Bertelsmann-Musikverlag Wer bietet mehr?

Gunter Thielen will den Musikverlag BMG Music Publishing für mindestens 1,5 Milliarden Euro verkaufen. 15 Bewerber, unter ihnen die vier größten Musikkonzerne der Welt, hätten Verkaufsprospekte erhalten, sagte der Bertelsmann-Chef.

Hamburg - Als Bertelsmann-Vorstandschef Gunter Thielen beim Werbefestival in Cannes zur "Media Person of the Year" ernannt wird, reiste die gesamte Vorstandsriege nach Südfrankreich, um zu gratulieren. Sogar Firmeneignerin Liz Mohn kam am Vorabend ihres 65. Geburtstages vom familieneigenen Landsitz auf Mallorca übers Mittelmeer gejettet, um bei dem Ereignis dabei zu sein.

Wenige Wochen nach der Entscheidung über die größte Transaktion in der 170-jährigen Firmengeschichte - den Rückkauf des 25-Prozent-Aktienpaketes der Investmentgesellschaft Groupe Bruxelles Lambert (GBL) zum Preis von 4,5 Milliarden Euro - schaut man bei Bertelsmann wieder nach vorn.

Bertelsmann will den Betrag, mit dem der in Gütersloh hinter verschlossenen Türen heftig diskutierte Börsengang verhindert wurde, schnell verdaut haben. In zwei Jahren, so bekräftigte Thielen, soll die selbst gesteckte Schuldengrenze vom 2,3-fachen des Ergebnisses vor Steuern und Abschreibungen (EBITDA) wieder erreicht sein.

Ein Pfeiler bei dieser Strategie sind kräftig steigende Firmengewinne. "Wir werden beim operativen Ergebnis zweistellig zulegen", prognostiziert Thielen nach Ablauf von fast sechs Monaten für das Jahr 2006. Im vergangenen Jahr hatte Europas größter Medienkonzern mit operativ 1,6 Milliarden Euro Plus ein Rekordergebnis geschrieben. Auch der Umsatz von 18 Milliarden Euro soll kräftig wachsen und die Mitarbeiterzahl von derzeit 90.000 bald an der Grenze zur Sechsstelligkeit kratzen.

Alle sechs Unternehmensbereiche - vom Fernsehen (RTL) über den Zeitschriftenverlag Gruner + Jahr ("Stern") bis zum lange Zeit kränkelnden Clubgeschäft lägen besser als im Vorjahr. "Wir haben kaum noch Verlustbringer", sagt Thielen. Die Eignerfamilie von Familienpatriarch Reinhard Mohn, vom 1. Juli an wieder alleiniger Herr im Hause Bertelsmann - wird es gerne hören.

"Absolut krisenfeste Anlage"

"Absolut krisenfeste Anlage"

Der zweite Pfeiler soll spätestens im Oktober stehen. Dann will Thielen mindestens 1,5 Milliarden Euro aus dem Verkauf des Musikverlages BMG Music Publishing eingenommen haben. An 15 ausgewählte Interessenten, darunter Finanzinvestoren und die weltweit führenden Musikverlage Universal Music, Sony Music, Warner Music Group und EMI Group, seien Prospekte für die Auktion verschickt worden.

Bewerber habe es drei Mal so viele gegeben. "Das ist ein verdammt begehrtes Asset", sagt Thielen. "Viele solcher Geschäftsfelder, die drei Mal den Umsatz einbringen, haben wir nicht", betont er.

Mit ersten Angeboten für den Musikverlag rechnet Thielen in etwa einem Monat. "Ich denke, in vier Wochen werden wir eine Indikation haben, und Ende September werden wir den Verkauf möglicherweise abschließen", sagte er.

Tatsächlich scheint der Verkauf des Musikverlages, der sein Geld mit Rechten an Stücken bekannter Musiker von Elivs Presley über Christina Aguilera bis Coldplay verdient, ein gutes Geschäft für Bertelsmann zu werden. Der Konzern hat inzwischen eine Größe erreicht, bei der der Verlust von 370 Millionen Euro Umsatz und einem Gewinn im zweistelligen Millionenbereich nicht groß ins Gewicht fällt.

