HP-Skandal Perkins' Rache

Die Bespitzelungsaffäre bei Hewlett-Packard entwickelt sich zum größten Skandal in der Geschichte des Unternehmens. In einem Brandbrief beschuldigt Multimillionär und Ex-AR-Mitglied Tom Perkins Verwaltungsratschefin Patty Dunn. Inzwischen werden erste Rücktrittsforderungen laut. Auch CEO Mark Hurd gerät ins Kreuzfeuer.

New York - Tom Perkins hätte allen Grund, zufrieden zu sein. Er ist steinreich, und sein Berufsleben ist erfüllt, seit er seine Managerkarriere bei Hewlett-Packard  (HP) begonnen hat. Er saß und sitzt in etlichen Verwaltungsräten, unter anderem bei Rupert Murdochs News Corp. , zuletzt auch bei HP selbst. Er besitzt Villen in den USA und Europa. Er war mit der Kitschautorin Danielle Steel verheiratet und veröffentlichte kürzlich seinen ersten Roman ("Sex and the Single Zillionaire"), auf dessen Cover sich eine Schöne auf dem Bug einer Yacht räkelt. Er selbst besitzt seit kurzem eine der weltgrößten Yachten - die "Maltese Falcon", 88 Meter lang.

Doch es gibt Dinge, die dem 74-jährigen Multimillionär das süße Leben vergällen. Einige Vorgänge im Verwaltungsrat des Computerkonzerns HP zum Beispiel. Im Mai legte er ihretwegen sein Amt als Verwaltungsrat nieder. Und jetzt, nach vier Monaten Schweigen, bringt er seine Gründe an die Öffentlichkeit: Er hat seinen Ex-Kollegen in dem Gremium einen Brief geschrieben, der ganz Silicon Valley erschüttert. Denn Perkins lässt kaum ein gutes Haar an dem Konzern, der ihn so reich gemacht hat.

"Illegale Praktiken", "betrügerische Methoden" und "fragwürdige Ethik" - das sind nur drei der vielen Vorwürfe, die Perkins in seinem Schreiben erhebt. Der Brandbrief bringt den größten Skandal in der Geschichte von HP ans Licht. Er dreht sich um Missgunst und Misstrauen, Groll und Rache, eine unternehmerische wie persönliche Vendetta.

Es begann 2005 mit dem Sturz der Vorstandschefin Carly Fiorina durch den Verwaltungsrat - und könnte nun, Ironie des Schicksals, zum Sturz der Verwaltungsratschefin Patty Dunn führen. Das Ende des Skandals wäre das aber womöglich noch nicht, im Gegenteil: Schon jetzt muss sich auch Fiorinas Nachfolger Mark Hurd unangenehme Fragen gefallen lassen.

Was wusste Hurd? Was hat er gebilligt, was nicht? Wie kann er seinen wankenden Konzern, der von der Affäre schier zerrissen wird, wieder zur Ruhe bringen? "Er steht vor schwierigen Fragen", schreibt das "Wall Street Journal" und merkt an, dass Hurd die Vorgänge, die den Konzern so treffen, zwar nicht eingeleitet hat - "aber auch nicht gestoppt".

Was ist geschehen? Im Februar 2005 kündigt der HP-Verwaltungsrat den Vertrag mit Vorstandschefin Fiorina, unter anderem wegen der missratenen Fusion von HP und Compaq drei Jahre zuvor. Etliche Details über den Rausschmiss und die folgenden Veränderungen im Konzern sickern danach an die Presse durch - und bereiten HP ein enormes Imageproblem. Die neue Verwaltungsratschefin Dunn beschließt, die undichte Stelle im eigenen Hause aufzuspüren. Ihr Verdacht richtet sich gegen das eigene Direktorium - denn über dessen Beratungen muss sie immer wieder in der Zeitung lesen.

Konfrontation im Verwaltungsrat

Konfrontation im Verwaltungsrat

Dann sinkt die Affäre in die Niederungen eines zweitklassigen Krimis ab, wie ihn selbst Danielle Steel nicht schillernder hätte erfinden können. HP-Chefsyndikus Ann Baskins heuert eine Privatdetektei an, deren Fahnder sich bei AT&T  die private Telefonrechnung von mindestens einem HP-Verwaltungsrat besorgen - mit Datum, Zeit, Dauer, Gesprächspartner, Höhe der Rechnung. Um an die Daten zu kommen, gibt sich der Detektiv als der jeweilige Verwaltungsrat aus, gewappnet mit den letzten vier Ziffern von dessen Sozialversicherungsnummer. Eine dubiose, aber offenbar gängige Praxis namens "pretexting". In elf US-Bundesstaaten ist sie illegal, praktischerweise nicht in Kalifornien.

