er sagt, ein großer Antrieb für ihn sei die Wut darüber gewesen, dass er wegen seines Alters nicht ernst genommen wurde. Außerdem wollte er so werden wie Bill Gates. "Der ist trotz seines Reichtums nicht abgehoben."

Der Altersdurchschnitt bei Globals liegt bei 21, der älteste Mitarbeiter ist 26, der jüngste 12. "Das ist ein Junge aus einem Dorf außerhalb von Bangalore. Er hat mich so oft angerufen, bis er einen Termin bekommen hat. Seine Computerkenntnisse hat er sich auch in einem Internetcafé selbst erarbeitet." Fest anstellen dürfe er den Jungen aus gesetzlichen Gründen nicht, sonst wäre das Kinderarbeit. "Aber wir haben ihm einen Computer mit Internetanschluss gegeben. Er arbeitet jetzt gelegentlich für uns und macht Webdesign."

Nimm keinen über 30

Alter dürfe bei Globals keine Rolle spielen, sagt Suhas, ausschlaggebend seien nur Fähigkeiten und Leistungen. "Wir Inder haben eine natürliche Begabung für den Umgang mit Computern", sagt er. Dennoch: Viele bei Globals können sich kaum vorstellen, jemanden über 30 einzustellen. "Das wäre wirklich komisch", sagt Amruta Desai (22) Vizepräsidentin und zuständig für Marketing und Strategie.

Inzwischen hat Globals 200 Kunden weltweit, Vertretungen in elf Ländern, das Hauptgeschäft macht das Unternehmen in Europa - etwa 65 Prozent seines Umsatzes. Die jungen Inder haben die richtigen Marktlücken gefunden. Sie entwickelten eine Software für Schulen, ein Programm, mit dessen Hilfe Lehrer Noten und Fehlzeiten eintragen und Eltern die Anwesenheit ihrer Kinder im Unterricht online überprüfen können - eine Art elektronisches Klassenbuch. Die indische Bundesregierung war begeistert. Sie gab kürzlich die Ausstattung von 1000 Schulen in Auftrag.

Nebenbei studieren

Verlagerung des Firmensitzes

"Vielleicht können wir das Programm ja auch deutschen Schulen anbieten?", fragt Suhas. Hunderte Praktikanten aus Deutschland bewerben sich jedes Jahr bei ihm, ein paar von denen, die angenommen werden, sollen demnächst eine Marktanalyse erstellen. Der deutsche Markt wird wichtiger. Globals kooperiert inzwischen mit Universitäten aus Baden-Württemberg und Hessen.

Weil Suhas jetzt 21 ist, denkt er darüber nach, den offiziellen Firmensitz nach Indien zu verlegen - obwohl in San José inzwischen 125 Leute für Globals arbeiten und in Bangalore nur 25. Was soll aus den Mitarbeitern in den USA werden? "Wir werden sehen", sagt Suhas. "Die Neuentwicklungen kommen hauptsächlich aus Bangalore." Es klingt ein wenig nach Rechtfertigung.

Günstiger wäre Bangalore jedenfalls. Die Globals-Mitarbeiter dort verdienen 20.000 bis 25.000 Rupien im Monat, 400 bis 500 Euro. In Indien eine ordentliche Entlohnung - aber wenig im Vergleich zu den durchschnittlich 1100 Euro der Kollegen in den westlichen Büros. "Geld ist für uns nicht der Grund, bei Globals zu arbeiten", sagt die 22-jährige Gayathri Kumar, zuständig für die Finanzen. "Viel wichtiger ist die Atmosphäre und der Spaß. Bei uns gibt es keine Hierarchien." Das ist ein Argument in Indien, dessen Gesellschaft immer noch von Statusunterschieden geprägt ist.

Nebenbei studieren

Suhas' Vater M. R. Gopinath, früher ein Wissenschaftler für das Verteidigungsministerium, sieht inzwischen ein, dass sein Sohn in den vergangenen sieben Jahren das Richtige getan hat. Die Eltern sind stolz. Aber sie haben den Sohn immer noch nicht aus der Verantwortung entlassen. "Uns ist wichtig, dass er seinen Studienabschluss macht", sagt der Vater. "Bildung ist in Indien das Allerwichtigste." Suhas studiert Ingenieurwissenschaften in Bangalore. Nebenbei.

Eine Prüfung hat er gerade wegen einer Konferenz in Deutschland sausen lassen, der nächste Termin ist ein Jahr später. An der Universität hört Suhas Vorträge, ansonsten hält er selbst welche - vor Leuten, die oft Jahrzehnte älter sind als er.

Er ist glücklich. Nur manchmal, sagt er, mache es ihn traurig, dass er keine Jugend hatte wie die meisten seiner Freunde. Sie waren im Kino, gingen aus, er saß am Rechner und arbeitete. Und noch etwas: "Mich stört, dass mich selbst Kommilitonen inzwischen mit Sir anreden, mich mit ihren Handys fotografieren oder nach Autogrammen fragen."

Suhas schüttelt den Kopf. "Ich wollte nie ein Star sein."