IP-Netzwerk Teure Saat, reiche Ernte

Die Gleichung erscheint einfach: Unternehmen übertragen Sprache, Daten und Video über nur ein Netz und sparen dadurch erhebliche Kosten. Aber in der Realität sind oftmals Mehrkosten das Ergebnis der kombinierten Übertragung über die Internetprotokoll-Infrastruktur. Integrierte Anwendungen können Abhilfe schaffen.
Von Hadi Stiel

Bad Camberg - "Mit den fallenden Telefongebühren schmelzen für die Unternehmen, die in das konvergente Netz migriert sind, die erwarteten Einsparungen dahin", stellt Jürgen Bauer von der Unternehmensberatung Logica CMG fest. Er qualifiziert die Methode, die interne Telefonie über das eigene Netz zu übertragen, über kurz oder lang bei voraussichtlich weiterhin fallenden Telefongebühren als "kostenrechnerische Nullnummer". Zumal die Unternehmen für die Konvergenz erheblich investieren mussten. "Jetzt", so der Berater, "müssen sie sehen, wo und wie sie in ihrem Internetprotokoll-Netz (IP) die entgangenen Einsparungen wettmachen können."

Für die Unternehmen ist dies alles andere als eine einfache Aufgabe. Denn die Investitionslatte, um darüber ins Plus zu kommen, liegt hoch. Was im alten Sprachnetz durch ISDN garantiert war, wie eine hohe Verfügbarkeit der Verbindungen und eine leistungsfähige Übertragung, muss im anfälligeren und von den Kommunikationsteilnehmern gemeinsam genutzten IP-Netzwerk erst einmal hochgerüstet werden.

"Das geht nur über eine ausgiebige Redundanz an Netzwerkkomponenten und Servern, damit bei Ausfällen oder Durchsatzengpässen immer ein Ausweichsystem oder eine alternative Verbindung zur Verfügung steht", erklärt Arnold Schmidt, Manager Software Presales Deutschland bei Hewlett-Packard (HP) . Außerdem sei der Einsatz sogenannter Quality-of-Services (QoS) notwendig, um zeitkritische oder verzögerungsempfindliche Ströme mit einer entsprechenden Priorität zu übertragen. "Denn andernfalls", so Schmidt, "drohen an den Endgeräten der User zu lange Antwortzeiten sowie eine mangelhafte Sprach- und Videoausgabequalität."

Eine neue Welt für die Mitarbeiter

Die komplexen Hochverfügbarkeitskonstellationen und der Einsatz von QoS machen zudem in der Regel die Anschaffung eines neuen Netzwerkmanagementsystems erforderlich, um beides innerhalb des konvergenten Netzes überwachen und steuern zu können. "Auch die Fachkräfte müssen diese neue Netzwerkmanagementkultur beherrschen", verweist der HP-Manager zusätzlich auf Schulungsmaßnahmen, gegebenenfalls die Neueinstellung von teuren Spezialisten. Denn in vielen Unternehmen rührt sich der Widerstand innerhalb der Telekommunikationsmannschaft. Für sie ist Sprache und Video über IP eine komplett andere Welt.

Ernst Engelmann, Manager beim Netzwerkausrüster Cisco , winkt ab: "Alle diese Investitionen und Veränderungen müssen von den Unternehmen, die ihre Geschäftsabläufe optimieren wollen, ohnehin getroffen werden." Und Geschäftsprozessoptimierung ohne Sprache- und Videointegration mache wenig Sinn, argumentiert er. "Denn genau darin stecken für die Unternehmen in Form integrierter, multimedialer Anwendungen nicht nur hohe Einsparungen sondern auch eine höhere Mitarbeiterproduktivität."

Der Cisco-Manager verweist auf eine Erhebung des Marktforschers International Data Corporation (IDC), die genau den Trend wiedergäbe. Danach sind Unified Communication, Online Collaboration sowie Microsofts Kerninfrastruktur für sprach-, daten- und videointegrierte Anwendungen drei der fünf tragenden Säulen für optimierte Geschäftsabläufe. Sie sollen dem Marktinstitut zufolge zusammen mit Business Intelligence und Prozessintegration in 2007 eine Investitionsgröße von 50 Milliarden Dollar erreichen.

Im großen Stil denken

Im großen Stil denken

Ein prosperierender Markt, das heißt aber auch, erhebliche Zusatzinvestitionen für die Unternehmen. "Wenn auch über die konvergente Netzwerkinfrastruktur kaum mehr Einsparungen erreichbar sind: Die Unternehmen brauchen diese Konvergenz, um effizientere Geschäftsabläufe in Gang zu setzen", umreißt KPMG-Berater Gregor Frey ihre Ausgangslage.

Denn Konvergenz sei ein Teil des Ganzen, nämlich der Optimierung der Geschäftsabläufe. Für die Unternehmen hieße das, vorab mehr zu investieren, um später die Früchte ihrer Optimierungsmaßnahmen ernten zu können. "Mittel- bis langfristig werden sich ihre Investitionen mehr als auszahlen", ist Frey überzeugt.

Marktinsider setzen das Einsparungspotenzial durch optimierte Geschäftsabläufe, die zusätzlich Sprache und Video integrieren, auf bis zu 30 Prozent an. "Dazu kommt das Plus an Produktivität, weil über solche onlinefähigen Geschäftsprozesse schneller, flexibler und professioneller auf interne wie externe Anforderungen und Veränderungen reagiert werden kann", ergänzt Frey.

