WAZ-Gruppe Brost-Holding mit neuer Führung

Ex-Tchibo-Chef Reinhard Pöllath wird Geschäftsführer der Brost-Holding, der 50 Prozent des WAZ-Verlags gehören. Bei der WAZ selbst bleibt ein Chefposten für den zweiten Eigner FFG weiterhin vakant.
Von Klaus Boldt

Hamburg - Bei der WAZ-Gruppe, dem größten europäischen Regionalzeitungsverlag, der zu gleichen Teilen den Nachfahren seiner Gründer Erich Brost und Jakob Funke gehört, wurden weitreichende personelle und gesellschaftsrechtliche Änderungen vorgenommen.

Für Erich Schumann - den kürzlich im Alter von 76 Jahren verstorbenen Adoptivsohn des Mitgründers Erich Brost - rückt der Rechtsanwalt Reinhard Pöllath (59) in die Geschäftsführung der Brost-Holding ein, die 50 Prozent an dem Essener Verlagshaus kontrolliert. Neben Pöllath gehören der Holdingspitze die Gründerwitwe Anneliese Brost (87) und der WAZ-Geschäftsführer und ehemalige Kanzleramtsminister Bodo Hombach (54) an.

Der renommierte Wirtschaftsanwalt Pöllath ist Berater des in München lebenden, 1978 ausgezahlten Gründersohns Martin Brost, auf dessen Kinder der 20-prozentige Firmenanteil von Erich Schumann nun übergeht. Anneliese Brost hatte das Erbe im Februar aus Steuergründen ausgeschlagen. Die Testamentsvollstreckung freilich liegt noch bis 2015 beim Essener Anwalt Peter Heinemann, dem Sohn des früheren Bundespräsidenten Gustav Heinemann. Auch der 30-prozentige Firmenanteil von Anneliese Brost wird bei ihrem Ableben an die Enkelkinder des Gründers fallen.

Blockadepolitik könnte aufgeweicht werden

Dem interessierten Publikum ist der Advokat Pöllath vor allem aus seiner Zeit als Konzernchef der Tchibo-Holding (2002 bis 2003) ein Begriff. Heute ist er Aufsichtsratsvorsitzender des Unternehmens. Die Kanzlei Pöllath + Partners in München gehört zu den ersten Adressen der Innung, wenn es um die Beratung von Familienunternehmen geht.

Nicht gänzlich unberührt von den Veränderungen auf der Brost-Seite bleibt die nicht immer einfache Beziehung zur Funke Familiengesellschaft FFG, die die anderen 50 Prozent der Zeitungsgruppe hält und paritätisch von den Familien Grotkamp, Schubries und Holthoff kontrolliert wird.

In der Vergangenheit gestalteten sich die Abstimmungsprozesse zwischen den beiden Stämmen schwierig. Einiges spricht dafür, dass mit der Bestellung Pöllaths, der auch bei der FFG über einen guten Ruf verfügt, die in der Vergangenheit geschäftlich bisweilen unerfreuliche Blockadepolitik zu Ende geht. Auch die Gespräche über eine Modernisierung der Unternehmensverfassung dürften mit Pöllath, wie es intern heißt, "erfolgversprechender verlaufen".

Wer kommt an Hombachs Seite?

Wer kommt an Hombachs Seite?

Weiterhin ungeklärt bleibt allerdings, wer ab April für die Funke-Seite in die Geschäftsführung der WAZ-Gruppe einzieht, wo nach dem Ausscheiden von Detlef Haaks nur noch der Brost-Statthalter Bodo Hombach tätig ist.

Seit Monaten kann sich die untereinander zerstrittene FFG nicht auf einen oder zwei ihr zustehende Geschäftsführer einigen. Nun fürchtet man um den Einfluss an der Konzernspitze.

Wie in der Essener Verlagszentrale zu hören, hat sich Günter Grotkamp (80) Ende Februar bereit erklärt, Anfang April interimistisch und ohne Gehalt für die FFG in die WAZ-Geschäftsführung zurückzukehren. Sollte es dazu kommen, wäre es eine personelle Sensation.

38 Tageszeitungen, 108 Zeitschriften

Grotkamp gilt als Architekt der WAZ-Gruppe, er hatte über 20 Jahre lang gemeinsam mit Erich Schumann den Medienkonzern geführt. 1999 ist er aus Altersgründen zurückgetreten. Die FFG-Gesellschafter wollen in den nächsten Tagen über Grotkamps Idee beraten.

Der Umsatz der WAZ-Gruppe, die auch in Südosteuropa und Österreich ("Kronenzeitung") machtvoll vertreten ist, beträgt rund zwei Milliarden Euro. Der Verlag beschäftigt 16.000 Mitarbeiter und publiziert 38 Tageszeitungen, 108 Zeitschriften und 133 Anzeigenblätter.

In Deutschland gibt der Medienriese neben der namensgebenden "Westdeutschen Allgemeinen Zeitung" auch die "Neue Ruhr/Neue Rhein Zeitung" heraus, dazu "Westfälische Rundschau", "Westfalenpost", "Thüringer Allgemeine", "Thüringische Landeszeitung", "Ostthüringer Zeitung", "Saale Zeitung" und "Die Kitzinger". Allein in Nordrhein-Westfalen erreicht die WAZ-Gruppe eine tägliche Gesamtauflage von einer Million Exemplaren. Erst im Januar haben die Essener den Braunschweiger Zeitungsverlag ("Braunschweiger Zeitung") für rund 200 Millionen Euro übernommen.

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