Internet-TV Leitfaden für YouTube-Jäger

Noch spottet die Google-Tochter YouTube über den Medienkonzern NBC, der mit einem Videoportal den Angriff auf den Marktführer wagt. Doch wenn sich die TV- und Filmindustrie an die veränderten Bedingungen anpasst, könnte es für YouTube bald eng werden.

Hamburg - Man kann den großen Unterschied zwischen Videowebseiten wie YouTube und den Webaktivitäten vieler Entertainmentfirmen folgendermaßen auf den Punkt bringen: YouTube ist in, weil dort vieles unlizenziert und illegal ist; Industriewebseiten sind legal, aber sie sind absolut nicht in.

Das ist nicht neu. Ähnliches ließ sich Ende der 90er Jahre über die ersten Peer-to-Peer-Börsen (P2P, Tauschbörsen) und die kommerziellen Antworten darauf sagen. Wiederholt sich die Geschichte, dann müsste es Viacom  & Co. in den nächsten Monaten gelingen, YouTube mit Milliardenforderungen in den Stillstand zu klagen, während die Industrie in ihrem Versuch, der frustrierten YouTube-Nutzerschaft legale Alternativen zu bieten, ein paar Totgeburten hervorbringt.

Die erste und größte müsste dann das in der vergangenen Woche mit viel Tamtam angekündigte, offiziell bisher namenlose NBC-Videoportal sein. Allein bei Google/YouTube hat diese Konkurrenz schon einen Namen: "Clown Co." soll das Gemeinschaftsunternehmen von NBC, News Corp. , AOL und Microsoft  dort heißen.

Der Spott ist verständlich - momentan ist YouTube Marktführer, die Etablierten hecheln hinterher. Doch es droht der Konflikt mit dem Copyright - Napster und Kazaa können da als Lehrstück dienen.

Dass der sehr liberale Umgang mit dem Urheberrecht auch bei YouTube nicht ewig gut gehen wird, wusste auch der Internetkonzern Google , als er das Unternehmen im Herbst vergangenen Jahres für die Sensationssumme von 1,65 Milliarden Dollar kaufte. Eine Kriegskasse für Copyrightklagen in Höhe von 200 Millionen Dollar wurde auf die Seite gelegt, parallel begannen Verhandlungen mit TV- und Filmwelt. Doch viel mehr als kleinere Aktionen und Kooperationen bekam "GoogTube" bisher nicht hin.

Stattdessen riss einigen Branchengrößen der Geduldsfaden. Erst gab es Ultimaten, Inhalte aus YouTube zu entfernen. Als das nicht in befriedigender Geschwindigkeit und hinreichend gründlich geschah, ließ Viacom eine Milliardenklage folgen - das Klima wird eisig.

Die Zukunft heißt "on demand"

Die Zukunft heißt "on demand"

Dabei wünscht sich die Industrie durchaus Plattformen wie YouTube - insbesondere die großen Filmverleihe und TV-Netzwerke. NBC prescht nun vor und versucht, selbst eine auf die Beine zu stellen - in einem Mischkonzept aus eigener, YouTube-ähnlicher Plattform und als Dienstleister für die Lizenzierung von Inhalten an andere Videodienste.

Das klingt teils vielversprechend, teils unsinnig. Immer deutlicher wird doch absehbar, wie die verschiedenen Facetten der unmittelbaren Web-TV-Zukunft aussehen werden, wo dort Chancen für die etablierten TV-Sendenetze liegen - und wo nicht.

Das Fernsehen als programmausstrahlendes, den Zeitrahmen des Konsums vorschreibendes Event ist ein Auslaufmodell. Wer bezweifelt, dass die Zukunft "on demand" heißt? Das allein ist aber auch kein Ersatz für die Leistungen des Fernsehens, was zur ersten These führt:

1. TV-Sender werden Datenbank und Event-Berichter

Das Fernsehen besitzt zwei Güter, über die YouTube nicht legal verfügt: Das Potenzial zur aufwendigen Live-Berichterstattung sowie professionell produzierte Unterhaltung. In Zukunft werden Sender eventorientierte Übertragungen und Nachrichten mit üppigen On-demand-Datenbanken für Entertainmentinhalte kombinieren. Als Vertriebsweg taugt da fast nur das Internet, das so endgültig zur primären Medienplattform werden dürfte.

In Deutschland stricken ARD und ZDF an entsprechenden Angeboten, in Großbritannien die BBC - die parallel mit mit YouTube kooperiert. Während die Mainzer begonnen haben, über ihre Mediathek im Web On-demand-Fernsehen auszustrahlen (zum Beispiel vorab die neue Serie "Ijon Tichy"), häufen sich in den ARD-Programmen die Querverweise auf das Webangebot. Im Extremfall spielen die ARD-Inforadios gemeinsam im Internet Fernsehen, etwa wenn sie per Livestream Veranstaltungen von der Leipziger Buchmesse übertragen.

Werden auch die Telenovelas und Volksmusiksendungen der Öffentlich-Rechtlichen so zur On-demand-Verfügungsmasse, wird allerdings eine alte Frage wieder umso drängender: Wie ist das noch mit dem öffentlich-rechtlichen Programmauftrag vereinbar - und warum sollten kommerzielle Anbieter mit einem von der GEZ vorfinanzierten Katalog konkurrieren müssen?

2. Produzenten werden zu Direktanbietern

2. Produzenten werden zu Direktanbietern

Wer oder was soll einen Großproduzenten wie Jerry Bruckheimer (Filme: "Armageddon", "Fluch der Karibik", TV: "CSI", "Cold Case") künftig daran hindern, unter Umgehung aller TV-Netzwerke sein eigenes Krimi- und Filmportal auf die Beine zu stellen? Was hindert Filmstudios daran, dasselbe zu tun?