Besser im großen Prozessstil denken und handeln - Das ist auch nach Bauer die einzige Strategie, das Missverhältnis von Kosten und Nutzen im konvergenten Netz mittel- bis langfristig wieder zurechtzurücken. Der Logica-CMG-Berater warnt allerdings die Unternehmen davor, den Aufwand und die damit verbundenen Kosten für die im konvergenten Netz anstehende Anwendungsintegration, Computer Telephony Integration, falsch zu bemessen.

"Sogenannte Standardschnittstellen wie TAPI (Telephony Application Programming Interface) und CSTA (Computer Supported Telecommunication Applications) werden von den Herstellern oft nicht vollständig unterstützt oder sind von ihnen spezifisch angepasst worden. Dadurch kann von einer einfachen Integration keine Rede sein", stellt er in Projekten immer wieder fest. Insbesondere, wenn parallel die mobilen Mitarbeiter von zentralen Geschäftsdaten und konvergenten Anwendungen wie Unified Communication, Videokonferenzen oder Online Collaboration mit Application & Document Sharing profitieren sollen, fiele eine erhebliche Integrations- und Anpassungsarbeit an.

Bauer führt diesen hohen Aufwand vor allem auf die vielen Betriebssysteme mobiler Geräte, die unterschiedlichen Displaygrößen und die klassischen Mobilfunkdienste zurück. "Sie stellen sich weiterhin einer nahtlosen Kommunikation mit dem konvergenten IP-Unternehmensnetz in den Weg." Die sei bisher lediglich im Zusammenspiel mit dem drahtlosen Netzwerk W-Lan gegeben, also meist nur innerhalb des Betriebsgeländes.

Konvergenz und optimiertes Prozessgefüge passen an einer weiteren Stelle nicht zusammen. Andreas von Meyer zu Knonow, Avaya-Manager und Mitglied im Hauptvorstand des Branchenverbands Bitkom, blickt dabei auf die Provider als Kommunikationsmittler zwischen den Standort-Netzwerken ihrer Kunden. "Weder ihre Verkehrsklassen noch ihre Service Level Agreements (SLA) werden den Prozessoptimierungsbestrebungen der Unternehmen standhalten", prophezeit er.

Nicht am falschen Ende sparen

Nicht am falschen Ende sparen

"Von den Verkehrsklassen gibt es für immer mehr zeitkritische sowie verzögerungsempfindliche Geschäftsabläufe, die Sprache und/oder Echtzeitvideo enthalten, zu wenige. Und die gebotenen SLAs, die sich meist nur auf die Qualität der Verbindungen beziehen, werden mit den optimierten Geschäftsabläufen nicht Schritt halten können", moniert der Avaya-Manager.

Er fordert deshalb die Provider auf, endlich garantierte SLAs auf Serviceebene einzuräumen. "Nur wenn die sich auf komplette Sitzungen oder Transaktionsketten beziehen, werden die Unternehmen ohne Missing Link die anvisierten Einsparungen und Produktivitätsschübe überhaupt erreichen können", motiviert er die Entscheider in den Unternehmen, den Providern Dampf zu machen.

Auch die IT-Sicherheit, nicht hinreichend vorausbedacht, könnte zusätzlich an den erhofften Einsparungen und Produktivitätsgewinnen zehren. "Die klassischen Netzwerkanbieter, von denen die Konvergenz ausgeht, steigen mit ihrem Produktangebot meist vor den Applikationen und damit den Trägern der Geschäftsprozesse aus", beobachtet KPMG-Berater Frey im Markt. "Doch ausgehend von den Anwendungen und Datenbasen muss die Sicherheit strategisch wie technisch aufgezogen werden, damit sie von der Zentrale aus effizient überwacht, gesteuert und bei Bedarf schnell angepasst werden kann."

Zusätzliche Investitionen für das Servicemanagement

Auch diese Form der zentralisierten IT-Sicherheit, die Sprach- und Videoprozesse integrieren müsse, mache vorerst Investitionen beispielsweise ins Identity- und Access-Management (IAM) erforderlich. "Sie müssen demzufolge ebenso in die Kosten-Nutzen-Betrachtung einfließen", so Frey. Er appelliert in diesem Zusammenhang an die Entscheider, "nicht am falschen Ende zu sparen". Denn ohne das richtige Sicherheitskonzept riskiere das Unternehmen hohe Einbußen und den Verlust wichtiger geschäftlicher Werte.

Neu überdacht werden muss im Kontext der Konvergenz und multimedialen Anwendungen darüber hinaus die Überwachung und Steuerung der Ströme. "Mit dem Fokus auf die optimierten Prozesse reicht ein modernes Netzwerkmanagement nicht mehr aus", erklärt HP-Manager Schmidt. "Die Entscheider in den Unternehmen müssen in einer größeren Kategorie, in der des Service- und Business-Service-Managements, denken und handeln." Dies sei für sie die einzige Chance, die zunehmend geschäftskritischeren und verzögerungsempfindlicheren Abläufe in den Griff zu bekommen und verlässlich am Laufen zu halten.

Damit stünden auch in puncto neues Management in den Unternehmen zusätzliche Investitionen an, ebenso wie für notwendige Veränderungen innerhalb der Organisation und zumindest Schulungen für das Fachpersonal, um die neue Managementkultur effizient einsetzen zu können. "Eine andere Managementalternative haben die Unternehmen aber nicht, die progressiv in Richtung Konvergenz und Prozessoptimierung voranschreiten wollen", glaubt Schmidt.

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