Alcatel/Lucent Geburtswehen für das Riesenbaby

Die Fusion der französischen Alcatel mit dem US-Unternehmen Lucent zu einem der weltweit größten Telekomtechniker ist beschlossene Sache. Nun sollen massiv Arbeitsplätze wegfallen. Und die Integration der ungleichen Partner erscheint besonders heikel.

Paris/Philadelphia - Der französische Telekommunikationsausrüster Alcatel  und sein US-amerikanischer Wettbewerber Lucent  haben sich definitiv auf einen Zusammenschluss beider Unternehmen geeinigt. Damit wollen beide Konzerne weltweit zur Nummer eins im Bereich der Telekom-Ausrüster werden.

Der französische Telekomausrüster Alcatel übernimmt für umgerechnet rund elf Milliarden Euro den US-Konkurrenten Lucent. Die Partner hatten den Zusammenschluss am Sonntag besiegelt. Geschäftsführerin soll die bisherige Lucent-Chefin Patricia Russo werden, Alcatel-Chef Serge Tchuruk Non-Executive Chairman mit erweiterten Befugnissen. Sollte die Transaktion scheitern, müsse das Unternehmen 500 Millionen Dollar an den Fusionspartner zahlen, der für das Scheitern verantwortlich ist, sagte Russo.

Geplant ist auch der Abbau von rund 8800 Arbeitsplätzen, etwa 10 Prozent seiner weltweit Beschäftigten. Der Arbeitsplatzabbau werde "fair und ausgewogen" vonstatten gehen, hieß es.

Einsparungen von 1,7 Milliarden Dollar

Insgesamt sehen beide Gesellschaften Einsparpotenzial von 1,7 Milliarden Dollar in den nächsten drei Jahren. Davon entfielen rund 30 Prozent auf das erste Jahr. Nach Einschätzung von Analysten stehen die beiden Unternehmen aber nun vor dem Problem, ihre Geschäftsbereiche schnell zu integrieren. Zumal der Wettbewerb in der Branche steige, sagen die Beobachter.

Mit der Fusion entsteht ein transatlantischer Telekomausrüster. Während die Produkte beider Unternehmen gut zusammen passten, weil Lucent in der mobilen Technologie und Alcatel im Festnetzgeschäft stark sei, könnte sich der Integrationsprozess in dieser kritischen Branchenperiode als schwierig erweisen.

Kräftezehrende Neuorganisation

Kräftezehrende Neuorganisation

"Während sich beide integrieren und die weltweite Strategie festlegen, gibt es nur ein kleines Zeitfenster, die Produkte für die nächste Welle an Upgrades auf den Markt zu bringen", sagt ein Analyst der Yankee Group. "Sollten sie zu viel Zeit für die Integration ihrer Geschäftsbereiche aufwenden, dann könnten sie dabei unbeachtet bleiben", sagte er weiter.

Zusätzlich zu den traditionellen Wettbewerbern Nokia Corp, Nortel Networks Corp, Motorola Inc und Siemens AG müssten sie sich der Konkurrenz mit den jungen und "hungrigen" Unternehmen wie den chinesischen Start-Ups Huawei Technologies Co und ZTE Corp stellen. Wie Alcatel und Lucent ihre einzelnen Produkte kombinieren wollen und welche Technologie fallen gelassen oder weitergeführt werden sollen, dürfte die erste Priorität des neuen Unternehmens darstellen.

Während des zwölfmonatigen Genehmigungsprozess dürften sich beide Unternehmen wohl eher ihre laufenden Produkte unterstützen. Kopfschmerzen werde es unterdessen bei den älteren Produktlinien geben, die möglicherweise eingestellt werden könnten. Alcatel werde sicher die eigene Glasfasertechnologie der von Lucent vorziehen. So hatte auch die Verizon Communications begonnen, mit dem Ausbau des Glasfasernetzes von Lucent auf Alcatel umzustellen.

Streichen - aber wo?

"Alcatel und Lucent haben nun das Problem, dass sich unterschiedliche Produktbereiche überschneiden", sagt ein Analyst weiter. "Behält man nun beide, oder gibt man eine auf, das ist die Frage". Es sei nun ein langwieriger Prozess, die stärksten Produkte auszumachen und diese dann voranzutreiben. Zudem müssten die Unternehmen festlegen, welche Vertriebs- und Marketingkräfte welche Kunden bedienen sollen. Bestimmte Vertriebsmitarbeiter seien speziell für einige Kunden ausgebildet worden. Dies könnte sich aber mit dem Umbau und der Erweiterung des Produktportfolios ändern. Hier sieht der Beobachter Potenzial für mögliche Kosteneinsparungen.

Die Fusion, ein Minenfeld

Internationale Fusionen sind politisch heikel

Die Analysten erwarten keine großen Schwierigkeiten von den Regulierungsbehörden. Die transatlantische Fusion war aber zuletzt wegen der Pläne Alcatels auf Schwierigkeiten gestoßen, seinen Anteil am Rüstungskonzern Thales aufzustocken. Das Thema gilt als sensibel, da auch die Regierungen Frankreichs und Deutschlands einbezogen sind.

Einem Medienbericht zufolge soll auch der europäische Luft- und Raumfahrtkonzern EADS bei Thales einsteigen. Alcatel hält 9,5 Prozent an Thales, die französische Regierung 30 Prozent. Alcatel will die Gespräche über eine Ausweitung des Thales-Engagements fortsetzen.

Auch auf amerikanischer Seite drohen politische Probleme. "Die Fusion von Alcatel und Lucent könnte im gegenwärtigen US-Umfeld politische Probleme aufwerfen, denn Lucent ist immer noch die Heimat von Bell Labs. Und Bell Labs sehen einige US-Bürger als wichtigen amerikanischen Vermögenswert an", schreibt ein Analyst von Cazenove in einem Bericht. Bell Labs ist die Forschungssparte von Lucent.

Roger Cheng, Dow Jones Newswires; mit Material von dpa-afx und reuters