Technik der Zukunft Computer zum Anziehen

Ob Datenhandschuh oder Brille mit Display: Computer zum Anziehen werden die Produktivität steigern und dadurch Arbeitsplätze sichern, erwartet Michael Lawo vom Technologie-Zentrum Informatik der Uni Bremen. Im Interview erklärt der Informatiker, wie die denkende Kleidung das Berufsleben verändern wird.

mm.de: Das von der EU geförderte Projekt "Wear IT @ Work", an dem Sie mitarbeiten, beschäftigt sich mit tragbaren Computern - jedoch nicht im klassischen Sinn. Was verstehen Sie darunter?

Lawo: Unser Projekt ist mit einem Volumen von knapp 24 Millionen Euro das weltweit größte zum Thema Integration von Computern in die Kleidung. Wir nennen das Wearable Computing, denn "tragbarer Computer" führt zu Verwechslungen mit Notebooks. Dazu muss man sagen, dass wir das Forschungsgebiet nicht neu entwickelt haben - man versucht schon lange, den Rechner auseinanderzunehmen und die Einzelteile am Körper zu befestigen.

Das geschieht beispielsweise in Form von Datenhandschuhen, mit denen man den Mauszeiger auf einem Head Mounted Display steuert, also einem winzigen Bildschirm, der an einer Brille angebracht ist. Oder in Form von Jacken, die ein komplettes Notebook beherbergen und deren Tastatur auf dem Ärmel abgebildet ist. Neu an unserem Forschungsansatz ist jedoch das integrierte Konzept. Wir suchen eine ganzheitliche Lösung.

mm.de: Eine ganzheitliche Lösung?

Lawo: Wir wollen über die Grenzen von Hard- und Software hinaus denken und beziehen auch Textilingenieure, Optiker, Elektrotechniker, Soziologen und Psychologen mit ein. Beim Wearable Computing sind das kleine Schritte, die wir gehen müssen. Das fängt bei der Art an, wie die Textilien gestaltet sind. Die Geräte dürfen nicht herausfallen und müssen für den Nutzer trotzdem leicht erreichbar sein.

Die Kleidung muss viele ergonomisch sinnvoll angeordnete Taschen haben, in denen die notwendigen Teile untergebracht sind. Auch Steckdosen werden quasi in die Bekleidung integriert. Neben den technischen und logistischen Anforderungen spielt aber auch die Nutzerakzeptanz eine große Rolle. Das Wearable Computing soll ja nicht nur ein technischer Fortschritt sein, sondern auch gut aussehen.

mm.de: Wird die Technologie noch getestet, oder ist sie dem Laborstadium schon entwachsen?

Lawo: Wir haben bereits viele bürokratische Hürden überwunden und Tests mit Industriearbeitern durchgeführt. Dabei kam beispielsweise heraus, dass es befremdlich wirkt, wenn jemand ein Head Mounted Display nutzt, das rechts oberhalb der Augen sitzt. Denn der Blick zur Seite wird in der menschlichen Kommunikation als Unaufmerksamkeit interpretiert.

Das hat zum Einsatz von binokularen Displays geführt, also kleinen Bildschirmen, die an beiden Brillengläsern angebracht sind, ähnlich einem Fernglas. So schaut der Nutzer nicht zur Seite, sondern nach oben, wenn er eine Information auf dem Display liest. Der Blick nach oben wird vom Gesprächspartner als Suche aufgefasst und dadurch eher akzeptiert.

"Widerstände von den Menschen"

mm.de: Sind dies die soziologischen und psychologischen Gesichtspunkte, auf die Sie bei dem Projekt Wert legen?

Lawo: Genau. An diesem Beispiel sehen Sie, dass psychologische Aspekte eine wichtige Rolle spielen. Nach meiner Erfahrung kommen Widerstände nicht aus der Technologie, sondern von den Menschen selbst. Wir müssen uns an eine neue Technologie erst gewöhnen.

Das kennen wir auch vom Handy. Als die ersten Leute mit Bluetooth-Kopfhörern auf der Straße scheinbar mit sich selbst sprachen, dachten wir, sie hätten "einen neben sich herlaufen". Heute haben wir uns daran gewöhnt.

Bei "Wear IT @ Work" versuchen wir zunächst einmal herauszufinden, welche Dinge befremdlich wirken und wo solche sind, an die man sich im Laufe der Zeit gewöhnen kann. Deshalb verfolgen wir über Langzeitstudien, wie die Testpersonen auf Veränderungen reagieren.

mm.de: Wie lange wird es Ihrer Meinung nach dauern, bis das Wearable Computing gesellschaftlich akzeptiert wird?

Lawo: Ich denke, dass Teile der Kleidung wie die Westen mit integriertem Rechner in der Industrie noch vor dem Ablauf des Projekts Ende 2008 eingesetzt werden. Computerspielen wird dabei sicherlich eine wichtige Rolle zukommen. Es gibt ja schon Spiele, bei denen die Technologie eingesetzt wird. Beispielsweise kann man vor dem Fernseher Tennis spielen.