Es ist absehbar: Mit ihren Pfunden können Produzenten im Internet profitabler als bisher auf eigene Rechnung wuchern. Ihr Geschäftsmodell wird zunehmend von Direktvermarktung bestimmt.

Zusätzliche Einnahmen fließen ihnen von Shops wie iTunes oder TV-Sendern zu. Die aber bezahlen keine pauschalen (und im Vergleich günstigen) Lizenzen mehr für Inhalte wie TV-Serien, sondern beteiligen die Produzenten direkt an den Erlösen.

3. Dienstleister internationalisieren die Vermarktung

Wenn TV-Sender ihre eventbezogenen Inhalte im Internet zeigen, entsteht durch den Wegfall geografischer Grenzen neue Konkurrenz. Aus Perspektive der Werbewirtschaft ist das ein Problem. Zwar wächst die potenzielle Zielgruppe, zugleich nehmen aber auch die sogenannten Streuverluste zu: Statt über Sender A eine geografisch definierte Zielgruppe zu erreichen, kann eine thematisch definierte Zielgruppe das Bild von Thüringen über Texas bis Timbuktu empfangen.

Ein Markt für neue Dienstleister entsteht, die den internationalisierten TV-Programmmarkt mit geografisch zugeschnittener Werbung unterfüttern - und deshalb den internationalen Vertrieb der übertragenen Bilder für TV-Sender übernehmen. Mit Zattoo bereitet in der Schweiz gerade einer seinen Startschuss vor, der genau das übernehmen will: mit Live-Angeboten, befüttert aus europäischen TV-Sendenetzen. Das klingt nur im ersten Augenblick unsinnig: Zattoo stellt sich so in Konkurrenz zu Satellitenanbietern wie Astra, nicht zu Videoplattformen wie YouTube.

4. Neue ersetzen alte Sender

4. Neue ersetzen alte Sender

Fernsehsender, die den Knall zu spät hören, werden sterben. Ihre Nachfolger stehen bereit: Was zaubert der Skype- und Kazaa-Gründer Niklas Zennstörm mit der TV-Plattform Joost anderes aus dem Hut, als ein internationalisiertes TV-Angebot? Die eingesetzte P2P-Technik dürfte sowohl den Erfordernissen an eine On-demand-Datenbank, als auch denen einer Live-Event-Übertragung genügen. Wetten, dass auch AOL mit NBC ähnliche Dinge plant - zum Beispiel die Übertragung von Rockkonzerten?

Angebote wie Joost sind die neuen TV-Sender: anders als bei der Direktvermarktung durch Produzenten mit wechselnden Programmen, abhängig von Lizenzen und Kooperationen. Ihnen dürfte es leichter fallen als den klassischen Sendern, Communityinhalte zu integrieren: Unternehmen wie Joost schaffen Veröffentlichungsplattformen, Firmen wie NBC dagegen stehen für Inhalte bestimmter Art und Qualität.

Eine Galgenfrist erleben die alten Strukturen, solange Produzenten, Vertriebe und Verwerter noch in einem komplizierten Geflecht aus Verträgen und Lizenzvereinbarungen gefangen sind. Noch wird das Weltfernsehen vor allem von Anwälten verhindert.

5. Video-Webseiten statt Fernsehsender

Die Produzenten audiovisueller Angebote sehen sich wohl auf Dauer mit zahlreichen Konkurrenten aus anderen Sparten konfrontiert. Im Internet kann jeder Sender sein - von Nachrichtenangeboten bis zu diversen Communityseiten, die kommen und gehen werden.

Gezielt aufbauen lassen sich solche Communitys kaum - der größte Schwachpunkt in den NBC-Plänen. Was mit Blick auf den Erfolg von YouTube gern vergessen wird, ist, dass YouTube kein originelles Konzept ist: Es ist die Kopie einer Kopie einer Kopie eines Konzeptes, das wohl 1998 erstmals an den Start ging. Der Witz ist, dass YouTube Erfolg hatte, die anderen aber nicht - wer weiß warum? Auch News Corp.  hat sich MySpace per Kauf einverleibt, statt wie Bertelsmann eine Community herbeifinanzieren zu wollen.

So attraktiv solche Communityangebote auch sein mögen, sie sind für Sender als echter integraler Bestandteil des eigenen Angebots nicht wirklich erstrebenswert. Communityseiten funktionieren nur so lange, wie die Nutzer das Gefühl haben, dort mitbestimmen zu dürfen. TV-Sender setzen sich damit erheblichen Risiken aus, denn der gemeine Nutzer unterscheidet nicht zwischen "Eigentümern" des Inhalts. Risikofreie Umsätze verspricht die Lizenzierung professioneller Inhalte an solche Seiten - Teil zwei des NBC-Plans und wohl wirklich aussichtsreich.

Denn professionelle Inhalte werten Videowebseiten auf und tragen zugleich zur Sicherung der Sender und Produzenten bei. Durch gezielte Vergabe solcher Lizenzen an bestimmte Videowebseiten könnten die Rechteinhaber Einfluss nehmen auf deren Erfolg oder Misserfolg. Nur in dieser Hinsicht ist der NBC-Plan stimmig: Der Sender beabsichtigt offensichtlich, YouTube knapp zu halten oder zur Kasse zu bitten und Konkurrenten zu füttern.

Ein Möchtegernkonkurrent ist direkt mit an Bord und hat all das offensichtlich auch begriffen: Microsoft . Der Konzern hat Ende vergangener Woche sein eigenes Web-Videoangebot Soapbox nach nur einem Monat wieder eingefroren, um das Angebot von Copyrightverletzungen zu säubern. Wieder an den Start gehen wird das bisher weitgehend erfolgfreie Portal wohl aufgefüllt mit NBC-Inhalten.

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