Datenübertragung Flurfunk für Fortgeschrittene

Ultrawideband, Zigbee, Wimax oder die Funkchiptechnik RFID – IT-Leiter werden mit neuen Techniken aus der Funkwelt geradezu überrollt. Doch wie lässt sich die optimale Lösung für das eigene Unternehmen finden?
Von Stefan Schwögler und Kirsten Seegmüller

Welche Funktechnik-Standards sich in welchen Anwendungsbereichen durchsetzen werden, lässt sich heute noch gar nicht absehen. "Diese Technologien erscheinen gerade erst am Horizont, viele sind noch nicht einmal in Standards gegossen", erklärt Stephan Waßerroth, Leiter Verteilte Systemtechnik beim Fraunhofer-Institut für Offene Kommunikationssysteme (Fokus).

Zigbee zum Beispiel wird zurzeit nur in einzelnen Pilotprojekten getestet, und bis RFID nicht mehr nur beim Diebstahlschutz zum Einsatz kommt, dauert es nach Meinung von Waßerroth noch eine Weile. Das hat Auswirkungen auf die Fortbildung. "Ein IT-Leiter muss diese Technologien erst einmal auseinander halten können und wissen, wo man sie betriebsintern sinnvoll einsetzen kann", sagt Gerhard Schneider, Lehrstuhlinhaber und Professor für Kommunikationssysteme an der Uni Freiburg.

Das Auseinanderhalten der verschiedenen Technologien ist aber kein Hexenwerk. "Wimax eignet sich für größere Gebiete, die man nicht mit Kabel erschließen will oder kann", sagt Fraunhofer-Experte Waßerroth. Wer große Frequenzbereiche mit Bandbreiten von mindestens 500 Megahertz benötige, für den eigne sich UWB. "Das reicht aber nur wenige Meter weit", erklärt Waßerroth.

Alle Fachabteilungen einbeziehen

Mit Zigbee werden dagegen Sensoren oder Haushaltsgeräte vernetzt, und RFID gehört in die Logistik. Die Funketiketten können zwar nur kleinere Datenmengen speichern, aber für die Produktverfolgung reicht das völlig aus. Die Details der Standards 802.11 b, g, a oder n hält Schneider für nicht so wichtig. "Es kommt darauf an, die Funktionsweise zu verstehen, wie man das Internetprotokoll durch die Luft schickt."

Viel schwieriger ist es, den wirtschaftlichen Nutzen zu beurteilen. Dazu müssen die Netzwerker und ihre IT-Chefs mit allen Fachabteilungen sprechen, die von einer Technologie profitieren könnten. So gehören bei der Einführung von RFID nicht nur die Logistiker, sondern auch Lagerhalter und die Buchführung mit ins Team. Zudem darf man nicht warten, bis eine Anfrage in der DV-Abteilung eingeht. "Ein IT-Leiter muss selbst die Initiative ergreifen und sein Wissen ins Unternehmen tragen", rät Schneider.

"IT-Abteilung wird oft nicht gefragt"

In der Praxis nimmt die Kooperation allerdings unterschiedliche Formen an. Wenn der Netzwerker vom Kundendienst erfährt, dass die Beschwerden über Falschlieferungen zunehmen, sollten bei ihm die Alarmglocken klingeln. Ein Blick ins Hochregal zeigt oft, dass noch überhaupt keine oder eine falsche Technologie Versand und Lager unterstützt.

"Meist wird die IT-Abteilung gar nicht erst gefragt, sondern ein Produkt einfach gekauft", kritisiert Schneider. Das hat fatale Folgen: Weil die Entscheider mit W-Lan im Büro gute Erfahrungen gemacht haben, setzen sie das auch im Lager ein, wo ganz andere Funktionen und Reichweiten gefragt sind. Wenn man Pech hat, gibt es eine Störquelle oder eine undurchdringliche Brandschutzmauer, und die Daten kommen nie an.

Ein anderes Szenario, dasselbe Problem: Ein Manager will überall über die Hausanlage erreichbar sein. Die Telefonie-Experten schlagen Dect-Geräte vor, "dabei könnte man mit W-Lan viel Geld sparen", so Schneider.

IT-Leiter als Impulsgeber

Solche Beispiele ließen sich endlos fortsetzen. Laut Schneider haben sie alle eins gemeinsam: "Ein IT-Profi muss immer die Augen offen halten, mit Abteilungen in Kontakt stehen und Impulse an die Firmenleitung weitergeben."

Leichter gesagt als getan, denn nicht nur die Netzwerker haben Probleme mit der Kommunikation. "Es kommt auf die Unternehmenskultur an, ob der IT-Leiter in der Chefetage überhaupt präsentieren darf", weiß Schneider aus Erfahrung. Welche Bedeutung die IT habe, lasse sich am Organigramm erkennen.

Vorsicht bei Messevorträgen

Die DV-Abteilung hat von Natur aus einen schweren Stand, gilt sie doch aufgrund ihrer hohen Verantwortung für die Sicherheit als Bremsklotz. In einer Klinik etwa prallen die Interessen besonders hart aufeinander. "Während die IT für den Schutz der Patientendaten zuständig ist, will der Arzt an jedem Krankenbett sofort alle Daten abrufen können", erklärt Schneider. Blockiere die IT – aus welchen guten Gründen auch immer – ein paar Vorschläge der Nutzer, werde sie künftig einfach nicht mehr konsultiert. Waßerroth: "Auch wenn Hersteller und Provider damit werben, ist Funk einfach nicht sicher." Inwiefern jemand in der Lage sei, eine Verschlüsselung zu knacken, stehe jedoch auf einem anderen Blatt.

Wenn dann endlich Einigkeit herrscht über die Technologie, sind die Netzwerker in ihrem Element. "Sie sollten sich nicht nur mit Protokollen auskennen, sondern auch mit den physikalischen Eigenschaften der Funknetze", empfiehlt Waßerroth. Schneider rät, sich bei Problemen ohne Scheu an eine Uni zu wenden und Tagungen zu besuchen. "Vorträge auf Netzwerkmessen sind dagegen oft verkaufsgetrieben", so Schneider.

Doppelgespann für die Kommunikation

Parallel zur Technik werden die Prozesse angepasst. "Das ist ein strategisches Thema", erläutert Waßerroth. Aber die IT wird oft nicht als strategischer Partner angesehen. Das liegt an der Kommunikation: Entweder versteht die Geschäftsführung das Fachchinesisch nicht, "oder die IT-Leiter vereinfachen ihr Problem so weit, dass die Manager fragen, was daran so schwierig sein soll", beschreibt Waßerroth das Dilemma.

Für die Gespräche mit der Firmenleitung schlägt er daher ein Doppelgespann vor. "Man braucht den technischen Experten, der tief in der Materie steckt, und einen Mittler, der die Sprache des Managements spricht." Die Geschäftsführung sollte ihrerseits tolerant mit dem Spieltrieb der Mitarbeiter umgehen, findet Schneider. "Ein Teil des Budgets sollte für Experimente genutzt werden, denn nur wenn die Technik verfügbar ist, bringen sich die User ein."

Mehr lesen über