Dow-Jones-Gebot Murdoch träumt noch

Multimediazar Rupert Murdoch hat ein milliardenschweres Gebot für das Verlagshaus Dow Jones abgegeben, das mit dem "Wall Street Journal" die zweitgrößte US-Zeitung herausgibt. Für Murdoch winkt damit nicht nur das große Geld - sondern auch der Besitz eines der renommiertesten Verlage Amerikas.

New York - Amerikas Zeitungen sterben. So scheint es jedenfalls: Auflagen schrumpfen, Anzeigenumsätze verkümmern, ihr Einfluss schwindet. Die neue Lesergeneration informiert, bildet, unterhält sich anderswo. Die meisten finden, was sie brauchen, im Internet. Wer will da überhaupt noch in Zeitungen investieren?

Rupert Murdoch will. Der australische Multimedia-Zar (Fox News Channel, "New York Post", 20th Century Fox, HarperCollins) greift nach den Kronjuwelen des Journalismus. Gestern verbreitete sich die Nachricht, dass seine News Corporation ein unaufgefordertes Kaufgebot für Dow Jones & Company (DJ) vorgelegt hat, wie ein Lauffeuer in den Fluren des "Wall Street Journals" (WSJ) - der zweitgrößten US-Zeitung und die wichtigste, wenn nicht beste Wirtschaftszeitung der Welt.

Fünf Milliarden Dollar will Murdoch für DJ hinblättern - zwei Milliarden Dollar mehr, als der Verlag vor der Offerte wert war. "Dies ist ein großes, generöses Angebot", warb Murdoch gestern auf seinem TV-Kabelsender Fox News. Und an die Adresse der Bancroft-Familie, die DJ mehrheitlich kontrolliert und denen er ein persönliches Treffen angeboten hat: "Auch wir sind ein Familienunternehmen."

Dass der konservative Australier seit langem auf das gleichermaßen konservative "WSJ" schielt, ist altbekannt; gestern nannte er es "die großartigste Zeitung Amerikas". Er hofft seit Jahren, sich mit dem Prestigeobjekt endlich auch als seriöser Verleger profilieren zu können, als eine Art moderner William Randolph Hearst. Doch bisher hatten die Bancrofts immer nur dankend abgewinkt. Ist dies nun, um den "Paten" zu zitieren, ein Angebot, dass sie nicht ausschlagen können?

Mitnichten. Schon erklärte Bancroft-Anwalt Michael Elefante, zumindest ein Teil der Familie wolle Murdochs derzeitige Offerte mit "etwas mehr als 50 Prozent der Stimmanteile bei Dow Jones" blockieren. Insgesamt halten die Bancrofts 64,2 Prozent der DJ-Stimmanteile.

Verlagssprecherin Linda Dunbar fügte diesmal jedoch auf Anfrage hinzu, dass das allein noch keine Ablehnung darstelle. "Das Direktorium wird diesen Faktor in seine Bewertung einfließen lassen", erklärte sie stattdessen.

"Qualität und Unabhängigkeit zermalmen"

"Qualität und Unabhängigkeit zermalmen"

Will heißen: So ein Angebot schlägt man nicht unbesehen aus. 60 Dollar pro DJ-Aktie, 65 Prozent über dem Marktwert vom vergangenen Montag. Kein Wunder, dass das DJ-Board - in dem auch Dieter von Holtzbrinck sitzt, der Geschäftsführer des Holtzbrinck-Verlags - intern bereits seit zwei Wochen über Murdochs Kampfansage brütet. Um ja keinen falschen Schritt zu tun, hat man auch Goldman Sachs  und Merrill Lynch  als Finanzberater angeheuert.

Heller Protest erhob sich von anderer Seite. Die US-Mediengewerkschaft IAPE, die auch DJ-Angestellte und -Journalisten vertritt, lehnte Murdochs Ansinnen rundheraus ab. "Seit dem frühen 20. Jahrhundert steht die Bancroft-Familie für die Unabhängigkeit und Qualität des 'Wall Street Journal'", erklärte sie. Murdoch hingegen habe den Willen gezeigt, Qualität und Unabhängigkeit zu zermalmen. Es sei zu befürchten, dass er den Verlag "ausweiden und Arbeitsplätze streichen" werde, um den hohen Preis für den Verlag wieder hereinzuholen.

