Web 2.0 Andere arbeiten lassen

Eine neue Gründerwelle durchläuft die Internetbranche. Unter dem Schlagwort Web 2.0 werden in den USA bereits Milliarden umgesetzt. Und was tut sich in Deutschland? manager-magazin.de zeigt fünf spannende Start-ups, die im deutschen Markt mit Web-2.0-Geschäftsmodellen erfolgreich sind - oder es zumindest versuchen.

Hamburg - Es gibt sie wieder! Junge Gründer, die in Deutschland mit Internetunternehmen durchstarten - oder es zumindest versuchen. Das wichtigste Schlagwort, an dem sich die neue Generation der Internetunternehmer orientiert, lautet: Web 2.0 - Internet, die zweite Generation.

Dahinter verbergen sich Onlineanwendungen, deren Inhalte nicht zentral erstellt werden, sondern aus den Beiträgen anderer Nutzer entstehen.

Bestes Beispiel: Ebay . Das Auktionshaus stellt lediglich den Onlinemarktplatz bereit. Den Rest erledigen die Ebay-Nutzer selbst. Andreas Weigend, Internetexperte an der Stanford-Universität bezeichnet diesen Mechanismus despektierlich als AAL-Prinzip. AAL steht für: Andere arbeiten lassen.

Web 2.0 International: Die Mitmach-Plattformen


Ob bewusst oder unbewusst, auch die Internetunternehmer der neuen Generation nutzen dieses AAL-Prinzip. manager-magazin.de stellt im Folgenden fünf deutsche Unternehmen vor, die im Web 2.0 Erfolg haben wollen - oder schon haben.

Spreadshirt.net

1. Spreadshirt.net

Worum geht's? Viele Menschen tragen gerne individuell gestaltete T-Shirts - und nahezu ebenso viele haben Spaß daran, solche T-Shirts zu entwerfen. Mithilfe von Spreadshirt  kann jedermann seine eigene Modeboutique im Internet eröffnen.

Der einzelne Shop-Betreiber muss sich nur noch überlegen, mit welchem Motiv er seine T-Shirts bedrucken lassen will. Um Wareneinkauf, Druckvorgang, Versand und Inkasso kümmert sich Spreadshirt.

Der Shopbetreiber muss pro Bestellung einen festen Betrag an Spreadshirt abführen. Den Verkaufspreis, zu dem er die Ware auf seiner Internetseite anbietet, kann er selbst festsetzen.

Inzwischen hat Spreadshirt das Sortiment ausgeweitet. Längst lassen sich nicht mehr nur T-Shirts bedrucken, sondern auch Kapuzenpullis und Kaffeetassen. Rund 70 Artikel stehen zur Auswahl.

Wer macht's? Lukasz Gadowski (28) studierte noch Betriebswirtschaft an der Handelshochschule Leipzig, als er Spreadshirt 2002 gründete. Wagniskapital für Internet-Start-ups war damals kaum zu bekommen, und so musste das Unternehmen binnen kürzester Zeit profitabel werden - was auch gelang. Heute gibt es neben Gadowski noch zwei weitere Gesellschafter: Matthias Spieß, der sich vor allem um die IT kümmert, und den ehemaligen McKinsey-Berater Michael Petersen. Er soll die internationale Expansion des Unternehmens vorantreiben, vor allem in den USA.

Wie läuft's? Inzwischen beschäftigt Spreadshirt 225 Mitarbeiter. Die meisten davon am Firmensitz in Leipzig. Über Umsätze will Gadowski keine Auskunft geben, nur so viel: "Wir wachsen mit über 100 Prozent pro Jahr". Spreadshirt sei von Anfang an profitabel gewesen, "Unsere Expansion finanzieren wir ausschließlich aus dem Cashflow."

Die Resonanz auf das Spreadshirt-Angebot wirkt in der Tat beeindruckend. Über 150.000 Onlineshops werden zurzeit via Spreadshirt betrieben. Zu den prominentesten Freizeit-Textilverkäufern gehören Oliver Kahn und die HipHop-Band Fettes Brot.

Was kommt? Inzwischen arbeiten knapp 50 Spreadshirt-Angestellte in Kentucky, von dort sollen sie den US-Markt aufrollen. China und Japan sieht Gadowski als weitere Expansionsziele. Falls nötig, will er für diese Expansion auch fremdes Kapital aufnehmen, sei es in Form von Krediten, Wagniskapital oder eines Börsengangs.

"Solch ein Schritt muss aber einem strategischen Ziel dienen, er darf kein Selbstzweck sein." Gadowski wirkt als wolle er mit solchen Sätzen den roten Button widerlegen, den er derzeit gerne am Revers trägt. Auf ihm steht in weißer Schrift: "Bubble 2.0".

OpenBC.com

2. OpenBC.com

Worum geht's? Das Unternehmen bezeichnet sich selbst als "Business Networking Community". Unternehmensgründer Lars Hinrichs drückt es simpler aus: "Wir wollen unseren Kunden helfen, die Kontakte ihrer Kontakte zu nutzen."

