Handy-TV Kein WM-Kick für unterwegs

Obwohl seit Monaten angekündigt, ist vom Ausbau der Handy-TV-Netze nicht viel zu sehen. Ein Fachmagazin warnt jetzt, der geplante Start zur Fußball-WM könnte platzen. Einer der Gründe: Die Bundesländer können sich nicht auf einen Standard einigen.

Hamburg - Schon im Rahmen der Internationalen Funkausstellung (IFA) in Berlin im vergangenen September wurde der Start des digitalen Handy-TV zur Fußball WM 2006 angekündigt. So gab T-Systems-Manager Bertold Heil zu Protokoll, seiner Meinung nach sei "die WM ein tolles Argument, Handy-TV zu starten".

Im Januar noch tönte Handy-Hersteller Samsung , das Fernsehen werde spätestens zur Fußball-WM mobil. Nun aber warnt das Fachhandelsmagazin "Living Technology" , daraus könnte womöglich gar nichts werden. Das Gerangel um Standards und Sendefrequenzen sei Schuld am Desaster. Zigtausende UMTS-Anwender wundern sich wegen dieser Äußerungen. Sie können schon seit vergangenem Jahr Dutzende TV-Programme auf ihrem Handy sehen.

Aber genau genommen gibt es noch gar kein echtes Fernsehen auf dem Handy - zumindest nicht hierzulande. Stattdessen sind die derzeitigen TV-Angebote via UMTS eher mit Streaming oder Video-On-Demand-Verfahren vergleichbar, wie man sie etwa von der "Deutschen Welle"  aus dem Internet kennt. Das TV-Programm wird in Form von Video-Datenpaketen an die Endgeräte der Benutzer geschickt. Das Problem dabei: Pro Mobilfunkzelle steht nur eine bestimmte Bandbreite zur Verfügung. Ist die ausgeschöpft, weil zu viele Anwender gleichzeitig fernsehen wollen, bricht das System zusammen.

Hinzu kommen die laufenden Kosten. Zwar bietet beispielsweise O2 sein TV-Programm noch bis Ende März kostenlos an, aber danach sollen die Nutzer zur Kasse gebeten werden. UMTS-TV-Primus Vodafone  hat bereits konkrete Preismodelle ausgetüftelt. Während dort die so genannten Basis-Programme auch zukünftig im Rahmen eines UMTS-Tarifs abgegolten sein sollen, müssen Premium-Programme extra bezahlt werden. Wer sich beispielsweise seine Mittagspause mit der Daily Soap "Verliebt in Berlin" versüßen will, muss das "Paket M" buchen. Für drei Euro sind damit 60 Minuten TV-Programm abgegolten. Für jede weitere fünf-Minuten-Einheit werden 75 Cent fällig.

DVB-H oder DMB?

Echtes Handy-TV dagegen funktioniert anders. Zwar wird es auch nicht kostenlos zu sehen sein, hat aber wenigstens nicht mit Bandbreiten-Beschränkungen zu kämpfen. Sein Vorteil: Es wird, wie das terrestrische Digitalfernsehen DVB-T, per Rundfunk ausgestrahlt und bedient alle Geräte, die sich im Ausstrahlungsbereich befinden, gleichermaßen. Hört sich gut an und ist auch gut. Nur gibt es, wie so oft, zwei konkurrierende Standards: DMB und DVB-H.

DMB (Digital Multimedia Broadcasting) kann für sich den enormen Vorteil verbuchen, dass es auf der bereits bestehenden Infrastruktur für Digitales Radio, DAB, aufsetzt. Damit wäre ein flächendeckender Ausbau vergleichsweise schnell und günstig machbar. Für das Handy-Fernsehen würden einfach ungenutzte Digital-Radio-Frequenzbereiche genutzt. Allerdings hat auch dieses System einen Haken: Höchstens drei bis vier TV-Programme könnten über DMB ausgestrahlt werden.

Dem gegenüber hat DVB-H (Digital Video Broadcast Handheld) einiges mehr zu bieten. Bis zu 20 Sender könnten darin unterkommen. Vor allem aber verfügt DVB-H über einen digitalen Rückkanal. Damit wären beispielsweise interaktive TV-Sendungen oder M-Commerce-Anwendungen realisierbar - was im Teleshop angeboten wird, könnte auf Tastendruck gekauft werden. Der Pferdefuß ist in diesem Fall, dass ein landesweiter DVB-H-Ausbau bedeutend aufwendiger wäre.

Der Fluch des Föderalismus

Die Länder entscheiden

Wie es nun weitergeht, liegt in der Hand der Landesmedienanstalten, denn die Vergabe von Rundfunk-Frequenzen ist nun mal Ländersache. Aber auch unter den Bundesländern herrscht Uneinigkeit. In den vergangenen Jahren wurde das DAB-Netz im Süden besser ausgebaut als im Norden. Dementsprechend favorisieren die südlichen Bundesländer DMB, während im Norden DVB-H hoch im Kurs steht.

So will man etwa in Hamburg und Berlin-Brandenburg beide Standards testen, derweil die Feldversuche in Bayern und Baden-Württemberg sich auf DMB konzentrieren. Sämtlichen Pilotprojekten gemein ist, dass sie zunächst einen drei Jahre währenden Testbetrieb vorsehen. Auch den Betriebsstart zur Fußball-WM im Juni haben sich alle Länder fest vorgenommen.

Halten sich die Landesmedienanstalten an eine Empfehlung der übergeordneten "Gemeinsamen Stelle Programm, Werbung und Medienkompetenz (GSPWM)", so dürfte das privat finanzierte "Unternehmen Mobiles Fernsehen Deutschland (MFD)" in allen 15 Bundesländern den Zuschlag für den DMB-Testbetrieb erhalten. Realistisch betrachtet wird DMB aber selbst in diesem Fall vorerst auf die Austragungsorte der WM-Spiele beschränkt bleiben.

Für TV-affine Handynutzer hätte diese Entscheidung den Vorteil, dass ihnen die Wahl eines TV-tauglichen Mobiltelefons erleichtert würde: DMB wäre vorerst die Wahl der Stunde. Entsprechende Modelle hat beispielsweise Samsung bereits millionenfach erfolgreich in Korea abgesetzt. Wer in den DVB-H-Testgebieten in Hamburg und Berlin wohnt, kann dagegen zu einem Modell greifen, das zu diesem Standard passt. Nokia  hat hier mit dem N92 bereits ein passendes Gerät vorgestellt.

Würde dieses Szenario eintreten, würde erst einmal wieder Ruhe einkehren. Das Versprechen eines Handy-TV-Starts zur WM wäre eingelöst und ein flächendeckender Ausbau, zumindest im DMB-Bereich, relativ schnell realisierbar. Aufbauend auf den Erfahrungen aus diesem Testbetrieb könnte ein landesweites DVB-H-Netz errichtet werden und parallel dazu in Betrieb gehen. Ob am Ende beide Verfahren gleichberechtigt nebeneinander existieren oder sich eines davon gegen das andere durchsetzen wird, liegt dann in der Hand der Verbraucher.

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