Facebook Über Nacht zum Massenmedium

Nach dem Amoklauf von Blacksburg wurde die Socialnetworking-Seite Facebook zur wichtigsten Kommunikationsplattform für Überlebende und Trauernde. Etablierte US-Medien dagegen blieben außen vor. Jetzt umwerben Konzerne wie Yahoo den Gründer Mark Zuckerberg mit milliardenschweren Angeboten.

New York - Das Massaker von Blacksburg war für Mark Zuckerberg ein makabrer Glücksfall. Facebook, die Networkingwebsite des 22-jährigen Uniaussteigers, wurde durch die Tragödie über Nacht zum heißesten Massenmedium der USA. Studenten nutzten es als Forum, um zu trauern, zu trösten, zu gedenken und zu kommunizieren, als die Handynetze zusammenbrachen. Selbst die etablierten Medien griffen verzweifelt auf Facebook zurück, als Quelle und Makler einer Story, die sie allein kaum bewältigen konnten.

So namhaft ist Facebook durch Blacksburg geworden, dass nun die Wall Street aufhorcht. Schon kursieren Gerüchte über neue Kaufofferten für die Seite, die höher liegen könnten als die fast eine Milliarde Dollar, die Yahoo  voriges Jahr bot - nur um damit abzublitzen. Andere spekulieren sogar über einen Börsengang.

Eines steht fest: Facebook hat sich als Prototyp eines Zukunftsmediums erwiesen. Während sich die Zeitungen und Fernsehsender in Blacksburg mit Betroffenheitsjournalismus abquälten, bewies allein Facebook - einst eine reine Studentencommunity - kommunikative wie emotionale Tiefe.

Es war Informationszentrale, Depot für Videos und aktuelle Handyfotos, Onlineschrein und generell ein Musterbeispiel jenes "Bürgerjournalismus", dem zum Beispiel auch CNN neuerdings so mühsam hinterher hechelt.

Privatsphäre verletzt

"Dies sind enorm wichtige Phänomene, die zeigen, wie Medien heute in das Leben der Menschen hineinpassen", findet der britische "Independent". "Und deshalb enorm wichtig auch für die Medienindustrie, die sich mühsam an die explodierende Nutzung des Internets durch Jugendliche anzupassen versucht."

Medienapparate (CNN rückte in dem kleinen Ort mit 100 Reportern und Producern an) bekamen die rasante Entwicklung der Tragödie kaum in den Griff. Traditionelle journalistische Techniken wie Interviews verfehlten irgendwie das Ziel. Stattdessen trieb das Internet diese Story. Die Dinosaurier reagierten wie immer: Sie versuchten, die neue Mediengeneration zunächst für ihre Zwecke zu vereinnahmen.

So schufen mehrere Fernsehsender eigene Facebook-Profile, mogelten sich damit in die Onlinecommunity ein. Das NBC-Magazin "Dateline" fahndete per Facebook-Profil nach Freunden des Amokläufers Cho Seung Hui - sehr zum Ärger der Facebook-Truppe. Nach Protesten killte Facebook das "Dateline"- Profil. "Die Medien sind unsensibel und in einigen Fällen sehr unprofessionell", empörte sich Facebook-Sprecherin Brandee Barker. "Wir sehen das als eine Verletzung unserer Privatsphäre."

"Hi, ich schreibe von CNN"

"Hi, ich schreibe von CNN"

Andere bedienten sich - ohne Einwilligung der Betroffenen - bei Facebook frei mit Zitaten, Tributen und anderen Information über die Opfer. Oder kontaktierten via Facebook deren Freunde und Hinterbliebene, auf der Suche nach emotionalen Interviews. "Für uns ist das ein Werkzeug, um der Geschichte ein Gesicht zu geben", sagte Chef-Producer Jay Wallace vom Kabelkanal Fox News als Rechtfertigung.

"Hi Paul, ich schreibe von CNN", empfahl sich zum Beispiel ein CNN-Producer dem Virginia-Tech-Studenten Paul Geiger, dessen Freundin Katelyn Carney angeschossen wurde. "Wir würden gerne mit Dir und Katelyn über die schrecklichen Ereignisse von heute sprechen." Es folgte eine New Yorker Handynummer.

