Test Navigation ohne Komfort

Fast 1,5 Millionen mobile Navigationsgeräte gingen im vergangenen Jahr hierzulande über die Ladentische. Autofahrer schätzen vor allem den günstigen Preis im Vergleich zu den Festeinbauten. Dieser Vorteil geht dem ADAC zufolge jedoch auf Kosten der Nutzerfreundlichkeit - und stellt damit auch eine Gefahr für die Sicherheit dar.

München/Hamburg - Ein mobiles Navigationssystem ist beim Autofahren praktisch - wäre da nicht die oft komplizierte Bedienung. Viele Nutzer verzweifeln bei der Zieleingabe an zu kleinen Knöpfen am Gerät und Bedienfeldern auf dem Display oder verheddern sich im Menü. Das ist nicht nur ärgerlich: Weil der Fahrer leichter vom Verkehr abgelenkt werden kann, wenn er unterwegs Eingaben vornimmt, erhöht sich auch das Unfallrisiko.

Der ADAC in München hat zehn sogenannte Plug & Play-Geräte in der Preisklasse ab 300 Euro getestet. Allzu viel Komfort sei bei diesen Produkten nicht zu erwarten, lautete das Fazit. Die Bedienung sei durchweg schwierig, sagt Testleiter Helmut Schmaler. Er bemängelt vor allem die kleinen Bedienfelder auf den Touchscreens, die ohne Eingabestift meist nicht zu betätigen sind, sowie eine "unlogische" Menüführung. Auf Anhieb gelinge Anfängern die fehlerfreie Zieleingabe kaum. "Einfach einschalten und losfahren, das ist nicht."

Besonders ärgerlich findet der ADAC-Experte, dass auch die Anleitungen der mobilen Geräte oft zu wünschen übrig lassen - sofern überhaupt ein gedrucktes Exemplar mitgeliefert wird. Denn oft gebe es eine Dokumentation nur auf CD-ROM. "Die nützt aber im Auto gar nichts", sagt Schmaler. "Das sind Dinge, bei denen ein Mensch, der sonst nicht viel mit Technik zu tun hat, völlig aufgeschmissen ist."

Einen Grund für die Defizite sieht Schmaler im Zeitfaktor: "Die mobile Navigation hat eine Dimension angenommen, die noch vor Jahren kaum vorstellbar war." 2004 lag der Absatz der Geräte laut ADAC in Deutschland bei rund 68.000 Stück. Schätzungen zufolge gingen 2006 fast 1,5 Millionen Exemplare über die Ladentische. Durch den starken Konkurrenzkampf würden neue Lösungen zu früh auf den Markt geworfen: "Das wird alles mit heißer Nadel gestrickt", sagt Schmaler. Manche Software enthalte noch Bugs - und vielen Geräten hätte mehr Entwicklerarbeit im Hinblick auf die Nutzerfreundlichkeit gut getan.

Verbesserte Routenführung

Verbesserte Routenführung

Trotz der Defizite seien die Produkte heute aber auf einem weitaus höheren Qualitätsstandard als früher, sagt Josef Krems, der an der Technischen Universität Chemnitz unter anderem zu Navigationsanwendungen forscht. Das gelte vor allem für die Routenführung. "In den vergangenen Jahren hat sich viel getan. Die meisten Nutzer sind froh, dass sie so ein Hilfsmittel haben."

Für problematisch hält der Wissenschaftler vor allem das Abrufen von Zusatzinformationen wie aktuellen Stau- und Verkehrsmeldungen, wenn dies nicht automatisiert erfolgt. "Wenn unterwegs eine permanente Interaktion mit dem Gerät erforderlich ist, erhöht das die Ablenkungs- und damit die Unfallgefahr." Sinnvoll wären laut Krems individuelle Einstellmöglichkeiten der Anzeige auf dem Display sowie der Ansage von Navigationshinweisen während der Routenführung. Denn was den einen stört, ist dem anderen womöglich eine Hilfe.

Es allen Anwendern recht zu machen, das sei die Schwierigkeit der Anbieter, bestätigt Jochen Katzer von der Firma Navigon. Das User Interface - die Benutzerschnittstelle zwischen dem Anwender und dem Gerät - sollte von Anfängern ohne großes technisches Wissen bedient werden können. Auf der anderen Seite dürfe man aber auch die "technikaffinen" Anwender nicht vergrätzen. Von diesen "Meinungsführern" hänge bei der Beurteilung eines Produktes viel ab.

Promi-Stimmen erhöhen die Ablenkung

Navigon hat laut Katzer den Spagat zu lösen versucht, indem bei der aktuellen Software die Menüs und die Standardanzeige vereinfacht wurden. Spezialfeatures seien in die Optionen verbannt worden, wo ambitioniertere Nutzer sie dazu wählen können. Auch die Zahl der sich öffnenden Untermenüs während der Zieleingabe sei verringert worden. Erkenntnisse, was beim Entrümpeln der Software sinnvoll ist, lieferten "Usability-Tests". Laut Katzer profitieren Anwender von einer Entfrachtung doppelt: "Eine einfachere Benutzerführung führt dazu, dass der Nutzer dem System generell mehr vertraut."

Mittlerweile ist aber auch Zusatzsoftware für Navigationsgeräte erhältlich, die diese Bemühungen der Anbieter ein Stück weit zunichte macht. Die Programme installieren sich über die Geräteoberfläche, ermöglichen die Ansage der Routenhinweise durch prominente Stimmen und zeigen auf der Karte zusätzliche Ziele in der Umgebung an. "Das ist etwas für Freaks", meint ADAC-Experte Schmaler. Eine Navi-Stimme sollte klar und neutral sein, Stimmen von Prominenten würden eher ablenken. Zudem sei die Einblendung vieler Zusatzziele nicht sinnvoll, da dann auf dem kleinen Display von der Karte nichts mehr zu sehen sei.

Auch Jochen Katzer sieht derartiges Navi-Tuning aus Gesichtspunkten der Nutzerfreundlichkeit "klar negativ". Zudem installiere der Endanwender die Software auf eigenes Risiko. Wenn es Probleme mit der Kompatibilität gibt - was nicht auszuschließen sei -, gewähre der Gerätehersteller keine Garantie. Und in diesem Fall ist die Nutzerfreundlichkeit erst recht dahin.

Felix Rehwald, dpa

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