Natürlich wurde auch Perkins auf diese Weise durchleuchtet - er selbst wütete in seinem Brief: "Jemand hackte sich in meine persönlichen Telefonunterlagen." Als Beweis präsentiert er ein Schreiben von AT&T, in dem der Telefonkonzern die Weitergabe der Informationen zugibt und sich "für die Unannehmlichkeiten" entschuldigt. Für HP eine höchst peinliche Enthüllung - beschwört die legendäre Unternehmenskultur (der "HP-Weg") doch unter anderem den "tiefen Respekt für das Individuum".

Auf der Suche nach dem Informationsleck an der HP-Spitze sprach die Detektei den bespitzelten Perkins von jeder Schuld frei. Am Pranger stand stattdessen schnell sein Direktoriumskollege und Freund George Keyworth, ein früherer Berater von Ronald Reagan. Offenbar war auch sein Privattelefon ausspioniert worden. In einer Sitzung des Verwaltungsrats im Mai kam es zum Eklat: Die Vorsitzende Dunn konfrontierte Keyworth mit den Vorwüfen.

Skrupellos, aber legal?

Keyworth gab zu, hintenrum mit der Presse geredet zu haben. Dunn und die Mehrheit des Rats forderten daraufhin seinen Rücktritt. Keyworth weigerte sich. Dafür trat Perkins zurück - aus Protest dagegen, dass Keyworth so abgekanzelt wurde. "Meine Geschichte bei der Hewlett-Packard Company ist lang, und ich hatte das Privileg, beide Gründer zu meinen Freunden zu zählen", schrieb Perkins später in seinem Brandbrief. "Ich halte HP für eine Ikone des Silicon Valleys und eine der großartigsten Firmen der Welt. Es braucht jetzt dringend eine Kurskorrektur."

Inzwischen ist enthüllt worden, dass auch mindestens neun Journalisten in der HP-Sache ausspioniert wurden. Darunter: Reporter vom "Wall Street Journal", von der Wirtschafts-Website CNet.com und John Markoff von der "New York Times". "Was wirklich bizarr ist", sagte Markoff, "ist, dass Patty Dunn bei der Beerdigung meines Onkels die Grabrede hielt."

Auch Larry Sonsini, HP-Berater und wohl einflussreichster Wirtschaftsanwalt im Silicon Valley, ist in den Sog des Skandals geraten. Sonsini versicherte Perkins per E-Mail, die Sache sei "innerhalb legaler Grenzen" abgelaufen. Perkins machte dieses Zitat publik - verbunden mit einem Zitat seines Anwalts, des Juraprofessors Viet Dinh, der die Sache ihm gegenüber als "skrupellos" bezeichnet habe. Sonsini verneint, dass er selbst an den Verwaltungsrats-Ermittlungen beteiligt war.

"Jeden Tag wird das Loch tiefer"

"Jeden Tag wird das Loch tiefer"

Anfang September schließlich löste Dunn noch einen Eklat aus: Auf ihre Initiative hin beschloss der HP-Verwaltungsrat, den in Ungnade gefallenen Keyworth bei der nächsten Hauptversammlung im März 2007 nicht mehr zu nominieren. Perkins wiederum schaltete dann die Handelskommission FTC ein, die Kommunikationsbehörde FCC und die Staatsanwaltschaft. Die Börsenaufsicht SEC nahm Ermittlungen auf, ebenso der kalifornische Generalstaatsanwalt Bill Lockyer, der von einer eindeutigen "Straftat" spricht.

Zum Wochenende versuchte Dunn nun mit mehreren Interviews in die Offensive zu gehen. Sie sprach von einer persönlichen Vendetta gegen sich: "Tom ist ein mächtiger Mann mit Freunden in mächtigen Positionen." Das spielte darauf an, dass Perkins seinerzeit die HP-Fusion mit Compaq unterstützt hatte - wegen der Fiorina gefeuert worden war. Welche Rolle Fiorina selbst in dem Fall spielt, das ist offen. Alle warten auf ihre Autobiografie, die demnächst herauskommt.

In Wirtschafts-Blogs wird Dunn schon als "Spymaster" verspottet, als Meisterspionin - für sie steht viel auf dem Spiel. "Forbes" hatte die 53-jährige Finanzexpertin zuletzt auf Platz 17 der "mächtigsten Frauen" in der US-Wirtschaft gesetzt.

"Dunn sollte zurücktreten", schreibt dagegen jetzt Kolumnist David Kirkpatrick in "Fortune". In einer Zeit, "in der Sicherheit und Privatsphäre zu den wichtigsten und dringlichsten Sorgen der Verbraucher gehören", seien diese Aktivitäten im Namen von HP unethisch und geschäftsschädigend.

Gestern hielt der Verwaltungsrat eine Telefonkonferenz zu Dunns Zukunft ab - in Abwesenheit des düpierten Keyworth. Beobachter erwarteten schon Dunns Entlassung. Doch das Gremium vertagte sich ohne Erklärung auf heute Nachmittag.

"Jeden Tag wird das Loch tiefer", sagte Perkins am Wochenende. Er übermittelte diese Worte vom Mittelmeer, wo er mit seinem "Maltese Falcon" auf Jungfernfahrt kreuzt.

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