Orkantief "Kyrill" Bahn stoppt Fernzüge

Mit bis zu 200 Stundenkilometern fegte das Orkantief "Kyrill" über Deutschland. Lastwägen wurden am Donnerstag von der Straße geweht, der Flugverkehr ist stark beeinträchtigt. Vielerorts ist der Strom ausgefallen. Die Bahn hat vorübergehend den gesamten Fernverkehr eingestellt. Mehrere Todesopfer sind bereits zu beklagen.

Hamburg/Stuttgart/Frankfurt am Main - Der Bahnverkehr in Deutschland ist am Donnerstagabend wegen des Orkans "Kyrill" weitgehend zum Erliegen gekommen. Nach Angaben der Deutschen Bahn spitzte sich die Situation am frühen Abend so stark zu, dass der überregionale Zugverkehr größtenteils habe eingestellt werden müssen.

Zunächst hatte sich das Unternehmen nur für West- und Norddeutschland zu diesem Schritt entschlossen. Begründet wurde dieser Beschluss mit der Sicherheit der Fahrgäste, die an erster Stelle stehe. Vom S-Bahnverkehr hieß es dagegen, er solle soweit wie möglich aufrechterhalten werden.

Noch verkehrende Züge würden gezielt Bahnhöfe anfahren, so dass die Fahrgäste die Züge verlassen könnten. Weiter hieß es, nach "individueller Prüfung fahren einzelne Züge nach Möglichkeit weiter". Ansonsten verblieben die Züge an den jeweiligen Bahnhöfen.

Zehntausende Reisende säßen fest. Es sei sehr unwahrscheinlich, dass der Betrieb noch am Donnerstag wieder aufgenommen werde. Darüber hinaus wurden im Lauf des Tages auch zahlreiche Flüge storniert und Schiffsrouten vorübergehend eingestellt.

Unterdessen zieht "Kyrill" schneller über Deutschland hinweg als erwartet. Die Kaltfront und die auf ihrer Rückseite auftretenden stärksten Orkanböen bewegten sich ein bis zwei Stunden früher über das Land als zunächst angenommen, sagte Burkhard Kirsch vom Deutschen Wetterdienst am Donnerstag. Am frühen Abend lag die Kaltfront demnach bereits auf einer Linie, die sich von Berlin bis nach Köln quer durch Deutschland zog, und bewegte sich weiter nach Süden.

Gegen 1.00 Uhr sollte sie auch die südlichsten Teile der Republik erreichen. An der Westküste Schleswig-Holsteins seien bereits Sturmböen von 150 Kilometern in der Stunde gemessen worden, sagte Kirsch. "Das ist volle Orkanstärke." Damit sei "Kyrill" der schwerste Sturm seit Orkan "Lothar", der 1999 in Deutschland schwere Verwüstungen angerichtet hatte.

Nach Angaben des Innenministeriums in Stuttgart fuhr in Baden ein Autofahrer auf einen umgestürzten Baum auf. Er kam bei dem Zusammenprall ums Leben. Ein 18 Monate altes Kind starb Polizeiangaben zufolge in München, als der starke Wind eine Terrassentür aus den Angeln riss. Die Tür fiel auf das Kind, das wenig später im Krankenhaus seinen schweren Verletzungen erlag. Die Eltern erlitten einen Schock.

Einen weiteren Toten hat "Kyrill" in Halberstadt in Sachsen-Anhalt gefordert. Der Mann sei in einer Gaststätte unter einer umstürzenden Wand begraben worden, teilte die Polizei mit. Drei weitere Männer wurden schwer verletzt.

Ausnahmezustand in Berlin

Ausnahmezustand in Berlin

Ein 73-jähriger Mann ist im Landkreis Augsburg von einem Scheunentor erschlagen worden. Nach Angaben der Polizei war ein Flügel des massiven Tores durch eine Sturmböe aus den Angeln gehoben worden und hatte beim Umfallen den Mann schwer verletzt. Er starb noch an der Unfallstelle. Auch in Großbritannien und den Niederlanden kamen jeweils zwei Autofahrer wegen des Sturms ums Leben.

Im nordrhein-westfälischen Lippstadt ist eine 23 Jahre alte Autofahrerin ums Leben gekommen. Wie die Polizei mitteilte, war die Frau auf einer Straße unterwegs, als vor ihrem Wagen ein Baum umstürzte und die Fahrbahn blockierte. Als die Lippstädterin ihren Pkw habe wenden wollen, sei das Auto von einem weiteren umstürzenden Baum getroffen worden. Die 23-Jährige wurde laut Polizei im Wagen eingeklemmt und musste durch die Feuerwehr geborgen werden. Sie starb kurze Zeit später im Rettungswagen an der Unfallstelle.

