Siemens/BenQ Die Wurzeln des Desasters

Für die Handymarke BenQ Mobile und ihre 3000 Mitarbeiter in Deutschland sehen Analysten nur noch wenig Hoffnung. Die Schuld an der Pleite seiner früheren Handysparte gibt Siemens-Chef Klaus Kleinfeld dem taiwanesischen Mutterkonzern. Dabei gehen die Wurzeln des Desasters viel tiefer.

München - Für die 3000 Mitarbeiter in den nordrhein-westfälischen Produktionsstandorten Bocholt und Kamp-Lintfort besteht wohl nur schwache Hoffnung, dass die Werke weiter betrieben werden. Denn welcher Investor könnte sich für die Insolvenzmasse von BenQ Mobile interessieren?

Chris-Oliver Schickentanz, Analyst der Dresdner Bank, sieht nur eine einzige denkbare Variante: Ein ausländischer Handyproduzent könnte sich die Geschäftsbeziehungen und Vertriebskanäle der ehemaligen Siemens-Mobilfunksparte zunutze machen, um seine Präsenz in Westeuropa zu stärken.

Doch den Produktionsbetrieben in Deutschland würde dies wohl wenig nützen: "Wer Interesse an einem Standbein in Europa hat, kann trotzdem in Asien produzieren", so Schickentanz. Sein Fazit: "Ich glaube nicht, dass ein Investor primär Interesse am Produktionsstandort Deutschland hat."

Auch Manfred Jaisfeld, Analyst der National-Bank in Essen, räumt BenQ Mobile wenig Zukunftsperspektiven ein: Die Marke habe einen herben Imageverlust bei Mobilfunkanbietern erlitten, auf deren Nachfrage jeder Handyproduzent angewiesen ist. Statt das Risiko einzugehen, dass für BenQ-Handys künftig weder Support noch Ersatzteile angeboten werden könnten, verzichteten Kunden lieber auf Bestellungen: "Für die Marke ist dies sicherlich der Todesstoß".

Wie konnte es so weit kommen? Der Siemens-Konzern zeigt sich erzürnt über den Umgang der Taiwanesen mit seiner früheren Tochter. Man sei von der Nachricht über das Insolvenzverfahren von BenQ Mobile "unvermittelt getroffen" worden, teilte Siemens  unlängst in einer Presseerklärung mit. "Wir finden die Vorgehensweise von BenQ  verwerflich", wird Vorstandschef Klaus Kleinfeld zitiert, "und helfen, so gut wir können".

Doch auch die Vorgehensweise des Siemens-Chefs wirft Fragen auf. Hatte Kleinfeld wirklich keine andere Wahl, als das Handygeschäft an BenQ zu übergeben? Frank Rothauge, Analyst bei Sal. Oppenheim, bewertet das Geschäft zwischen den beiden Technologieunternehmen nachträglich als miserabel: "Man hätte einen solch schlechten Deal nicht abschließen dürfen - er hat viel zu viel Geld gekostet".

"Man wollte das Problem schnell los sein"

Es wäre wesentlich effizienter gewesen, die Handysparte bei Siemens zu belassen und radikal zu sanieren, so der Analyst: Durch eine Zusammenlegung der Werke in Bocholt und Kamp-Lintfort, verbunden mit einem konsequenten Personalabbau, hätte die Mobilfunktochter aus den roten Zahlen gehievt und später zu wesentlich besseren Konditionen verkauft werden können.

Rückblick ins Frühjahr 2005: Als Siemens seine defizitäre Handysparte verkaufen wollte, befand sich der Technologiekonzern in einer denkbar schlechten Verhandlungsposition. Rothauge erklärt: "In ihrer damaligen Verfassung war die Handysparte nicht verkäuflich". Nur so lässt sich wohl die opulente Mitgift für die Siemens-Tochter erklären, die das taiwanesische Unternehmen BenQ dankbar einstrich: Mehrere Hundert Millionen Euro als eine Art Anschubfinanzierung, das Markennutzungsrecht für fünf Jahre sowie rund 600 Patentfamilien.

Kleinfeld habe eine "schnelle Lösung" gesucht, so Rothauge, um den Rücken frei zu bekommen: "Man wollte das Problem schnell los sein". Schickentanz von der Dresdner Bank erklärt: "Kleinfeld hat unter dem Druck der Investoren die schnellste gangbare Möglichkeit gewählt."

Nach Ansicht von Rothauge wäre es jedoch auch falsch, dem heutigen Siemens-Chef die alleinige Schuld am Handy-Desaster zu geben: "Kleinfeld wird für etwas verantwortlich gemacht, wofür er eigentlich gar nichts kann. Die Managementversäumnisse liegen bei anderen."

Namen will der Analyst nicht nennen. Doch es ist naheliegend, welche Manager für die Handysparte verantwortlich waren. Dazu gehört Rudi Lamprecht. Der frühere Bereichsleiter sitzt bis heute im Siemens-Zentralvorstand. Er wollte im Jahr 2000 die Zahl der jährlich verkauften Mobiltelefone innerhalb von zwei Jahren von elf auf 60 Millionen steigern - und verfehlte dieses Ziel um mehr als die Hälfte.

"Zwischen allen Stühlen"

Mitte Februar 2005 - etwas mehr als vier Monate, bevor Siemens den Verkauf der Handysparte an BenQ bekannt gab - erklärte Zentralvorstand Lamprecht noch, das verlustreiche Handygeschäft müsse saniert werden. Und zwar von Siemens selbst: "Wer soll das denn machen? Das machen wir natürlich."

Unter Lamprechts Ägide hatte die Handysparte die Trends der Zukunft verschlafen, beispielsweise die Entwicklung von UMTS-Geräten. Außerdem unterliefen den Managern seinerzeit fatale Kommunikationsfehler, wie Analyst Rothauge schildert: Siemens habe beispielsweise offen über Werksschließungen philosophiert - und damit die Mobilfunkbetreiber als Kunden vergrault: "Die haben lieber gleich bei jemand anderem bestellt."

Daran konnte auch der damalige Siemens-Chef Heinrich von Pierer nichts ändern. Im Herbst 2003 übernahm er sogar selbst übergangsweise die operative Verantwortung für die Informations- und Kommunikationssparten und verkündete hohe Wachstumsziele für das Handygeschäft. Doch auch unter seiner Führung gelang es nicht, die Sparte profitabel zu machen.

Laut National-Bank-Analyst Jaisfeld war es Siemens mit seinen Handys einfach nicht gelungen, eine bestimmte Nische zu besetzen. Die Mobiltelefone seien weder erste Wahl für Geschäftskunden gewesen, noch habe es reizvolle Multimediageräte für Jugendliche gegeben. "Siemens hat zwischen allen Stühlen gesessen", so Jaisfeld.

Insofern hat BenQ im vergangenen Jahr kein besonders Erfolg versprechendes Geschäft übernommen. Offenbar hatte sich der Siemens-Konzern erhofft, sein Sorgenkind weitgehend geräuschlos weitergeben zu können. Analyst Jaisfeld sagt: "Dass die negative Wahrnehmung in der Öffentlichkeit nun auf Siemens zurückfällt, war sicherlich nicht einkalkuliert."

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