Andererseits handelt es sich bei dem Verlag um ein Angebot mit Seltenheitswert am Markt, für das nicht nur die Konkurrenz bereit sein dürfte, tief in die Tasche zu greifen. "Es hat für uns keine strategische Bedeutung", sagt ein Bertelsmann-Insider. "Aber es ist eine absolut krisenfeste Anlage mit Refinanzierungsmöglichkeiten bis in alle Ewigkeit."

Interesse an dem Bertelsmann-Bereich hat auch der Chef des Musikverlags, Nicholas Firth. Er prüfe ein Management-Buyout zusammen mit einigen seiner Kollegen, falls ein geeigneter Finanzier Interesse habe, sagte er.

Thielen hatte im Mai gesagt, dass der Musikverlag seit zwei Jahren als erster Verkaufskandidat festgestanden habe, falls Bertelsmann Geld benötige. Nicht zur Disposition stehe aber die 50-Prozent-Beteiligung am Musikkonzern Sony BMG: Es gebe keine Pläne, etwas an der Struktur des Gemeinschaftsunternehmens mit Sony  zu verändern, sagte Thielen.

"Die Piraterie geht zurück"

"Die Piraterie geht zurück"

Bertelsmann habe erwogen, den Anteil zu beleihen, das sei aber nicht notwendig. Bertelsmann halte an Sony BMG fest. "Die Piraterie geht zurück, den Schritt ins digitale Zeitalter hat die Musik früher als andere Medien bereits geschafft", sagt Thielen. "Musik wird auch in 100 Jahren noch gehört."

Thielen schloss aus, weitere Anteile der RTL Group an die Börse zu bringen. Über diese Möglichkeit hatten Investoren spekuliert. "Das ist ein strategisches Asset, und letzten Endes brauchen wir 100 Prozent davon", sagte Thielen. Es sei unsinnig, weitere Anteile abzugeben, nur weil Bertelsmann ein wenig Geld brauche. Bertelsmann hält 90 Prozent an Europas größtem Fernsehkonzern, der Rest befindet sich in Streubesitz.

RTL ist die umsatz- und gewinnträchtigste Bertelsmann-Tochter, die sich 2005 vom schwachen deutschen Fernsehwerbemarkt abgekoppelt und einen Rekordgewinn erzielt hat. Für 2006 erwartet Thielen für den deutschen Werbemarkt ein Plus von drei bis sechs Prozent.

Nach einem deutlichen Wachstum der Fernseh- und Printwerbung um fünf bis acht Prozent in den ersten fünf Monaten des Jahres sei der Juni trotz der werbeträchtigen Fußball-Weltmeisterschaft schwach. "Ich habe keine Ahnung warum", sagte Thielen.

Die mit RTL konkurrierende Sendergruppe ProSiebenSat.1 rechnet mit einem Plus von zwei Prozent am Fernsehwerbemarkt. Im Juni muss der Sender Experten zufolge mit sinkenden Werbeumsätzen rechnen müssen, da ProSiebenSat.1 die Fußball-WM nicht überträgt. Die deutsche Werbebranche erwartet ein Wachstum des gesamten Marktes von sechs Prozent, für Fernsehwerbung 3,4 Prozent und für Anzeigen in Publikumszeitschriften 1,5 Prozent.

Bertelsmann plant indes über die klassischen Bereiche hinaus in die Zukunft. Neue Geschäftsideen sollen etwa mit Hilfe eines Medienfonds im Volumen von 50 Millionen Euro kreiert werden, um sich besser an die Interessen der Mediennutzer von morgen anpassen zu können. "Wir müssen unsere Produkte auf die neuen Nutzungsgewohnheiten abstimmen", sagt Thielen. Das Internet werde dabei eine signifikante Rolle spielen.

manager-magazin.de mit Material von rtr und dpa