Fotokunst HDRs in Handarbeit

Der Fotograf Kevin Creley setzt in stundenlanger Kleinarbeit kontrastreiche Panoramen aus einer Vielzahl von Einzelfotos mit einer Bildbearbeitungssoftware zusammen. Im Interview erklärt er, wann sich die sogenannte High-Dynamic-Range-Technik besonders lohnt.

Frage: Sie haben als Profifotograf fast täglich mit HDR-Bildern zu tun. Solche Fotos rufen Begeisterung, aber auch Kritik hervor. Finden Sie nicht, dass die extrem kontrastreichen Bilder oft arg gekünstelt wirken?

Kevin Creley: Kommt auf den Zweck des Fotos an. Wir wollen mit unseren 360-Grad-HDR-Bildern einen Raum so präsentieren, als ob man darin stünde. Wir wollen die Realität möglichst gut widerspiegeln. Das geht mit HDR am besten.

Frage: Gilt das auch bei Landschaftsaufnahmen?

Creley: Nein, dafür würde ich nicht HDR nutzen - außer vielleicht bei Sonnenuntergängen. Einen Sonnenuntergang mit dunklem Vordergrund und hellem Himmel in einer herkömmlichen Aufnahme gut abzubilden, das ist fast unmöglich.

Frage: Für welche Lichtsituationen und Motive empfehlen Sie HDR sonst noch?

Creley: Generell für Innenaufnahmen, speziell dann, wenn man den Blick nach draußen zeigen will. Wir fotografieren oft in Hochhäusern mit komplett verglaster Außenfassade. Dafür ist HDR sehr wichtig geworden. Wir machen nur bei schönem Wetter Aufnahmen, um den Effekt voll auszuschöpfen. Außenaufnahmen in HDR empfehle ich, wenn man den Farbverlauf im Himmel einfangen möchte. Und natürlich bei bestimmten Fotos in der Stadt: dem Blick von außen ins Innere einer Kirche oder in einen dunklen Suk in einer Stadt im Orient zum Beispiel.

Frage: HDR-Bilder werden gewöhnlich aus mehreren unterschiedlich belichteten Einzelaufnahmen erstellt. Manche Fotografen arbeiten allerdings mit einem einzigen Schnappschuss im Raw-Format, aus dem sie hinterher am Computer eine Belichtungsreihe extrahieren. Ist das noch echte HDR-Fotografie?

Creley: Das ist die Billigversion. Sie ist sinnvoll, wenn man nicht so viel Zeit oder Geld in ein Bild investieren will. Wir allerdings gehen davon aus, dass unsere HDR-Bilder irgendwann gedruckt werden. Darum wählen wir den sorgfältigeren Weg über eine echte Belichtungsreihe.

Frage: Immerhin ist bei einem einzigen Raw-Schnappschuss Bewegung im Bild erlaubt. Wenn ich eine echte Belichtungsreihe mache, darf kein Auto durchs Bild fahren.

Creley: Das stimmt. Aber dafür gibt es eine Lösung: Beim Zusammenfügen der einzelnen Aufnahmen über Ebenen und Masken in einem Bildbearbeitungsprogramm wähle ich einfach die Bildelemente einer bestimmten Einzelaufnahme aus, die ich auch im endgültigen Bild haben will.

Bis zu 36 Fotos für ein Panorama

Frage: Welche HDR-Software nutzen Sie?

Creley: Wir haben mehrere Programme getestet, auch Photomatix - und entschieden, vorerst keines zu benutzen. Wir sind mit der Qualität einfach nicht zufrieden. Vereinfacht gesagt machen diese Programme aus drei Einzelaufnahmen - über-, unter- und normal belichtet - einfach Mittelwerte. Dabei gehen helle und dunkle Nuancen verloren, die wir lieber behalten möchten. Für viele Anwendungen mag so eine Technik sinnvoll sein, für uns nicht.

Frage: Sie erstellen HDRs also in Handarbeit?

Creley: Richtig. Wir brauchen dazu meist nur zwei Aufnahmen. Eine optimal für außen belichtete, eine andere für innen. Nur manchmal machen wir noch eine dritte für die Fensterrahmen. Dann fügen wir die Bestandteile der zwei, drei Fotos über Ebenen und Masken zusammen.

Frage: Wie viele Einzelaufnahmen brauchen Sie für ein Panoramabild? Und wie lange dauert es, bis Sie ein HDR-Panorama am Rechner zusammengestückelt haben?

Creley: Für Innenaufnahmen sind es mindestens acht Fotos, die im Kreis aufgenommen wurden. Für Bilder von draußen benötigen wir oft mehr, zum Beispiel 24 oder gar 36. Die Nachbearbeitung bis zum fertigen HDR dauert vier bis sechs Stunden. Dann ist die Aufnahme druckfertig.

Frage: Können Sie auf Anhieb erkennen, ob es sich bei einem Bild um HDR handelt?

Creley: In der Regel schon. Ich kenne aber Kunstfotografen, die es sich zum Ziel gemacht haben, dass die verwendete HDR-Technik kaum noch zu erkennen zu ist. Bei ihnen wird's schwierig.