Triple Play Guckt die Telekom in die Röhre?

Vor wenigen Monaten galt TV über das Web noch als ferne Vision. Jetzt überschlagen sich plötzlich die Ereignisse, das Medium Fernsehen steht vor der größten Veränderung seit seiner Erfindung. Doch wer am Ende davon profitiert, ist noch längst nicht ausgemacht.

Hamburg - Wie die nähere Zukunft der TV-Unterhaltung aussehen wird, darüber sind sich die Auguren inzwischen einig: Digital, versteht sich, zunehmend HD - und vor allem "on demand". Wunschfernsehen löst die starren Sendeschemata ab.

Denn an die Seite von Satellit, TV-Kabel und Antenne tritt ein weiterer Vertriebsweg: Der Breitband-Anschluss, über den nicht nur Fernsehen, sondern gleich das "Triple Play" läuft: Das gebündelte Angebot aus TV, Telefonie und Internet.

Telekommunikationsunternehmen und Kabelnetzbetreiber stricken kräftig an der nötigen Infrastruktur, investieren Milliarden, um diese satte Profite versprechende Vision umzusetzen. Allein die Deutsche Telekom  will in den kommenden Jahren in Deutschland rund drei Milliarden Euro in den Aufbau ihres Highspeed-Netzes investieren - TV on demand fest im Blick.

Vorsorglich besorgte sie sich schon einmal Ausstrahlungsrechte für die Bundesliga, damit man auch was zu zeigen hat. Denn bisher sind die Breitband-Portale der großen Player vielleicht technisch, nicht aber inhaltlich interessant.

In Modellversuchen und in als ernsthafte Shops getarnten TV-on-demand-Angeboten üben die Anbieter für den Ernstfall. T-Online betreibt unter der Marke "Vision" bereits Triple Play, kauft dafür kräftig Inhalte zusammen. Derweil machen die Veranstalter der Emmys, des einflussreichsten TV-Preises weltweit, schon einmal eine neue Preiskategorie für Breitband-Angebote auf, wie diese Woche bekannt wurde: Künftig werden dort auch Formate für Handy- und Internet-TV prämiert. Wer wollte da noch zweifeln, dass die Zukunft bereits begonnen hat?

Die allerdings könnte rauher aussehen, als sich das die verantwortlichen Manager bisher erträumten: Echtes Breitband wird schon in Kürze große Teile der Bevölkerung erreichen und von ihr auch genutzt werden wird, daran zweifelt niemand. Aber es ist noch längst nicht ausgemacht, wer daran auf welche Weise verdienen wird.

Einen empfindlichen Dämpfer bekam die schöne Vision vom profitablen Triple Play, bei dem jeder TV-Nutzer bereitwillig für sein Video-on-demand zahlen wird, Anfang vergangener Woche.

Wenn das Web wie Fernsehen funktioniert

Wenn das Web wie Fernsehen funktioniert

Da verkündete Disneys  TV-Kanal ABC, im Internet testweise genau das tun zu wollen, was Fernsehsender - jedenfalls außerhalb dieser Republik - eigentlich seit Erfindung der Flimmerkiste immer getan haben: Inhalte kostenfrei anbieten und das durch Werbeschaltungen refinanzieren. So hatten das die Triple-Play-Verfechter aber nicht geplant.

Die Frage ist, ob man diese Entwicklung nicht hätte vorhersehen können: Die eigenen Angebote ins Netz zu verlagern ist für die TV-Sender mittelfristig so etwas wie Notwehr, wenn sie ihr Publikum weiter erreichen wollen. Insbesondere in der englischsprachigen Welt machen Internet-Angebote den TV-Sendern zunehmend Konkurrenz. Sowohl in Amerika als auch in Großbritannien ist das Web mittlerweile für junge Leute das Medium Nummer 1 - ein Trend, der sich mit zunehmender Multimedialität verstärken dürfte.

Klar, dass es da Schlagzeilen macht, wenn Danny DeVito als Produzent im Rahmen des von Morgan Freeman und Intel  mitfinanzierten Breitband-Angebotes "ClickStar" einen on-demand-Kanal für Doku-Filme eröffnet. Am anderen Ende des medialen Inhalte-Spektrums heben Comcast  und Sony  ab Herbst gemeinsam einen Horrorfilmkanal aus der Taufe, und das auch noch als kostenloses Lockmittel für die Breitbandkunden.