Wer sich bei OpenBC  als einfaches Mitglied anmeldet, ist in der Mitgliederdatenbank verzeichnet und kann von potenziellen Geschäftspartnern gefunden und kontaktiert werden.

Wer selbst in der OpenBC-Datenbank nach nützlichen Geschäftskontakten fahnden will, braucht die Premium-Mitgliedschaft für knapp sechs Euro Monatsbeitrag.

Wer macht's? Lars Hinrichs (29) besitzt reichlich Erfahrung mit dem Auf und Ab der Internetbranche: Seine auf Onlineunternehmen spezialisierte Marketingberatung BöttcherHinrichs AG ging 2002 Pleite. Bereits ein Jahr später gründete er von seinem Wohnzimmer aus OpenBC.

Wie läuft's? Inzwischen hat OpenBC rund 1,2 Millionen Nutzer, die im laufenden Jahr für zehn Millionen Euro Umsatz sorgen sollen. Dabei legt Hinrichs Wert auf die Feststellung, dass das Unternehmen bereits wenige Monate nach der Gründung profitabel gewesen sei.

Wagniskapital werde nur zur Finanzierung des Wachstums benötigt. Bereits heute nutzen die Mitglieder das OpenBC-Angebot in sechzehn verschiedenen Sprachen. Betreut werden sie von rund 35 Mitarbeitern in der OpenBC-Zentrale am Hamburger Gänsemarkt.

Was kommt? Einiges, wenn es nach dem Willen von Hinrichs geht. Bis 2007 sollen zehn Millionen Mitglieder die OpenBC-Technologie nutzen. Immer häufiger schließt OpenBC dabei Verträge nicht mit Einzelmitgliedern, sondern mit Unternehmen ab. So will zum Beispiel McKinsey die Beziehungen zu seinen ehemaligen Mitarbeitern über die OpenBC-Plattform managen.

Geld für die weitere Expansion ist jedenfalls ausreichend vorhanden: Im vergangenen November verkauften Hinrichs und die bislang an OpenBC beteiligten Business Angels ein knappes Fünftel der Unternehmensanteile an die Wagniskapitalfirma Wellington Partners. Im Gegenzug erhielt das Unternehmen 5,7 Millionen Euro frisches Kapital.

Qype.com

3. Qype.com

Worum geht's? Es gibt Suchmaschinen wie Google, die liefern für jedes Stichwort Unmengen von Suchergebnissen. Doch bei vielen Suchanfragen kommt es nicht auf die Menge der Ergebnisse an, sondern auf die Verwertbarkeit. Wer zum Beispiel nach einem Restaurant sucht, interessiert sich in der Regel für zwei Dinge: Befindet sich das Restaurant in meiner Nähe? Und entspricht es meinem Geschmack und Budget?

Genau solche Fragen will das Hamburger Start-up-Unternehmen Qype  beantworten. Auf der Qype-Internetseite können Nutzer Produkte bewerten, und zwar mit dem Schwerpunkt auf Angebote aus ihrer Region.

Andere Nutzer können anhand dieser Bewertungen zum Beispiel nach dem besten Restaurant oder der zuverlässigsten Autowerkstatt in ihrer Gegend suchen. Gleichzeitig können sie sich darüber informieren, wer die jeweilige Bewertung abgegeben hat - und überlegen, ob dieser Nutzer beim Essengehen den gleichen Geschmack hat wie man selbst.

Wer macht's? Qype-Gründer Stephan Uhrenbacher (36) gehört zu den deutschen Internetveteranen. Er arbeitete bereits für den E-Commerce-Anbieter lastminute.com, für das Informationsportal bild.t-online.de und die Internetapotheke Doc Morris.

Wie läuft's? Vier Wochen nach dem Start Anfang April konnte Qype auf 3500 registrierte Nutzer und eine halbe Million Seitenaufrufe pro Monat verweisen. Umsätze macht das Hamburger Unternehmen bislang allerdings kaum.

In Zukunft will Qype sein Geld vor allem durch Onlinewerbung verdienen, etwa indem neben den von Nutzern empfohlenen Restaurants bezahlte Anzeigen von Gaststätten in der gleichen Gegend stehen.

Für die Nutzer selbst soll der Dienst auch in Zukunft kostenlos bleiben. Derzeit zehrt das Start-up von einigen 100.000 Euro Startkapital, die Uhrenbacher bei privaten Business Angels eingesammelt hat.

Was kommt? "Wir wollen zunächst weiter wachsen und dann in zweieinhalb Jahren den Break Even schaffen", sagt Uhrenbacher. Um sich so lange Zeit lassen zu können, benötigt Uhrenbacher allerdings noch weiteres Wagniskapital. Derzeit verhandelt er mit einem Fonds über eine neue Finanzierungsrunde. Vom Erfolg dieser Gespräche dürfte abhängen, wie lange es Qype gibt.