Natürlich liegt noch viel Arbeit vor uns. Aber der erste PC sah auch nicht so aus wie wir ihn heute kennen. Meinen Mitstreitern und mir ist natürlich klar, dass es noch ein langer Weg ist - aber auch, dass wir schon ein gutes Stück weit gegangen sind.

mm.de: Wie teuer sind die Computer zum Anziehen im Moment?

Lawo: Abgesehen davon, dass der Preis mit der hergestellten Stückzahl zusammenhängt, muss man beispielsweise für eine Uniformjacke, in die ein Computer integriert ist, ungefähr das Doppelte einer normalen Jacke zahlen. Der Datenhandschuh kostet rund das Zehnfache einer einfachen Computermaus. Wenn die Geräte einmal außerhalb des professionellen Bereichs angewendet werden, werden sie natürlich noch billiger. Um auf das Handybeispiel zurückzukommen: Während das Mobiltelefon anfangs noch 7000 Mark kostete, zahlt man heute nur noch etwa 100 Euro dafür.

mm.de: Würden Sie das Wearable Computing vorerst nur großen Konzernen empfehlen, oder können auch kleinere Unternehmen es einsetzen?

Lawo: Das Wearable Computing ist grundsätzlich für solche Unternehmen rentabel, die damit eine Produktivitätssteigerung erreichen. Bei der Flugzeugwartung beispielsweise. Dort haben wir festgestellt, dass die Mitarbeiter die Hälfte der Zeit damit verbringen, die nötigen Unterlagen zu holen oder zu sortieren. Das Wearable Computing bringt die Unterlagen quasi zu den Mitarbeitern. Dadurch können wir enorme Produktivitätssteigerungen erreichen. Wertschöpfung wird direkt erarbeitet, man muss Informationen nicht mehr von einem in ein anderes Medium übertragen.

"Wertvolle Informationen liefern"

mm.de: Kritiker befürchten, dass das Wearable Computing aus den Mitarbeitern eine Art Roboter macht ...

Lawo: Ja, es heißt oft: "Die Technik hat es zwar nicht geschafft, Roboter alles automatisch machen zu lassen. Dafür gebt ihr uns jetzt die Befehle, die uns zu Robotern machen." Das ist in der Tat eine Gefahr - jedoch nur dann, wenn man die Mitarbeiter stur eine Anweisung ausführen lässt.

Angenommen, Sie besitzen ein Autonavigationssystem, und es würde Ihnen jedes Mal, wenn Sie von der Route abweichen, eine Faust entgegenkommen und Sie bedrohen. Dann wären Sie von dem Navigationssystem abhängig.

Wenn Ihnen das Gerät aber lediglich wertvolle Ratschläge gibt, akzeptieren Sie es als Unterstützung. Sie haben einen Nutzen davon und behalten Ihre Freiheit. Navigationssysteme haben wir mittlerweile akzeptiert. Sie sind freundlicher zu uns als so mancher menschliche Beifahrer. Das System roboterisiert den Menschen also nicht, sondern sollte ihm wertvolle Informationen anbieten.

mm.de: Was bedeutet das zum Beispiel für Industriearbeiter?

Lawo: Der Computer muss wertvolle Informationen liefern - keine Banalitäten. Dem Experten, der Wartungsarbeiten ausführt und das Drehmoment einer Schraube wissen muss, reicht diese eine Information vollkommen aus. Im Gegensatz dazu braucht jemand, der diese Tätigkeit noch nie oder nur selten ausgeführt hat, mehr Informationen. Das ist für unsere Programmierer natürlich eine Herausforderung. Das Wearable Computing muss interaktive, spannende und an das Nutzerverhalten angepasste Gebrauchsanweisungen liefern.

mm.de: Bleibt die zwischenmenschliche Kommunikation dabei nicht auf der Strecke?

Lawo: Nein, im Gegenteil: Die Technik erweitert Möglichkeiten der Kommunikation. Ein Beispiel dafür ist Video-Skype, also Internettelefonie mit Bildübertragung. Es wäre doch super, wenn Sie diese nicht nur am Schreibtisch, sondern auch unterwegs nutzen könnten. Bildtelefone konnten sich nie durchsetzen. Durch die breite Verfügbarkeit setzt sich Video-Skype jedoch im Geschäftsbereich durch. Und dadurch, dass es so billig ist, wird es in den privaten Bereich hineingetragen und weiterverbreitet.

mm.de: Wie weit ist die Entwicklung des Wearable Computing in Deutschland?

Lawo: Die ursprünglichen Ideen für das Wearable Computing kommen aus den USA. Dort wurde es aber hauptsächlich für den militärischen Bereich entwickelt und hat sich im privaten Bereich nie durchgesetzt. Die EU fördert dieses Thema ganz bewusst und ohne militärischen Hintergrund. Hierzulande ist von großem Interesse, wie die Produktivität gesteigert und dadurch Arbeitsplätze gesichert werden können.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.