Wikipedia "Googles Vorteil liegt allein im Branding"

Mit einer neuartigen Suchmaschine startet Wikipedia-Gründer Jim Wales den Angriff auf Google. Im Interview verrät er seinen Plan dafür - und verteidigt sich gegen den Vorwurf, dass Mitmach-Enzyklopädien notorisch fehlerhaft sind.

Frage: Mister Wales, Wikipedia gibt es in über 128 Sprachen. Die deutschsprachige Version ist nach dem Original die größte und umfangreichste. Wie erklären Sie sich das?

Wales: Weil die Deutschen so schlau sind. (Lacht.) Deutschland hat eine starke enzyklopädische Tradition. Die Deutschen sind gut organisiert. Schon in den Anfangstagen von Wikipedia waren sie sehr stark vertreten.

Frage: Sowohl die deutsche als auch die englischsprachige Wikipedia hat Schlagseite: Einträge zur Popkultur und zu aktuellen Themen sind viel länger und beliebter als die zur Hochkultur, zur Wissenschaft und zur Geschichte. Besorgt Sie das?

Wales: Wir nennen das "systembedingtes Vorurteil". Nicht die einzelnen Einträge in sich sind verzerrt, aber ihr Gesamtbild. Früher war diese Kritik berechtigt. Doch es ist viel besser geworden. Je umfassender Wikipedia wird, umso mehr gleicht sich das aus. Traditionelle Lexika hatten früher ja auch Schlagseite, nur andersrum: Sie neigten zu trockenen, hochwissenschaftlichen Einträgen. Dies zeigt uns, wie sich die Gesellschaft gewandelt hat.

Frage: Sie sagen gerne, die demokratische Mehrheit der Wiki-Nutzer korrigiere eventuelle Fehler sowieso schnell. Doch Wiki ist notorisch fehlerhaft. Stört Sie das nicht?

Wales: Wikipedia ist ein Produkt, das sich konstant erneuert. Jede Seite kann zu jedem Zeitpunkt schon wieder obsolet sein. Wir weisen deshalb ja auch ausdrücklich darauf hin, Wikipedia nicht als Quelle für wissenschaftliche Aufsätze zu verwenden.

"Spenden dramatisch angestiegen"

Frage: Wie lange kann sich Wikipedia als gemeinnützige Einrichtung, die nur von Spenden lebt, finanziell noch halten?

Wales: Diese Frage bewegt uns schon seit Langem. Im Moment läuft es aber noch gut.

Frage: Doch je größer eine Webseite wird, um so teurer wird ihr Unterhalt.

Wales: Der Unterhalt wird umso teurer, je mehr Verkehr die Webseite generiert, also je mehr Menschen sie anklicken. Für uns bedeutet mehr Verkehr aber auch mehr Nutzer - und mehr Spender. Mit dem Verkehr hat auch das Spendenaufgebot zugenommen. Die Spenden sind über die Jahre dramatisch angestiegen. Das scheint gut zu funktionieren.

Frage: Aber wächst Ihnen das Projekt nicht langsam über den Kopf?

Wales: Es ist schon erstaunlich, dass wir von einem kleinen Verein zu einer internationalen Webseite gewachsen sind. Wir versuchen, die Finanzlage professioneller zu handhaben als früher, mit Leuten, die sich kundig um Spenden kümmern und etwas von dem Non-Profit-Geschäft verstehen. Dies ist eine sehr ernste Angelegenheit.

Frage: Ihr neues Projekt Wikia ist dagegen ein profitorientiertes Unternehmen. Was ist Wikia?

Wales: Wikia ist eine kostenfreie Hosting-Plattform für virtuelle Gemeinschaften, deren Nutzer miteinander kommunizieren und Wissen austauschen. Eine Art Nachschlagewerk, das aber viel weiter ins Detail geht als Wikipedia. Es funktioniert nach dem Open-Source-System: Die Software steht allen offen.

Frage: Was unterscheidet das denn von Wikipedia?

Wales: Wenn Wikipedia die Enzyklopädie ist, dann ist Wikia die gesamte Bibliothek, in der die Enzyklopädie steht. Nehmen Sie die Muppets. Wikipedia hat rund 300 Einträge, die sich mit den Muppets befassen. Wikia hat jetzt, nach knapp einem Jahr, schon 12.320 Muppet-Einträge. Wikia enthält bereits über 2500 Communities in 66 Sprachen. 67, wenn man Klingon mitzählt, die Sprache der "Star Trek"-Krieger.

"Google ist nicht mehr allen überlegen"

Frage: Wikia soll demnächst auch eine eigene Suchmaschine enthalten. Die sorgt schon jetzt für Wirbel, bevor es sie überhaupt gibt. Wollen Sie Google  Konkurrenz machen?

Wales: Vor fünf Jahren war Google sicher noch allen anderen überlegen. Das trifft aber nicht länger zu. Googles Vorteil liegt heute allein im Branding. Heute kommt es darauf an, wie wohl sich die Leute mit einem Produkt fühlen.

Frage: Was kann Ihre Suchmaschine denn besser machen?

Wales: Im Moment ist die Websuche ein redaktioneller Prozess. Die Suchmaschine präsentiert einem eine Rangfolge. Websuche sollte aber transparenter und offen sein. Wir brauchen niemanden, der uns sagt, was wichtig ist. Unsere Suchmaschine wird ein Open-Source-Projekt sein, das jedem offen steht. Sie wird eine offene Plattform für Innovation sein.

Frage: Rechnen Sie sich gegen Google Chancen aus?

Wales: Google ist riesig und enorm. Ich bin nur ich. Wenn wir nur 5 Prozent des Suchmarktanteils hätten, wäre das ein sehr guter Deal.

Frage: Wann kommt die Wikia-Suchmaschine ins Netz?

Wales: Wir hoffen, Ende dieses Jahres damit herauszukommen. Es wird dann allerdings noch keine voll funktionale, hochqualitative Suchmaschine sein. Die erste Wiki war ja auch noch unvollständig.

Frage: Wie finanziert sich Wikia?

Wales: Wir haben voriges Jahr von Risikoinvestoren vier Millionen Dollar Startkapital bekommen. Hinzu kam eine große Investition von Amazon . Das reicht im Moment.

Frage: Und wie soll Umsatz generiert werden?

Wales: Mit Anzeigen.

Frage: Das sind große Pläne.

Wales: Unsere Vision ist, die größte tragfähige, kostenfreie, nutzerkontrollierte Mediengesellschaft der Welt zu werden.

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