Second-Life-Millionärin Interview mit einem Avatar

Ailin Gräf hat es geschafft. Im Onlinespiel Second Life verdiente sie so viel, dass sie inzwischen in China 50 Mitarbeiter davon beschäftigt. manager-magazin.de traf sich mit ihrem Avatar Anshe Chung und sprach mit ihr über echten Umsatz und falsche Hoffnungen.

mm.de: Wie lange leben Sie schon in Second Life?

Chung: Ich bin seit fast drei Jahren hier. Vorher war ich in anderen virtuellen Welten: Zuerst in Asheron's Call, danach in Shadowbane und Star Wars Galaxies. In diesen Online-Fantasiespielen haben wir Avatare oft sehr brutale Kriege geführt - trotzdem waren die Spieler zumeist viel netter zueinander als hier.

mm.de: Das heißt, in Second Life herrscht Psychokrieg?

Chung: In Second Life gibt es zwar keine Kriege mit Waffen. Dafür gibt es hier viele Intrigen und Dinge, die auch im echten Leben passieren - nur manchmal noch hemmungsloser. Status, Macht und Ansehen sind hier sehr wichtig. Daneben auch Eitelkeit, Neid und Selbstdarstellung. Im Spiel Shadowbane werden solche Sachen mit einem Krieg gelöst und danach zusammen mit den Mitspielern gelacht. In Second Life fehlt leider so ein spielerisches Ventil.

mm.de: Das klingt nicht so, als ob Ihnen das Leben hier noch Spaß machen würde. Warum sind Sie noch in Second Life?

Chung: Das Glas ist doch halb voll, nicht wahr? Irgendwann entwickelt man ein dickes Fell und ignoriert diese Aspekte mehr oder weniger. Ich finde diesen Vergleich aber interessant, weil man den Konflikt normalerweise in einer "brutalen Kriegsspielwelt" erwartet und nicht in einer "friedlichen sozialen Welt".

mm.de: War Neid auch ein Grund für die virtuelle Phallusattacke während einer Pressekonferenz?

Chung: Ja, dieser Angriff diente dazu, Aufmerksamkeit zu erheischen. Diese Leute sind für alle möglichen idiotischen Sachen bekannt, auch für sexuelle Angriffe in Second Life. Eigentlich hätte ich das gerne ignoriert, aber der Vorfall wurde in den Medien und im Internet verbreitet. Jemand hat ausgerechnet, dass Google über das Tochterunternehmen YouTube ein halbe Million Dollar mit den Werbeeinnahmen dieser Videos verdient hat.

mm.de: Wie sind Sie auf die Idee gekommen, in Second Life mit Land- und Immobilienhandel Geld zu verdienen?

Chung: Anfangs war es nicht mein Ziel, Geld zu verdienen. In den ersten drei Monaten hatte ich einfach nur Spaß: Ich machte Mode und verdiente Linden-Dollar für wohltätige Zwecke. Ich denke es ist sehr wichtig, eine Zeit lang in Second Life zu leben, bevor man ein Geschäft aufbaut. Irgendwann kaufte ich geschäftlich Land und verkaufte es mit Profit. Zusammen mit meinem Mann habe ich mir das Konzept genau angeschaut, analysiert und mehr und mehr mit Land gehandelt.

Hostessen und Party-DJs inklusive

mm.de: Sie haben nach eigenen Angaben bereits mehr als eine Million Dollar in Second Life verdient. Liegt das Geld noch auf Ihrem virtuellen Konto, oder haben Sie es schon umgetauscht?

Chung: Ein Teil ist bereits in echte Dollar transferiert. Das Geld existiert zunächst nur theoretisch - aber der Firmenwert von Computerfirmen wie SAP  oder Microsoft  ist schließlich auch abstrakt. Immerhin weiß ich, was man heute für virtuelles Land bezahlt.

mm.de: Könnten Sie Ihr gesamtes Second-Life-Vermögen auf einen Schlag in US-Dollar umtauschen, oder würde das die "Volkswirtschaft" des Landes nicht vertragen?

Chung: Für Second Life wäre das überhaupt kein Problem. Mein gesamter Landbesitz ist weniger wert als das Umsatzwachstum, das Second Life innerhalb von drei bis vier Wochen generiert. Im absolut schlimmsten Fall würde Linden Lab ein paar Wochen lang weniger Simulatoren, also virtuelles Land, anfügen. Aber abgesehen davon, dass ich in weniger als 14 Tagen alles verkaufen könnte, werde ich das natürlich nicht tun.

mm.de: Von dem umgetauschten Geld haben Sie in China Ihr eigenes Unternehmen aufgebaut, die Anshe Chung Studios (ACS). Können Sie das Geschäftskonzept erklären?

