Chat-Bericht Gehalt nach Monte Carlo

Wie werden Stock Options bewertet? Was sagt das Finanzamt dazu? Welche Modelle sind möglich, welche Pflichten geht der Arbeitgeber ein? Diese und weitere Themen wurden im Experten-Chat diskutiert. Lesen Sie das Protokoll.

mm

: Guten Abend zum Chat mit Rainer Schätzle, Vergütungsexperte bei Arthur Andersen. Was machen Sie genau, Herr Schätzle?

Schätzle: Kurz gesagt kümmern wir uns darum, daß jeder möglichst das bekommt was er verdient - oder anders herum.

mm: Das Thema heute abend: Stock Options. Sind diese attraktiv?

Schätzle: Letztlich ist es nicht die Stock Option allein, die attraktiv ist, sondern ihre Ausgestaltung und ihre Anzahl, die bei entsprechendem Aktienkurs die Attraktivität für den Mitarbeiter darstellen.

mm: Gibt es Stock Options üblicherweise auf das Gehalt oder gegen Gehaltsverzicht?

Schätzle: In aller Regel kommen Stock Options ergänzend zu den bestehenden Vergütungskomponenten hinzu.

mm: Also ohne Gehaltsverzicht?

Schätzle: Zumindest zum Zeitpunkt der Gewährung der Optionen - wenn über die Optionen jedoch das Grundgehalt zur Nebensache wird, wird man sicherlich auch die Gesamtvergütung anpassen.

mm: Das bedeutet: keine Gehaltserhöhungen?

Schätzle: Richtig - dafür aber dann zum Beispiel eine jährliche Gewährung von Optionen Die Anzahl der gewährten Optionen variiert in aller Regel von Jahr zu Jahr.

marie: Was hat es mit der Stillhalterverpflichtung auf sich, die die Gesellschaft bei der Ausgabe von Stock Options mittels bedingter Kapitalerhöhung eingeht?

Schätzle: Im KonTraG wird eine Mindest-Wartefrist von 2 beziehungsweise drei Jahren gefordert. Diese unterstreicht den langfristigen Charakter von Stock Options und Long Term Incentives (LTI).

bozo: Wieviele Anteile gibt ein Unternehmen normalerweise ab an Mitarbeiter der ersten oder zweiten Führungsebene?

Schätzle: Bei Microsoft befinden sich etwa 36 Prozent in Händen der Mitarbeiter. Bei High-Tech- und Start-Up-Unternehmen liegen die Anteil beim Management häufig über 10 Prozent.

Heitmann: Was halten Sie von der Bilanzierung von Stock Options nach den Regeln des FASB? Würden Sie die Bilanzierung, die Herr Prof. Förschle vorschlägt, vorziehen?

Schätzle: Für deutsche Unternehmen und Stock-Option-Pläne, die häufig mit ambitionierten Erfolgszielen ausgestattet sind, greift die FASB-Regelung leicht zu kurz. Sie nimmt eher auf US-"plain vanilla"-Pläne, die ohne Erfolgsziele ausgestattet sind, Bezug.

gunter: Was passiert, wenn das Unternehmen dann doch keinen Börsengang macht, ist das dann mein Problem? Gibt es einen Ausgleich?

Schätzle: Das ist von der konkreten Ausgestaltung des Pre-IPO Plans abhängig. Dieser sollte eine klare Regelung für den NICHT IPO enthalten.

EMueller: Geht der Arbeitgeber überhaupt Pflichten ein?

Schätzle: Auf jeden Fall. Denn es werden klare Zusagen gegeben, die von den definierten Parametern abhängig sind, zum Beispiel dem Erreichen bestimmter Erfolgsziele.

mm: Wenn das einzige Erfolgsziel der Börsengang war?

Schätzle: Dann wäre ein solcher Plan für den Teilnehmer wertlos.

marie: Entsteht für die Gesellschaft ein Personalaufwand im Sinne der GuV bei teil- oder unentgeltlicher Überlassung von Bezugsrechten?