StudiVZ.de

4. StudiVZ.de

Worum geht's? Ein deutsches Web-2.0-Start-up mit eindeutigem US-Vorbild: Pate für StudiVZ  stand die amerikanische Onlineplattform Facebook. Bei Facebook lassen sich Onlinegemeinschaften für College-Studierende und Alumnis einrichten. So ähnlich läuft es beim deutschen Pendant StudiVZ.

Studierende und alle, die sich als solche ausgeben, können nach Kommilitonen suchen, die das gleiche Fach belegen, auf die gleiche Prüfung lernen oder vielleicht auch nur den gleichen Musikgeschmack teilen. Zudem lassen sich beliebige Untergruppen anlegen, zum Beispiel "Leipzig by Night."

Wer macht's? Das Gründerteam besteht aus den drei Twens Ehssan Dariani, Dennis Bemmann und Michael Brehm - wobei Bemmann und Dariani selbst noch Studenten sind. In der Berliner StudiVZ-Zentrale arbeiten derzeit rund 20 Angestellte.

Wie läuft's? Seit Februar 2006 ist StudiVZ online, inzwischen tummeln sich 80.000 Mitglieder aus 500 Hochschulen in rund 4000 Untergruppen. Zwischen einem Drittel und der Hälfte der registrierten Nutzer besuchen das Portal täglich, die durchschnittliche Verweildauer liegt bei 20 Minuten.

Für die Mitglieder soll das Unternehmen auch in Zukunft kostenfrei bleiben. Finanzieren will sich StudiVZ in erster Linie über Onlinewerbung. Von relevanten Umsatzdimensionen sind die Gründer allerdings noch recht weit entfernt. Einstweilen finanzieren einige Business Angels den Aufbau des Geschäfts, unter ihnen auch Lukasz Gadowski, der Gründer von Spreadshirt.net.

Was kommt? Zunächst einmal weiteres Wachstum. Bereits für Ende 2006 rechnen die Gründer mit 1,5 Millionen Nutzern. Der nächste Expansionsschritt von StudiVZ soll noch im laufenden Jahr ins europäische Ausland führen: Eigene Seiten für Polen, Skandinavien, Frankreich, Spanien und Italien sind in Planung.

Hitflip.de

5. Hitflip.de

Worum geht's? Die CD ist auf den iPod überspielt, die DVD zweimal angesehen, das geschenkte Buch nach 20 Seiten für langweilig befunden. Und jetzt, wohin damit? Auf diese Frage wollen die Gründer der Online-Tauschbörse Hitflip  eine Antwort geben. Bei ihnen können gebrauchte Medienartikel gegen neue getauscht werden.

Sein Geld verdient Hitflip dabei mit Provisionen, die pro Tauschgeschäft ein bis zwei Euro betragen. Der unterschiedliche Wert der einzelnen Artikel wird durch eine künstliche Währung namens Flips ausgeglichen: Wer die komplette "Herr der Ringe"-Trilogie auf DVD zum Tausch anbietet, erhält dafür 6 Flips gutgeschrieben. Damit könnte er sich theoretisch sechs Mal den Film "Good Bye Lenin" zuschicken lassen.

Wer macht's? Die drei Gründer Gerald Schönbucher (Jahrgang 78), Jan Miczaika (Jahrgang 79) und Andre Alpar (Jahrgang 76) haben sich im Alumni-Umfeld der Wissenschaftlichen Hochschule für Unternehmensführung (WHU) in Koblenz kennen gelernt. Eines ihrer Vorbilder: Das US-Start-up Peerflicks, das sich allerdings auf den DVD-Tausch beschränkt.

"Auch in der ersten Internetwelle Ende der 90er Jahre gab es bereits Start-ups mit ähnlichem Geschäftsmodell", sagt Miczaika. "Im Unterschied zu damals ist die Internetnutzung aber heute verbreitet genug, um das Tauschgeschäft rentabel zu machen." Unterstützt werden die drei Gründer in ihrem Koblenzer Büro von rund 20 (Teilzeit-)Mitarbeitern.

Wie läuft's? Insgesamt sind derzeit rund 60.000 Artikel gelistet. "Am besten laufen Hörbücher", sagt Hitflip-Mitgründer Jan Miczaika, "der gesamte Bestand wechselt im Schnitt pro Woche einmal durch". Bei ausgefallenen CD-Titeln finden Angebot und Nachfrage allerdings noch nicht ganz so zügig zueinander.

Über Umsätze und Nutzerzahlen wollen die Hitflip-Gründer nicht sprechen, vom Break-even dürften sie allerdings noch ein gutes Stück entfernt liegen. Derzeit finanzieren einige Business Angels das Unternehmen. Unter ihnen: Wieder einmal Lukasz Gadowski, der Spreadshirt gründete und auch an StudiVZ beteiligt ist.

Was kommt? Nächster Expansionsschritt soll ein eigenes Hitflip-Angebot für Großbritannien sein. "Anders als zum Beispiel in Frankreich gibt es dort bislang nichts Vergleichbares", sagt Mitgründer Miczaika.

Schlagwörter 2.0: Das Web-Glossar

Internet 2.0: Bis die Blase platzt

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