Bei der Facebook-Generation in Ungnade fielen die Sender auch mit ihrem Entschluss, Chos gruseliges Videovermächtnis zu veröffentlichen - sowohl on the air wie auch auf ihren Websites. Das löste einen Sturm der Entrüstung aus, der sich nicht nur auf Facebook niederschlug. Am Ende verzichteten die meisten Networks und Kabelkanäle darauf, das Material weiter auszustrahlen. "Ab sofort keine Cho-Videos mehr", befahl Jon Klein, der Chef von CNN in den USA, in einem Memo.

Den heutigen Erfolg hätte sich Facebook-CEO Zuckerberg kaum träumen lassen, als er die Site im Februar 2004 gründete, damals noch als Harvard-Student. Gedacht als eine Art Friendster für Studenten, wurde Facebook erst an Harvard immens populär und wucherte dann bald auf andere Bildungsanstalten über. Im November 2004 hatte Facebook schon eine Million registrierte Nutzer.

30 Milliarden Klicks im Monat

Hedgefonds-Investor Peter Thiel, der Mitbegründer von Paypal, bot sich als erster Geldgeber an. Er machte eine halbe Million Dollar locker. Später gab die private Finanzierungsgesellschaft Accel Partners weitere 12,7 Millionen Dollar in den Topf. Zuckerberg schmiss sein Studium hin und zog nach Palo Alto, ins Herz des Silicon Valleys.

Heute hat Facebook weltweit rund 19 Millionen Nutzer, darunter auch Angestellte von Regierungsbehörden wie der CIA und von "Fortune 500"- Konzernen - und den britischen Prinz Harry.

Facebook bietet 47.000 einzelne Tochternetworks, darunter "Mitarbeiternetworks" für Firmen wie IBM , Time, Macy's, McDonald's , Toyota  und Ernst & Young. Rund 15 Millionen Nutzer sind jünger als 25 Jahre. Die Seite verzeichnet nach eigenen Angaben 30 Milliarden Page Impressions, also Klicks im Monat - eine Zahl, die mit Blacksburg mächtig gestiegen sein dürfte.

Börsengang à la Google?

Börsengang à la Google?

Zuckerberg selbst lebt bis heute in einer kleinen Mietwohnung. Das einzige Mobiliar sind ein Tisch, zwei Stühle und eine Matratze auf dem Boden. "Ist dieser Junge echt?", wunderte sich das Wirtschaftsmagazin "Fast Company".

Das Yahoo-Angebot lehnte Zuckerberg noch lässig ab. In internen Unterlagen hatte Yahoo prognostiziert, dass "Facebook" 48 Millionen Nutzer im Jahr 2010 haben und eine Milliarde Dollar Umsatz machen könnte.

Eine frühere Offerte des Medienkonzerns Viacom, zu dem auch die Fernsehsender CBS und MTV gehören, soll angeblich 750 Millionen Dollar betragen haben.

Spekuliert Zuckerberg auf mehr Geld? "Business Week" hat die Kaufsumme von zwei Milliarden Dollar ins Gespräch gebracht. Auch Paul Madera, ein Gründer des Facebook-Geldgebers Meritech Capital Partners, sagte kürzlich: "Jedes Gebot, das sich um eine Milliarde bewegt, wäre heute viel zu niedrig." Facebook, findet auch Co-Investor Peter Thiel, "ist viel mehr wert, als es Außenseiter glauben".

Doch im Interview mit "Fast Company" deutete Zuckerberg an, er wolle Facebook lieber erst mal selbst technologisch aufrüsten - auf lange Sicht.

"Ich bin hier, um langfristig etwas aufzubauen", sagte er. Doch dann fügte er hinzu, auf die zwei klassischen Optionen des Verkaufs oder des Börsengangs angesprochen: "Irgendwann ergibt es wahrscheinlich Sinn, etwas zu machen. Aber wir haben keine Eile."

Wobei ein Börsengang à la Google  dabei offenbar im Moment ein naheliegender Schritt wäre. "Sobald wir 500 Shareholder haben, sind wir sowieso gezwungen, alles finanziell voll offen zu legen", sagt Facebook-Insider Thiel.

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