Schätzle: Das kann man so pauschal nicht beantworten - hier ist viel Interpretation bzw. Gestaltungsspielraum möglich.

cassie: Wann sehen Sie den Zuflußzeitpunkt des geldwerten Vorteils, welcher dem Arbeitnehmer zugewandt wird.

Schätzle: Die Besteuerung zum Zeitpunkt der Gewährung ist problematisch, kann aber - wenn alles gut geht - attraktiver sein als die übliche Besteuerung bei Ausübung der Optionen.

mm: Bei Ausübung heißt: Meine Million geht zur Hälfte an den Fiskus?

Schätzle: Bei einer Endversteuerung ja - das heißt ihr "Gewinn" beträgt bei 50 Prozent Steuer nur noch 500.000 Mark. Aber die Besteuerung bei Gewährung hat auch erheblich Tücken. Sie versteuern die Optionen - wenn die erwarteten Gewinne dann nicht eintreten, bleiben Sie im Zweifel auf den bezahlten Steuern sitzen.

bozo: Haben Wandeloptionsanleihen heute in Bezug auf nackte Optionen überhaupt noch eine Bedeutung?

Schätzle: Deren Bedeutung nimmt deutlich ab. Die Wandelanleihen wurden quasi als Krücken genutzt, als das KonTraG die Ausgabe nackter Optionen noch nicht ermöglichte.

cassie: Kann bei einer teilentgeltlichen Einräumung der Optionen der von den Mitarbeitern geleistete Aufwand irgendwie geltend gemacht werden?

Schätzle: Beim Mitarbeiter oder beim Unternehmen?

cassie: Beim Mitarbeiter.

Schätzle: Wenn der Eigenanteil als Investment erfolgte, gelten die steuerlichen Regeln für Kapitalanlagen.

cassie: Also darf nur der Teil der Optionen zur Besteuerung herangezogen werden, der unentgeltlich eingeräumt wurde (verhältnismäßige Aufteilung)?

Schätzle: Im Grundsatz ja, aber zur Beantwortung müßte ich den Plan und die Bedingungen kennen.

marie: Wann sollte ein Aktienoptionsplan starten, vor oder nach Aufnahme von Venture Capital, vor oder nach Börsengang?

Schätzle: Eine Beteiligung vor einem Börsengang ist interessant, insbesondere wenn das Management und Spezialisten beteiligt sind. Ob eine Beteiligung für alle Mitarbeiter zum Beispiel vor dem Einstieg eins VC Partners zum empfehlen ist, muß genau geprüft werden.

marie: Wer muß warum prüfen?

Schätzle: Zum einen der Mitarbeiter, weil er im Zweifel hohe Risiken eingeht - und möglicherweise nicht nur seinen Job - sondern auch noch Vermögen verliert. Dann das Unternehmen, das eine Sorgfaltspflicht besitzt und durch zuviele Beteiligungen unflexibel für spätere Veränderung der Eigentümerkontrolle wird.

mm.de: Haben sich Stock Options in Deutschland nun breit durchgesetzt? Oder ist Deutschland noch am Anfang?

Schätzle: Wir sind nicht mehr ganz am Anfang - aber es wird deutlich, daß Stock Options und Beteiligungen generell ein etablierter Vergütungsbestandteil sind.

mm.de: Finden Sie Stock Options grundsätzlich gut?

Schätzle: Das ist vom Unternehmen, der Branche und vor allem der Ebene beziehungsweise Einkommensklasse abhängig. Für Executives (obere erste bis dritte Ebene) halte ich Beteiligungen für ganz wesentlich. Sowohl um vom internationalen Markt Manager einkaufen zu können, als auch als Incentive für zukünftige Kursgewinne

cassie: Nach Ansicht der Finanzverwaltung liegt bei Einräumung von Stock Options kein bewertbares Wirtschaftsgut vor. Kann durch verschiedene finanzmathematische Formeln nicht jede Option bewertet werden?

Schätzle: Ob ein Wirtschaftsgut vorliegt - ist vom Plandesign abhängig. Bewerten - unter entsprechenden Annahmen - kann man in der Tat quasi jede Option.

mm.de: Wieviele Modelle im Plandesign sind möglich?

