Samstag, 19. Oktober 2019

Gründerboom im Web Das soziale Netz

In Deutschland wächst die nächste Generation des Web-Business heran. Ein Start-up aus Hamburg etwa will aus dem neuen Gemeinschaftssinn des Netzes Kapital schlagen: Mit lokaler Suche plus persönlicher Empfehlung will man Web.de und den Gelben Seiten das Geschäft verderben.

Hamburg - Es ist wieder Gründerzeit. Das neue, soziale Netz sorgt für Aufbruchstimmung bei vielen, die den ersten Boom - und auch den ziemlich plötzlichen Kollaps - des Geschäfts mit dem Internet mitgemacht haben.

Qype-Suchfenster mit Tagwolke: "Nutzer vergeben Stichworte für Plätze. Je größer die Schrift, desto mehr ist dahinter"

Zahlen wie 580 Millionen Dollar (MySpace-Verkaufspreis an Rupert Murdochs News Corp.), 72 Millionen (geschätzte aktuelle MySpace Nutzerzahl) oder 30 Millionen Dollar (angebliche Summe, die Yahoo Börsen-Chart zeigen an den del.icio.us-Erfinder Joshua Schachter zahlte), lassen neue Hoffnungen über die Zukunft des Geldverdienens im Web sprießen.

Hamburg entwickelt sich innerhalb Deutschlands zum neuen Technologiestandort - nicht für Halbleiter, sondern für Software. Vor allem "soziale Software", wie das jetzt heißt. Die Verheißung der neuen Netzanwendungen liegen im globalen Miteinander. Am Hamburger Gänsemarkt residiert zum Beispiel OpenBC - das Business-Kontaktportal, das nicht nur im deutschsprachigen Raum inzwischen als unangefochtener Marktführer gelten darf und weltweit nach eigenen Angaben über eine Million Mitglieder hat. Profitabel ist OpenBC schon - im Moment ist man dabei, China zu erobern.

Ein Stockwerk darüber wird an etwas gewerkelt, das die Macher für den nächsten Durchbruch halten: Qype.com (aus "Quality" + "Hype") ist seit Dienstag für alle offen am Netz, als Betaversion. Es ist eine Art Social-Networking-Branchenbuch, mit den inzwischen gängigen Funktionen all dessen, was mit dem fast schon überkommenen Begriff "Web 2.0" belegt wird: Es gibt RSS-Feeds, es gibt Tags und eine entsprechende Tag-Wolke - auf der Seite sehr schön erklärt mit den Worten: "Nutzer vergeben Stichworte für Plätze. Je größer die Schrift, desto mehr ist dahinter." User tauchen mit Namen und, nach Wunsch, mit Bild auf, können einander als Kontakte zum eigenen Profil hinzufügen und einander belobigen. Funktionen wie interne Nachrichten von Nutzer zu Nutzer sollen noch hinzukommen.

Vor allem aber sollen die Mitglieder Orte und Dienstleister bewerten: Tankstellen, Kneipen, Kindertagesstätten, Zahnarztpraxen, Tierhandlungen und Tagesmütter. Alles eben, was in einem normalen Branchenbuch auch steht - aber mit persönlichen Bewertungen samt Begründung. Einen Beitrag zu schreiben ist ebenso einfach, wie von einem Web-Interface aus eine E-Mail abzuschicken. Die Adressen stammen aus einer Datenbank der Telekom Börsen-Chart zeigen. Lokale Suche soll das Boomgeschäft der Gegenwart werden - und die ganz Großen, wie Google Börsen-Chart zeigen und Yahoo, verlieren da vor allem in Europa gegen hiesige Anbieter.

Das Qype-Hauptquartier ist ein langer, schmaler Raum, mit ein paar grünen Tischen, einem Stehpult, vielen Laptops und der obligatorischen Magnetwand. Sechs Menschen sitzen oder stehen vor Bildschirmen, einer ist dabei, am Monitor T-Shirts und Tanktops mit dem "Qype"-Logo zu entwerfen. Man trägt Jeans, auf einem Schubladenschrank kauert eine Espressomaschine.

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