Doch in diesem Fall kann man Murdoch getrost auch andere Motive unterstellen als die reine Gier nach Rendite: Sein Traum ist es, endlich richtig Fuß zu fassen auf dem US-Zeitungsmarkt. Und mit Dow Jones und dem "Wall Street Journal" würde er sich einen der renommiertesten US-Verlage einverleiben. Das "WSJ" war in diesem Jahr die einzige Zeitung, die zwei der begehrten Pulitzer-Preise einheimste. Dagegen kommt sein bisher einziges Print-Sprachrohr in den USA, das New Yorker Boulevardblatt "New York Post", nicht aus den roten Zahlen und musste seinen alten Kampfpreis von 25 Cent diese Woche auf 50 Cent verdoppeln.

Die Übernahme von DJ würde auch gut in Murdochs TV-Strategie passen. Ende des Jahres will der Australier einen eigenen Wirtschafts-Kabelsender starten - nach Vorbild seines erfolgreichen Fox News Channels. DJ würde dem Fox Business Channel enorme journalistische Ressourcen bieten und die berüchtigte Firmensynergie, die News Corp. prägt, auf die Spitze treiben. Mehr noch: DJ sitzt mit dem Sender CNBC in einem Boot - dem Hauptrivalen zum Fox Business Channel.

Doch selbst wenn sich das DJ-Direktorium am Ende gegen Murdoch ausspricht: Die Höhe des Angebots bringt sie in erhebliche Erklärungsnot bei den anderen Anteilseignern. Der DJ-Kurs schoss gestern Nachmittag binnen weniger Stunden um fast 60 Prozent auf 58,32 Dollar hoch - ein klares Zeichen, dass die anderen Aktionäre Murdochs Offerte gutheißen.

Die Aasgeier kreisen

Die Aasgeier kreisen

Oder zumindest irgendeine Offerte, egal von wem. Der Verlag - dem neben dem "WSJ" 33 Lokalzeitungen, die Webseite Marketwatch.com, der Nachrichtendienst Dow Jones Newswires sowie die gleichnamigen Aktienindizes gehören - gilt seit Langem als "reif für den Ausverkauf", wie es die "Business Week" formulierte. Auch wenn sein Umsatz 2006 mit 1,78 Milliarden Dollar 6,6 Prozent über dem des Vorjahres lag. Die Gründe sind die gleichen wie anderswo in der maroden Pressebranche: Anzeigenschwund und Leserabwanderung ins Internet.

Zehn der 15 größten US-Zeitungen vermeldeten im letzten Halbjahr erneut Auflagenrückgänge. Das "WSJ" blieb dabei noch relativ stabil und lag zuletzt mit 2,06 Millionen Exemplaren knapp hinter "USA Today" (2,28 Millionen). Der Anzeigenumsatz des "WSJ" sank jedoch im ersten Quartal 2007 ebenfalls um 1,8 Prozent.

Entsprechend hoch ist der Konsolidierungsdruck, der auf der Branche lastet. Und er macht sich bereits bemerkbar. Der Tribune-Verlag ("Chicago Tribune", "Los Angeles Times") ging für 8,2 Milliarden Dollar an den Immobilienmagnat Sam Zell. Knight Ridder ("Miami Herald"), der zweitgrößte US-Verlag, ließ sich für 4,5 Milliarden Dollar vom Konkurrenten McClatchy zerschlagen. Und die Shareholder der "New York Times" stimmten jetzt mit 42 Prozent gegen das Board, aus Protest gegen die Bilanz und die Aktienstruktur zu Gunsten der Sulzberger-Familie, der die Mehrheit gehört.

Was die Zukunft des "Wall Street Journal" betrifft, ist jedoch noch nichts entschieden. Heute wird das DJ-Direktorium erneut tagen. Schon wird über Gegenbieter spekuliert. Im Gespräch sind die Verlage der "New York Times" und der "Washington Post" sowie, wie üblich, diverse private Beteiligungsgesellschaften. Auch Google  und Yahoo  geisterten als mögliche Interessenten durch die Blogs. Die Agentur Bloomberg News erklärte dagegen, sie habe kein Interesse.

Einige Demokraten im US-Kongress wollen inzwischen aus Monopolgründen gegen Murdochs Zeitungsambitionen mobil machen. Der sieht dem gelassen entgehen: "Es gibt keine Gesetze dagegen", sagte er gestern. "Dies ist kein Monopolproblem." Doch wichtiger noch: "Ich habe gute Freunde in beiden Parteien."