Schätzle: Deutschland ist Weltmeister im Plandesign. In den USA sind etwa 90 Prozent aller Pläne mehr oder weniger gleich. In Deutschland finden wir bestenfalls ähnliche Pläne - aber keine gleichen.

mm.de: Warum sind deutsche Unternehmer so innovativ im Plandesign?

Schätzle: Zum einen wegen der Historie - Umweg über die Wandelanleihe und so weiter -, zum anderen wegen der zwingenden Erfolgsziele. Und nicht zuletzt, weil man sich in Deutschland mehr über das Design differenziert und auf die jeweilige Strategie und Situation abstellt. Während man sich in den USA im wesentlichen über das Volumen differenziert.

mm.de: Deutschland ist hinsichtlich der Begebung von Aktienoptionen an Mitarbeiter im Gegensatz zu den USA und anderen europäischen Wirtschaftsnationen ein Entwicklungsland.

bozo: Macht es einen Unterschied, ob sich das Unternehmen im Pre- oder Post-IPO Stadium befindet?

Schätzle: Das sind fundamental andere Modell-Welten, beispielsweise bei der Frage der Bewertung der Anteile.

anwahlt: Woran bemisst sich der Wert der Optionen? Wer legt den fest?

Schätzle: Für nicht börsennotierte Unternehmen gibt es eine Palette von Bewertungsmodellen, beispielsweise: Ertragwert-Verfahren, Discounter Cashflow (DCF), Net Asset Value (NAV) -und nicht zuletzt EVA, SVA, EP und so weiter, Economic Value, Shareholder Value oder Profitverfahren. Letztlich führen die Verfahren zu einem arbiträren Preis, der sowohl von den Aktionären als auch von den Mitarbeitern, dem Wirtschaftsprüfer und dem Finanzamt anerkannt und akzeptiert wird. Der Wert der Optionen läßt sich dann auf Basis verschiedener Annahmen und Optionsbewertungsmodellen, wie Black-Scholes, Binominal oder der Monte-Carlo-Simulationen bestimmen.

marie: Durch die große Rechtsunsicherheit hinsichtlich Besteuerung beim Begünstigten und damit verbunden bei der Ausgestaltung der AOP des Begünstigenden traut sich keiner so richtig an die Sache ran.

Schätzle: Durch eine klare Ausgestaltung kann die Rechtsunsicherheit weitgehend minimiert werden.

marie: In wieviel Unternehmen werden derzeit in Deutschland Aktienoptionspläne durch- beziehungsweise eingeführt?

Schätzle: Noch von zu wenigen. Uns sind derzeit über 100 dokumentierte Pläne von börsennotierten Gesellschaften bekannt. Hinzu kommen nicht veröffentlichte Long Term Incentive (LTI) und Beteiligungsprogramme, die auch von (noch) nicht börsennotierten Gesellschaften genutzt werden.

mm: Vor allem bei internationalen Firmen? Wie sieht's beim Dax aus?

Schätzle: Je internationaler - insbesondere Richtung USA - desto zwingender ist oder wird ein LTI. Innerhalb des Dax haben rund 40 Prozent der Unternehmen einen LTI oder werden diesen im nächsten Jahr einführen. LTI ist der Oberbegriff. Es müssen ja nicht immer Stock Options sein. Möglich sind auch SAR's (Stock Appreciations Right's), Performance-Pläne mit Aktienauszahlung, Aktienüberlassungen mit Restriktionen und so weiter.

cassie: Wie beurteilen Sie synthetische Aktienoptionsmodelle?

Schätzle: Die können für spezielle Situationen sehr angebracht sein - die Mehrheit der Pläne wird sich jedoch weiter hin zu den "klassischen" Stock Options bewegen, wobei in Fragen der Erfolgsziele, des Berechtigtenkreises und der Bemessung der Volumen, der Finanzierung und der Auszahlungsmodalitäten, durch geeignete Ausgestaltungen, den jeweiligen Zielsetzungen weitgehend Rechnung getragen werden kann.

mm: Vielen Dank an die Mit-Chatter für die zahlreichen Fragen. Vielen Dank an Rainer Schätzle.