Während das Fernsehen sich zunehmend am kleinsten gemeinsamen Nenner orientiert und um die Masse buhlt, können es sich die Onliner erlauben, sehr gezielt und auf jedem gewünschten Niveau die Nische zu bedienen - von Hochkultur bis Kult-Trash.

Und natürlich halten die Fernseh-Networks dagegen. Jeffrey Bewkes, COO von Time Warner , drängte kürzlich in einer Rede seine Kollegen in der TV-Branche dazu, all ihre Inhalte on demand in Breitbandnetze einzuspeisen. Dort sollen sie den Kunden kostenfrei zum Konsum angeboten werden, wann immer er sie abrufen will - refinanziert wie in guten alten Zeiten durch Werbeunterbrechungen.

Beifall kam wiederum vom Breitband-Anbieter Comcast: "Ich habe keinen Zweifel daran, dass das gut für die Sender wäre", kommentierte Comcast-Chef Stephen Burke. "Wenn Time Warner vorprescht, werden es sich auch andere überlegen." Bewkes sieht als wünschenswerten Starttermin für solche kostenlosen on-demand-Services das Frühjahr 2007.

Da werden die Kabelnetzbetreiber, Telekommunikationsgiganten und alle anderen, die fest mit der Geldquelle Triple Play rechnen, rechtschaffen jubeln. Denn es sind vor allem die Bereitsteller der Infrastrukturen, die hier auf Geschäfte hoffen.

Der Nutzer zahlt die Zeche

Der Nutzer zahlt die Zeche

Sie glauben fest daran, dass die Bündelung verschiedener Dienste über ein Kabel dem Kunden Geld wert sein wird, weil damit einerseits bequemer als bisher verschiedene Dienstleistungen abgerufen werden können, sich für den Kunden andererseits aber Einsparpotenziale ergeben. An die Stelle von TV-Kabelgebühr, Telefongrundgebühr und Internetkosten tritt ein Pauschalpreis.

Doch prinzipiell lassen sich die Kosten auch auf Internetgebühren verkürzen, wenn man auf IP-Telefonie umsteigt. Wenn nun Fernsehsender zudem damit beginnen, on-demand-Angebote kostenfrei zu verteilen, gehen den Triple-Play-Befürwortern fast schon die Argumente aus - zumal man sich sein exklusiveres TV-Programm auch per Einmalzahlung, beispielsweise an Film-Downloaddienste wird zusammenstellen können. Das Triple Play wird es voraussichtlich eben nicht nur gegen Abo-Gebühr geben, sondern auch durch die Hintertür.

Schlimmer noch: Während die TV-Sender langfristig bei ihrer kostspieligen Infrastruktur sparen könnten, verlagern sich die Kosten auf Telekommunikationsunternehmen und - ohne dass der das merkt - auf den Kunden. Kein Wunder, das die Telefonunternehmen in Amerika zunehmend darauf drängen, Datenmaut von großen Internetunternehmen erheben zu dürfen - bisher ohne Erfolg.

Zugleich streichen sie die existierenden Vorteile ihres Triple-Play-Ansatzes heraus, die nicht von der Hand zu weisen sind. So ist tatsächlich zu erwarten, dass es den Bezahlservices zumindest im Bereich der Live-Ausstrahlungen über das Web leichter fallen wird, eine hohe Ausstrahlungsqualität zu gewährleisten. Das "freie Internet" ist - dicke Leitungen hin oder her - da weit störanfälliger: Auf diverse Ruckler bei den kostenlosen Streams wird man sich einrichten müssen - je nach Be- und Überlastung.

On demand sieht die Sache anders aus, wenn es die Sender wagen, sich beispielsweise auf verteilte Vertriebssysteme nach dem BitTorrent-Prinzip einzulassen. Dann wären auch hier hohe Qualitäten denkbar. Disneys ABC-Initiative mit der kostenlosen Ausstrahlung populärer TV-Serien jedenfalls traf umgehend auf Kritik: Die Streams, hieß es von Seiten von IT-Experten, dürften sich durch ihren eigenen Erfolg erledigen.

Gestreamtes TV wie beispielsweise die über MyBBC ausgestrahlten Sendungen, funktionierten nur deshalb so phantastisch, weil sie bisher keinen großen Bekanntheitsgrad hätten. Ließe sich aber eine große Masse von Internetnutzern auf solche Angebote ein, werde man schnell sehen, dass das Internet für solche Nutzungen nicht gemacht sei. Und gegenüber schlechter Qualität hat der gemeine Internetnutzer heute kaum noch Toleranz: Bezahlt oder nicht, verlangt wird stets das Beste.

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