"Virtual Earth" Schwarze Löcher

Microsoft bläst zum Angriff auf Erzfeind Google. Mit neuen Funktionen auf der digitalen Landkarte Virtual Earth will der Softwarekonzern die geografische Vorherrschaft übernehmen. Im Test überzeugt die virtuelle Welt aus Redmond jedoch nicht ganz.

Hamburg - Das richtig große Geld, sagt der Internetpionier Tim O'Reilly, macht im Netz der Zukunft nicht mehr der, der Dienste anbietet, sondern der, der Daten besitzt. Bei Vorträgen illustriert O'Reilly diese These mit Screenshots der großen Internet-Kartenanbieter: Google Maps, Mapquest und Map24 zum Beispiel. Am unteren Kartenrand steht fast immer das Gleiche: Das Copyright für die Kartendaten gehört dem Unternehmen Teleatlas.

Alle bieten Straßenkarten im Netz – und sehr viele davon zahlen an Teleatlas. Die virtuelle Erde (Virtual Earth) aus dem Hause Microsoft  basiert auf Kartendaten des Konkurrenten Navteq. Der Markt für die Vermessung der Welt war nie größer als heute. Teleatlas allein machte schon im Jahr 2005 gut 200 Millionen Euro Umsatz. Und doch ist das erst der Anfang.

Denn das digitale Bild der Welt wird immer genauer – und was für Karten gilt, gilt umso mehr für die inzwischen so beliebten Satellitenaufnahmen des Planeten: Wer bei Google Maps oder in Google Earth einen Blick durch die Stratosphäre wirft, tut das meist mit Hilfe von Firmen wie Terrametrics, die Bilder etwa von Nasa-Satelliten vertreibt, oder Digital Globe. Die schicken sogar eigene Satelliten um die Welt.

Wer Googles virtuellen Erdball dreht, hinein- und herauszoomt, findet am unteren Bildrand wechselnde Copyright-Angaben, mal nur eine, mal gleich vier: Manche Unternehmen liefern für bestimmte Bereiche nur Luftbilder zu, manche Satellitenbilder, andere Angaben über Landesgrenzen, Küstenlinien und Ähnliches.

Hamburg in 3D

Hamburg in 3D

Nicht nur die Branchengiganten liefern übrigens Weltkugeln für den Computer: Von der Nasa gibt es ein kostenloses Programm namens World Wind, und auch Anbieter wie GoYellow und Map24 bieten inzwischen Satelliten- und Hybridansichten ihres Kartenmaterials.

Google Earth wollte schon seit einiger Zeit noch weiter gehen und auch dreidimensionale Weltbilder liefern. "Wir wollen den ultimativen virtuellen Globus erschaffen", sagte Google-Sprecher Stefan Keuchel im Januar. Zunächst sollte allerdings nur Hamburg dreidimensional dargestellt werden – und auch die räumliche Hansestadt ist bis heute nicht fertig.

Konkurrent Microsoft bastelt auch schon an 3D-Ansichten von Gebäuden – aber da steht bislang in München beispielsweise auch nur eine einsame Frauenkirche auf weiter, platter Flur. Dafür hat Microsofts Virtual Earth jetzt etwas im Angebot, was Googles Weltbild noch nicht enthält: schräg aufgenommene Luftbilder.

Deutschland im Fast-Weltmeister-Sommer 2006

Ein Unternehmen namens Blom Group hat die Aufnahmen machen lassen: Ein Flugzeug, ausgestattet mit fünf Kameras – eine senkrecht nach unten gerichtet und je eine im 45-Grad-Winkel für jede Himmelsrichtung - muss dafür jede Stadt, die so dargestellt werden soll, in einem vorgegebenen Raster überfliegen.

Deutschland aus der Luft bei Virtual Earth ist aber zunächst nur teilweise in dieser Form zu besichtigen. Immerhin: 160 Städte wurden weltweit so nah vor die Linse geholt, in Deutschland liegen davon stolze 58. Die Bilder stammen aus dem Fast-Weltmeister-Sommer 2006: Zertrampelte Public-Viewing-Wiesen und Riesenfußbälle wurden mitfotografiert. Virtual Earth konserviert gewissermaßen Deutschlands glücklichste Momente. Schade allerdings: Ausdrucken kann man die hübschen Luftbilder nicht. Das Poster vom eigenen Häuschen aus der Luft bleibt also vorerst ein Wunschtraum der "My Home is my Castle"-Fraktion.

Stockender Server

Stockender Server

Als Minimalanforderung beschränkt sich Microsoft darauf, den Internet Explorer ab Version 5.5 oder Firefox ab Version 0.9 einzufordern – Windows XP inklusive Service Pack 2 ist Pflicht. Für Google Earth hingegen sind weitaus genauere - und höhere - Anforderungen definiert. So sollte der Rechner mit mindestens 500 Megahertz laufen und über eine 3D-fähige Videokarte verfügen.

Zwei in den USA aufgestellte Server dienen dazu, die Luftbilder an die Virtual-Earth-Nutzer auszuliefern. Hier scheint es noch einige Engpässe zu geben. Zumindest kam das System bei einem ersten Test regelmäßig ins Stocken. Teilweise wurden Bildausschnitte einfach nicht mehr nachgeladen, stattdessen blieben schwarze Flecken auf der Landkarte.

Der digitale Globus ist nun also eine mehrschichtige, immer noch höchst unvollkommene Angelegenheit: Die verschiedenen Konkurrenten bieten Kartenansichten, Satellitenbilder unterschiedlicher Auflösung, Schrägbilder aus der Luft und irgendwann einmal vielleicht auch flächendeckende, mit Fototapete bezogene 3D-Modelle von Gebäuden.

"Second-Life"-Version der echten Welt

Die Unternehmen, die mit der Vermessung, Aufzeichnung und Darstellung der Welt Geld verdienen, denken natürlich schon viel weiter. Sie träumen von begehbaren virtuellen Städten, von einer "Second-Life"-Version der echten Welt gewissermaßen. Von Onlineshops, die am gleichen Ort im digitalen wie im wahren Leben zu finden sind. Da kommen ganz neue juristische Probleme auf die Menschheit zu – kann Saturn einen digitalen Electronic-Partner im Abbild der eigenen Immobilie verhindern?

Der Begriff "Cybersquatter" könnte eine neue, sehr konkrete Bedeutung bekommen: Denn was macht man mit einem Bösewicht, der sich frech in der virtuellen Version des eigenen Heims einrichtet? Immerhin: Solange Google  und Microsoft um die Krone streiten, könnte man ja immer noch auf dem digitalen Globus der Konkurrenz ins eigene Häuschen einziehen.