Disney Kopfsprung in den Geldspeicher

Die Umsätze explodieren, der Aktienkurs steigt, der Anschluss an die digitale Revolution scheint geschafft - Bob Iger, Disneys neuer CEO, hat das Steuer bei dem angeschlagenen Entertainment-Konzern herumgerissen. Dafür kassiert er jetzt einen Rekordbonus.

New York - Das Risiko hat sich gelohnt. Für sein erstes Jahr auf dem gefährlichsten Schleudersitz der US-Medienbranche hat die Walt Disney Company  ihrem CEO Robert "Bob" Iger (55) gerade mal eben 17 Millionen Dollar gezahlt: zwei Millionen Dollar Gehalt plus 15 Millionen Dollar Cash-Bonus (doppelt so viel wie ihm anfangs zugesagt). Bei dieser Summe wäre selbst Onkel Dagobert vor Neid erblasst. Doch in diesem Fall scheint das Megasalär durchaus angemessen.

Iger hatte im Oktober 2005 die Nachfolge des umstrittenen Konzernchefs Michael Eisner angetreten, den die Aktionäre in die Wüste geschickt hatten. Eisner hinterließ einen wankenden Entertainment-Riesen, demoralisiert durch Intrigen, Sensationsprozesse, Übernahmeschlachten und missglückte Film-Deals. Selbst im "Magic Kingdom" von Walt Disney World in Florida, dem größten Vergnügungspark der Welt, blätterte der Putz.

Doch Iger - den sie nach dem Disney-Klassiker "Fantasia" den "Zauberlehrling" nennen - hat das Ruder herumgerissen. In seinem ersten Dienstjahr steigerte er Disneys Umsatz um 2,3 Milliarden Dollar auf den neuen Rekordwert von 34,3 Milliarden Dollar. Der Reingewinn schoss um 33 Prozent auf 3,4 Milliarden hoch, der Gewinn je Aktie wuchs um 34 Prozent.

"Feuern aus allen Rohren"

An der Wall Street gehört Disney seitdem wieder zu den Lieblingen: Der Kurs der Disney-Aktie ist seit dem Zepterwechsel in Burbank um fast 50 Prozent gestiegen. Und wenn Iger am Mittwoch die ersten Quartalszahlen fürs Geschäftsjahr 2007 bekannt gibt, erwarten Analysten ein solides Kontoplus.

Das "Haus der Maus", so die "New York Post", "feuert aus allen Rohren". Wie Iger den Laden wieder in Schwung brachte, gilt als unternehmerisches Glanzstück. Doch steckt dahinter mehr als reines strategisches Kalkül.

Iger und Eisner sind zwei völlig gegensätzliche Charaktere: Der eine ist ein umgänglicher Teamplayer, der andere war als egomanischer Despot verschrien. "Iger ist der Un-Eisner", schreibt "Business Week" - der "Anti-Mogul".

Schon vor dem Wechsel an die Konzernspitze löste Iger, zu der Zeit noch Disney-Präsident, als erstes die "Abteilung für strategische Planung" auf. Diese Abteilung hatte, als langer Arm Eisners, wie eine Krake in alle Disney-Gruppen hineinregiert und jede Kreativität erstickt. Jeffrey Katzenberg, einst Disneys Filmchef und heute CEO der Dreamworks-Studios, nannte sie die "Strategie-Gestapo".

Gefangen im Disney-Zauber

Straßenfeger per iTunes

Iger zerschlug die Bürokratie der Traumfabrik. Nun sind Disneys "Divisionen" (Studio Entertainment, Parks and Resorts, Consumer Products, Media Networks) wieder autonom - eine Renaissance der alten Disney-Kultur.

Dann ging Iger das Dilemma der maroden Animationsabteilung an. Er schloss das letzte Zeichentrickstudio, in dem noch von Hand gezeichnet wurde, um ganz auf Computer umzustellen. Auch kaufte er kurzerhand den größten Animations-Rivalen, das Filmstudio Pixar ("Toy Story", "Findet Nemo", "Die Unglaublichen"), für 7,4 Milliarden Dollar vom Computerkonzern Apple und holte Pixar- und Apple-CEO Steve Jobs ins Disney-Board. Jobs wurde damit Disneys größter Shareholder; John Lassiter, Pixars kreativster Kopf, wurde zum "Chief Creative Officer" von Disney.

Auch das TV-Network ABC, lange Disneys Sorgenkind, steht dank einer Reihe erfolgreicher Serien wieder ganz oben: "Lost", "Desperate Housewives", "Ugly Betty", "Grey's Anatomy". Die gewagten Plots (Sex, Mord, Niedertracht) entstaubten nicht nur Disneys Image. Iger nutzte sie gleichzeitig um Disney an die Spitze der digitalen Revolution zu katapultieren: Er schloss mit Apple einen Deal ab, diese Straßenfeger auch via dessen iTunes Store anzubieten. Bisher will Disney so über 20 Millionen TV-Downloads verkauft haben. (Inzwischen sind auf iTunes fast alle US-Fernsehsender vertreten.)

Gefangen im Disney-Zauber

Auch der Vertrieb von Disney-Kinofilmen über iTunes entpuppte sich als Erfolg. In den ersten drei Monaten seit Oktober 2006 habe man auf diesem Vertriebsweg schon 1,3 Millionen Filme verkauft, prahlt Iger; nimmt man die eigenen Websites ABC.com und DisneyChannel.com hinzu, seien es 120 Millionen Disney-Filme. Aktueller Topseller: "Fluch der Karibik".

Gleichzeitig renovierte Disney seinen eigenen Online-Auftritt. Die klobige Disney-Website - bislang lediglich für Kinder die Entertainment-Website Nr. 1 - wurde zum Disney-Portal umgebaut: TV, Filme, Musik, Videospiele. Iger präsentierte die neue Broadband-Homepage jetzt persönlich bei der Consumer Electronics Show in Las Vegas.

Auch eine der ältesten Disney-Unternehmungen blüht wieder neu auf: die Vergnügungsparks. Die Theme-Park-Division machte 2006, im 50. Jubiläumsjahr, fast zehn Milliarden Dollar Umsatz, zehn Prozent mehr als im Vorjahr. Trotz steigender Eintrittspreise: Für eine Familie mit zwei Kindern kostet Walt Disney World mittlerweile pro Tag 246 Dollar.

Dafür gibt's dort neuerdings eine besondere Überraschung: Jeden Tag darf ein Besucher, per Los bestimmt, die Nacht in einer Suite hoch oben in Cinderellas Castle verbringen. Die "königliche Suite", vormals eine Garderobe für Mitarbeiter, strotzt vor typischem Disney-Kitsch: Mosaik-Wände, Brokat-Kissen, Marmorbad, getäfeltes Klo. Einen Nachteil hat das Ganze: Wenn der Park nachts geschlossen ist, dürfen die Gäste die Suite nicht mehr verlassen - sie sind gefangen im Disney-Zauber.

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