Microsoft Stell dir vor, es gibt Vista und keiner nutzt es

Ab dem 30. Januar wird Microsoft sein neues Betriebssystem Windows Vista auch an Privatanwender verkaufen. Der Softwarekonzern verspricht mehr Sicherheit und mehr Spaß. Wer Vista will, braucht allerdings einen schnellen PC. Vor allem deswegen planen die meisten Nutzer keinen raschen Umstieg.

Hamburg - Die Einführung von Windows Vista am 30. Januar weckt keine großen Emotionen. Wenn man sich in den einschlägigen Blogs umschaut, will nur eine Minderheit das neue Betriebssystem aus Begeisterung sofort anschaffen.

Die Computerspieler werden im Laufe des Jahres folgen: Dann erscheinen die ersten Titel, die auf DirectX-10 angewiesen sind, was es nur für Vista geben soll. Und die große Mehrheit der Privatanwender stellt erst dann um, wenn es sich beim Neukauf eines Computers so ergibt.

Andere wollen, wie ein Teilnehmer in einem Vista-Blog schreibt, "das lieb gewonnene XP behalten und hoffen, dass zumindest noch SP3 dafür erscheint". Allerdings hat Microsoft  schon angekündigt, den Support zumindest für die Home-Version von XP nur noch bis 2009 zu erhalten.

Dabei hat Windows XP offenbar auch aus Sicht der Firmenkunden durchaus noch seinen Wert: Im Dezember, als Vista bereits für Firmenkunden zur Verfügung stand, wurden in den USA noch mehr Lizenzen für XP verkauft als für das neue System. Und die Ausgaben fürs Windows-Update waren nach Erhebungen von Marktforschern der NPD Group um etwa vier Prozent niedriger als im November 2001, dem Monat nach der Einführung von XP. Fachleute erwarten, dass es noch mehrere Jahre dauern wird, bis es am Arbeitsplatz mehr Vista- als XP-Computer geben wird.

"Jedes Mal, wenn Microsoft ein Stück Software auf den Markt bringt, treten sie in einen Wettbewerb mit der eigenen Vorgängersoftware", erklärt Matt Rosoff von der unabhängigen Marktforschungsgesellschaft Directions on Microsoft. "Nur gibt es nun nicht mehr so viele neue Dinge, die sie einbauen können."

Was also steckt in Windows Vista? Immerhin ist es das erste neue Windows seit über sechs Jahren. Die vermutlich mehr als 2.000 Programmierer, die an der neuen Ausgabe des Betriebssystems arbeiteten, haben sich vor allem über die Sicherheit Gedanken gemacht.

Unter der Motorhaube

Unter der Motorhaube

Die entsprechenden Verbesserungen wurden zumeist "unter der Motorhaube" angebracht, wie die Entwickler gerne sagen. So wurde mit Vista eine neue Architektur für die Einbindung von Gerätetreibern eingeführt, die störende Eingriffe in den Kernel verhindern soll, also in den innersten Kern des Betriebssystems. Damit sollen die gefürchteten "Bluescreens" und Systemabstürze der Vergangenheit angehören.

Eine von Grund auf erneuerte Nutzerverwaltung mit der Trennung von Administratoren und "Standardbenutzern" bringt auch Windows auf das Sicherheitsniveau, das es unter Linux schon seit Jahren gibt. Der neue "Windows Defender" schlägt immer dann Alarm, wenn Gefahr droht, etwa bei der Installation eines dem System unbekannten Programms - im Test mit der letzten Vorabversion war dies weitaus häufiger der Fall als nötig.

Für den Schutz des Systems gibt es jetzt nicht nur "Wiederherstellungspunkte", sondern auch "Schattenkopien". Dabei handelt es sich um Images einer Partition, die auch auf CD oder DVD gespeichert werden können, um die Festplatte nach einem Problem in den früheren Zustand zurückversetzen zu können. Bislang musste man sich für diese nützliche Art der System- und Datensicherung eine Spezialsoftware zulegen.

In den vermutlich 50 Millionen Zeilen Programmcode - bei Windows 95 waren es noch 11,2 Millionen - verbergen sich aber auch die Anweisungen für mehr Übersicht und mehr Spaß bei der Nutzung des Betriebssystems. Der gründlich überarbeitete Explorer, also der integrierte Datei-Manager von Windows, zeigt weit mehr Informationen zu den Dateien an als bisher und bietet mit Hilfe von Schlüsselwörtern und Bewertungen mehr Freiheiten beim Verwalten der persönlichen Daten. Das neu geordnete Start-Menü ist etwas gewöhnungsbedürftig, macht aber einen durchdachten Eindruck.

Wo Apple Pate stand

Wo Apple Pate stand

Dem Dashboard des Betriebssystems Mac OS X von Apple  nachempfunden ist die "Sidebar", die in Vista standardmäßig an der rechten Seite zu finden ist. Hier gibt es unterschiedliche Informationen und kleine Hilfsmittel. Das können aktuelle Nachrichten in Form von RSS-Feeds aus dem Internet sein, die im Internet Explorer ausgewählt werden.

Welches Vista soll es sein? Und welche Hardware?

Außerdem kann man sich hier das aktuelle Wetter für einen beliebigen Ort, ein Kalenderblatt, eine Analoguhr oder eine ständige Mini-Diashow mit den Bildern eines beliebigen Ordners anzeigen lassen. Solche "Widgets" - der Begriff ist zusammengesetzt aus Windows und Gadgets (technische Spielerei) - werden von Tüftlern zu Hunderten programmiert und im Internet bereitgestellt.

Zu den Aha-Erlebnissen der "Aero"-Oberfläche gehört die 3D-Anordnung aller geöffneten Fenster - sofern die dafür benötigten Anforderungen an Grafikkarte und Speicher erfüllt werden. Im "Aero-Look" von Windows Vista präsentiert sich jetzt auch ein durchsichtiger Papierkorb. Ob der Trend zur Transparenz auf der grafischen Oberfläche von Dauer ist, wird sich zeigen, zumal hier beim Mac bereits eine Sättigung zu erkennen ist.

Jedes Windows bringt neue Programme mit sich. Bei Vista gibt es nun eine "Fotogalerie" mit einfachen Funktionen zur Verwaltung, Bearbeitung und Präsentation digitaler Fotos. Als Nachfolger von Outlook Express wurde Windows Mail eingeführt. Und in der Rubrik der mitgelieferten Spiele findet sich erstmals eine Schach-Software.

Auch Windows Vista will nach der Installation aktiviert, also bei einem Microsoft-Server mit seiner Hardware-Umgebung gekoppelt werden. Hinzu kommen Online-Überprüfungen des richtigen Lizenzschlüssels bei Updates und Erweiterungen, was unter dem Stichwort "Windows Genuine Advantage" (WGA) läuft. Auf diese Weise soll die Verwendung von Raubkopien blockiert werden.

Peter Zschunke, AP