Chung: Wenn beispielsweise ein Unternehmen ein Second-Life-Grundstück mit eigenen Gebäuden bestücken möchte, kann es sich ein Konzept für die Insel, das Grundstück oder die Immobilie erstellen lassen - entweder von uns, einer Unternehmensberatung oder einer Marketingagentur. Dann entwickeln wir ein Gebiet: Landschaft, Gebäude und alle möglichen Dinge, die sich der Kunde wünscht.

Außerdem bieten wir den Support und das Personal an, wie Hostessen, Verkäufer, Party-DJs und so weiter. Momentan bieten wir diesen Service für Second Life und IMVU an. Das ist ein 3D-Instant-Messenger mit Avataren, der leichter zu benutzen ist als Second Life. Aber dort bin ich noch nicht Millionärin, deshalb haben die Medien noch nicht darüber geschrieben (zwinkert virtuell).

mm.de: Wie viele Mitarbeiter beschäftigen Sie?

Chung: Im Moment haben wir rund 50 Mitarbeiter. Innerhalb des letzten Jahres ist ACS entstanden und enorm gewachsen. Vor zwölf Monaten waren wir nur zu zweit und es gab die Spieler in Second Life als freie Mitarbeiter. Damals gab es noch kein wirkliches Entwicklungsteam, das so etwas wie den Tower hätte bauen können, in dem wir gerade sitzen.

"Second Life wird überall sein"

mm.de: Ihr Mann ist in Deutschland geboren, Sie haben lange Zeit hier gelebt. Warum haben Sie das Unternehmen in China errichtet und nicht in Deutschland?

Chung: Dafür gibt es mehr als einen Grund. Die Firma muss auf dem internationalen Markt konkurrenzfähig sein. In Deutschland gibt es leider viele Vorschriften und langsame Genehmigungsverfahren. Alles ist sehr teuer - ob Büro, Rechtsanwalt oder Mitarbeiter. Mein Mann und ich haben viele Leute gefragt und die Standorte verglichen. Für unsere Firma war es einfach viel besser, in China anzufangen.

mm.de: Was kostet es ein Unternehmen, seinen Auftritt von ACS gestalten zu lassen?

Chung: Normalerweise kostet ein Auftritt 5000 bis 10.000 US-Dollar. Mit diesem Preis sind wir unschlagbar und auch sehr gut ausgebucht. Zurzeit suchen wir 30 neue Mitarbeiter in Wuhan.

mm.de: Wie hoch sind Umsatz und Gewinn?

Chung: Das möchte ich nicht sagen. Ich kann aber verraten, dass wir profitabel sind und ein Wachstum von mehr als 10 Prozent pro Monat haben.

mm.de: Können Sie Unternehmen aus dem "ersten" Leben dazu raten, Second Life als Marketingplattform zu nutzen?

Chung: Natürlich ist der Hype um das Spiel momentan besonders groß. Es gibt aber viele Fälle, in denen es Sinn macht, Second Life als Plattform zu nutzen. Ein Unternehmen sollte versuchen, in Interaktion mit den Bewohnern zu treten. Das erreichen die meisten allerdings nicht. Ich warne besonders vor sogenannten One-off-Kampagnen, bei denen ein Auftritt in Second Life entwickelt und dann nichts mehr daran geändert wird. So funktioniert das aber nicht, denn in Second Life wird ein Ort, der nicht ständig verändert wird, nicht mehr besucht. Daher ist es wichtig, dass der Auftritt weiterentwickelt und jeden Monat etwas Neues geboten wird - ein Produkt, ein Spiel oder eine Attraktion.

mm.de: Wie sieht in Ihren Augen die Zukunft von Second Life aus - und welche Rolle wird Anshe dabei spielen?

Chung: Second Life - oder etwas Besseres als Second Life - wird irgendwann so realistisch, dass die menschliche Wahrnehmung es nicht mehr von der Realität unterscheiden kann. Es wird überall sein und stärker präsent im normalen Alltag als heute das Internet.

Für meine Zukunft hoffe ich, dass ich vielen Menschen dabei helfen kann, in der virtuellen Welt kreativ zu sein und gemeinsam mit den anderen Bewohnern Spaß zu haben oder ein gutes Geschäft aufzubauen. Auf jeden Fall wird meine Zukunft nicht nur in der virtuellen Welt liegen.

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