SBS Broadcasting Hunger auf Web 2.0

Einige Fans digitaler Medien behaupten, das Ende der klassischen TV-Werbung stehe kurz bevor. Die Senderkette SBS Broadcasting, die mit ProSiebenSat.1 verschmolzen werden soll, setzt zwar weiterhin auf das Fernsehen als Werbemedium. Doch mit Communities und Handy-TV will sich das Unternehmen für die Zukunft rüsten.

Düsseldorf - Die Schaffung von Communities, also Fanclubs von Sendungen oder Kanälen, die sich im Internet über die Programme austauschen, hält Bart Becks für den aussichtsreichsten Weg, digitale Medien zur Stärkung der Senderkette einzusetzen.

Der Senior Vice President New Media von SBS Broadcasting warnte jedoch vor übertriebenen Erwartungen an europaweit zu realisierende Synergien bei digitalen Angeboten, die Interaktivität und Zugriff auf Programme unabhängig von Ort und Zeit ermöglichen. "Die Fernsehmärkte auf dem Kontinent sind technisch unterschiedlich entwickelt und differenzieren sich auch bei den Gewohnheiten der Zuschauer."

Über seine Pläne für Deutschland, wo SBS nach dem Willen seiner Eigentümer mit der deutschen Senderkette ProSiebenSat.1 Media verschmolzen werden soll, wollte der ehemalige Finanzvorstand von Belgacom Skynet jetzt noch keine Angaben machen. Doch das Unternehmen zeigte sich schon in der Vergangenheit flexibel, mit verschiedenen Angeboten die Bedürfnisse in den einzelnen Regionen abzudecken.

SBS Broadcasting ist mehrheitlich in den Händen der Finanzinvestoren Kohlberg Kravis Roberts (KKR und Permira. Sie halten jeweils 37 Prozent der Anteile an der drittgrößten europäischen Senderkette, die sie 2005 für 2,1 Milliarden Euro erworben hatten. Auch der niederländische Verlag De Telegraaf Media Groep und das Management sind an der Senderkette beteiligt.

Permira und KKR hatten im Dezember auch die Mehrheit an ProSiebenSat.1  von den German Media Partners, einem Konsortium von Finanzinvestoren um Haim Saban, erworben. Bei der Bekanntgabe der 3,1 Milliarden Euro schweren Transaktion hatten Permira und KKR angekündigt, dass SBS Broadcasting und ProSiebenSat.1 schnellstmöglich miteinander fusioniert werden sollen.

So würde eine Senderkette mit auf 2005-Basis drei Milliarden Euro Umsatz und einer technischen Reichweite von 84 Millionen europäischer Fernsehhaushalte entstehen, die der RTL Group nach dem Willen der Investoren den Rang ablaufen soll. RTL kam 2005 auf einen Jahresumsatz von rund fünf Milliarden Euro und erreicht 172 Millionen Haushalte auf dem Kontinent.

880 Millionen Euro Umsatz

880 Millionen Euro Umsatz

"Grundsätzlich ist es schon möglich, europaweite Synergien bei der Einführung digitaler Produkte zu erzielen", sagte Becks. Beispielhaft nannte er die Einführung einer Blogging- oder Online-Videoplattform für alle Märkte, in denen die Senderkette präsent ist.

Solche Angebote müssten zum Ziel haben, eine Ergänzung und Vertiefung zum TV zu sein, dem Becks noch eine große Zukunft vorhersagt. "Kein anderes Medium, abgesehen vom Kino, kann so viel Emotion transportieren wie das Fernsehen. Im Internet würden zwar Reisen gebucht, aber oft vergisst der Kunde auch wieder, wie der Anbieter der Reise überhaupt heißt. Wenn ein Unternehmen Markenbewusstsein schaffen will, kommt es an der Fernsehwerbung nicht vorbei", ist Becks überzeugt.

Beim Einsatz digitaler Techniken verfolgt die nach technischer Reichweite mit 40 Millionen Haushalten drittgrößte Fernsehkette Europas zwei Ziele. Die Zuschauer sollen nicht nur durch den Aufbau einer Community interaktiv in Sendungen und Kanäle eingebunden werden. Sie sollen auch die Möglichkeit bekommen, ihre Lieblingssendungen zu sehen, wann und wo sie wollen. Eben an dieser Stelle stößt SBS Broadcasting auf unterschiedliche technische Voraussetzungen.

"In Belgien ist die Verbreitung von IPTV, dem Fernsehen über das Internet, bereits weit fortgeschritten", sagt der Manager der Senderkette. Dort besitzen rund 27 Prozent der Haushalte einen Breitband- oder DSL-Internetanschluss. In Finnland setzt SBS Broadcasting hingegen auf Mobile TV, also Fernsehen über das Handy. Ein Service, der beispielsweise in Deutschland noch in den Kinderschuhen steckt.

Video-on-demand, das Abrufen von Programmen zu jeder Zeit, hat für Becks ein großes Potenzial, setzt aber eine entsprechende Penetration mit Breitbandanschlüssen voraus. Im belgischen Markt, wo SBS Broadcasting zwei flämische Free-TV-Sender betreibt, hat sich Video-on-demand als profitables Geschäftsmodell erwiesen. Zwischen einem und drei Euro zahlen die Kunden hier pro Download, um sich die Sendungen dann anzuschauen, wenn sie es wollen.

Den Löwenanteil ihrer Umsätze generieren die europäischen Senderketten aber immer noch mit Einnahmen aus der klassischen TV-Werbung. In Deutschland sind es bei RTL und ProSiebenSat.1 jeweils knapp 90 Prozent. Europaweit beträgt der Anteil aus TV-Werbung am Umsatz der RTL-Group rund 60 Prozent. SBS Broadcasting erlöst 72 Prozent seiner Umsätze mit Free-TV und weitere 13 Prozent mit Pay-TV-Angeboten. 2005 meldete die drittgrößte europäische Senderkette einen Umsatz von 880 Millionen Euro.

An der Gewichtung der Umsatzanteile wird auch die zunehmende Digitalisierung der Medienwelt grundsätzlich nichts ändern, glaubt Becks. Die neuen technischen Möglichkeiten sind für ihn vielmehr ein Weg, Zuschauern wie Werbekunden gleichermaßen weitere Vorteile zu bieten.

Archibald Preuschat, dow jones

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.