Infosys-Chef "Kein geeigneter Inder"

Indien gilt als das Geburtsland vieler technologischer Neuentwicklungen. Doch in politischer Hinsicht zeigt sich das Land traditionell: Wer dem Staat nicht den nötigen Respekt zollt, steckt schnell in Schwierigkeiten. Narayana Murthy, Mitgründer des Softwareriesen Infosys, bekommt das nun am eigenen Leib zu spüren.

Bangalore - Sie muss ihn erschreckt haben, diese Welle der Empörung. Narayana Murthy, der 1981 mit ein paar Freunden das Softwareunternehmen Infosys gründete, hatte am Sonntag hohen Besuch: Indiens Präsident Abdul Kalam fand sich auf dem Firmencampus in Mysore, etwa hundert Kilometer von der IT-Metropole Bangalore entfernt, ein. Wie es das indische Protokoll verlangt, wurde die Nationalhymne gespielt - allerdings nur, welch Schreck, in einer Instrumentalversion. Kein Chor sang mit, niemand von der versammelten Infosys-Mannschaft, selbst Murthy soll geschwiegen haben. Berichten zufolge sang nur ein einziger mit: der Präsident höchstselbst.

Reportern fiel das auf, sie fragten Murthy, warum nur die Instrumentalversion abgespielt wurde. Der erklärte, es gebe bei Infosys so viele ausländische Mitarbeiter, man wolle diese mit dem Singen der Nationalhymne nicht in Verlegenheit bringen und ihnen das Singen teils doch sehr schwieriger Wörter ersparen.

In Indien reicht das für einen Eklat.

Aus der Begebenheit, die Präsident Kalam bei seinem Besuch der indischen Vorzeigefirma selbst keineswegs bemängelte, wurde eine politische Angelegenheit. Die Polizei von Mysore informierte die Regierung des Bundesstaates Karnataka über die "Missachtung der Nationalhymne", Justizminister M. P. Prakash versicherte der Öffentlichkeit, er werde mit den Mitteln des Gesetzes reagieren.

Andere Politiker sagten deutlicher, welche Zukunft sie sich für den Milliardär Murthy vorstellen: Er solle eingesperrt und anschließend als "Verräter" aus dem Land geworfen werden, forderte Vatal Nagaraj, Abgeordneter im Landesparlament in Bangalore. Die ganze Sache solle von den Behörden näher untersucht werden, forderte er. Sein Kollege J. C. Madhuswamy erklärte: "Niemand ist größer als die Nation. Murthys Verhalten ist eine Beleidigung der Nation!"

"Ich bitte zutiefst um Entschuldigung"

"Ich bitte zutiefst um Entschuldigung"

Der Parlamentarier Siddaramaiah brachte auf den Punkt, was viele Inder denken: Indische Regierungen haben Hightechunternehmen wie Infosys mit finanziellen Hilfen und geschenktem Bauland groß gemacht. Die Behörden sollten solche Menschen genau im Blick haben, die erst Subventionen kassieren und anschließend den Staat kritisieren. "Wer war Herr Murthy denn vor 20 Jahren?", sagte Siddaramaiah. "Er hat von den vielen talentierten indischen jungen Kräften profitiert, die die indische Regierung durch Bildung geschaffen hat. Er hat Bauland bekommen und Zugeständnisse bei der Steuer." Sein Urteil: "Murthy ist nicht geeignet, ein Inder zu sein."

Tatsächlich hat Murthy mit der Tradition gebrochen, dass Sänger das Publikum bei der Nationalhymne anleiten. Die Hymne ist selbst für viele Einheimische schwierig zu singen: Der Text wurde von dem bengalischen Dichter und Philosophen Rabindranath Tagore verfasst - auf Bengalisch. Das allerdings zählt zu einer der über zwanzig Regionalsprachen Indiens. Überregionale Amtssprachen sind Hindi und Englisch.

Murthy versucht nun, die Wogen zu glätten. "Sollte ich bei irgendjemandem Gefühle verletzt haben, bitte ich zutiefst um Entschuldigung", ließ er knapp mitteilen.

Denn Murthy weiß: In Wirklichkeit machen die Politiker in Karnataka aus der Hymnengeschichte nur deshalb eine Affäre, weil sie ihm seine dauerhafte Kritik an der miserablen Infrastruktur in dem Bundesstaat, insbesondere aber in Bangalore, verübeln. Zudem weiß er, dass er so unpatriotisch nicht sein kann: Die Firma mit weltweit 69.000 Angestellten und jährlich über zwei Milliarden Dollar Gewinn ist immer noch einer der größten Steuerzahler des Landes.