Ein Intercityzug ist auf der Bahnstrecke von Hamburg nach Westerland auf Sylt gegen einen von Orkan gefällten Baum geprallt. Bei dem Unfall sei jedoch nur Sachschaden entstanden und zum Glück niemand verletzt worden, sagte ein Bundespolizeisprecher auf Anfrage der Nachrichtenagentur ddp.

Ein in einem Osnabrücker Vorort wegen des Orkans liegen gebliebener Intercity mit etwa 250 Fahrgästen ist am Donnerstagabend evakuiert worden. Die Stadt setzte Busse ein, um die Reisenden zu Notunterkünften in einer Schule zu bringen, sagte ein Sprecher der Stadt. In Bad Bentheim wurde das Dach des Finanzamtes von dem Orkan komplett abgerissen. Hilfskräfte seien dabei, das Gebäude zu sichern, sagte ein Sprecher der Polizeileitstelle in Lingen.

Die Berliner Feuerwehr hat wegen des Unwetters am Donnerstagabend den Ausnahmezustand ausgerufen. Das teilte die Leitstelle mit. Im Süden Berlins seien bereits Windstärken von 110 km/h gemessen worden. Zahlreiche Straßen stehen unter Wasser. Den Angaben zufolge sind bis zu 1500 Kräfte im Einsatz.

In Magdeburg ist am Donnerstag der Strom fast im ganzen Stadtgebiet ausgefallen. Davon betroffen seien Haushalte, Verkehrsampeln und Straßenbahnen, hieß es beim Lagedienst der Polizei auf Anfrage. Zu den Ursachen des Stromausfalls in der Landeshauptstadt lagen zunächst keine Angaben vor.

Am Nachmittag wurden auf dem Brocken bereits 200 Stundenkilometer gemessen, im Pfälzer Wald wütete der Orkan mit 156 Stundenkilometern. Im Flachland wurden in Trier mittags bereits mehr als 100 Stundenkilometer gemessen, was als orkanartiger Sturm gilt. Im Norden und Westen Deutschlands wurden bereits am Morgen erste Sturmschäden gemeldet

Britisches Frachtschiff gesunken

Britisches Frachtschiff gesunken

Auch im Flugverkehr sorgte der Sturm bereits am Vormittag für ernsthafte Verzögerungen und zahlreiche Stornierungen. Allein die Deutsche Lufthansa strich bis zum Abend 261 Flüge, davon einen Großteil am Flughafen Frankfurt. Die zulässige Zahl der Flüge auf dem größten deutschen Flughafen wurde von der Flugsicherung halbiert.

Unternehmen schickten ihre Beschäftigten am Nachmittag zum Teil vorzeitig nach Hause. Deutsche Bank , Commerzbank  und Dresdner Bank haben es den Angestellten auf Grund der extremen Wetterlage freigestellt, frühzeitig Feierabend zu machen.

In Großbritannien sind nach dem schweren Sturm vom Donnerstag hunderttausende Menschen ohne Strom. Umstürzende Bäume und herumfliegendes Geröll hätten zahlreiche Leitungen im ganzen Land beschädigt, teilten die großen Energieversorger mit. Am schlimmsten betroffen war demnach der Süden, wo es auch zu einem Verkehrschaos kam.

Der E.on-Konzern im Königreich sprach von rund 80.000 Kunden, die einen Stromausfall zu beklagen hätten. Die meisten Betroffenen lebten in Herefordshire, Worcestershire und Lincolnshire. Scottish and Southern Energy sowie EDF Energy berichteten von jeweils der gleichen Anzahl betroffener Kunden.

Im Ärmelkanal zwischen England und Frankreich ist am Donnerstag ein britisches Frachtschiff gesunken. Der 62.000-Tonnen-Frachter "MS Napoli" sei vor der Küste von Cornwall untergegangen, berichtete die BBC. Die 26 Mann Besatzung an Bord konnten nach diesen Angaben noch rechtzeitig in Rettungsboote steigen. Die Rettungsarbeiten, in die auch die französische Küstenwache eingeschaltet ist, werden jedoch durch meterhohe Wellen erschwert.

manager-magazin.de mit Material von ap, dpa, reuters und ddp

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