Google Sei nicht aufgeblasen

Mancher Anleger bekommt weiche Knie: Wo haben wir Google hingepusht? Der Sorge um die heftige Überbewertung des Suchmaschinen-Wunders macht jetzt ein US-Wirtschaftsmagazin Luft. Als Vorgeschmack auf das, was kommen könnte, gab die Aktie gleich um 5,6 Prozent nach.

New York - In den vergangenen Wochen hat die Google-Aktie von ihrem Spitzenwert von 475 Dollar rund 25 Prozent verloren - "und der Absturz könnte noch sehr viel weiter gehen". Schreibt das Magazin "Barron's", und sieht anschließend zu, wie die Aktie  weitere 5,6 Prozent allein am Tag der Veröffentlichung verliert. Die Händler auf dem Parkett verweisen schulterzuckend auf den Artikel der Anlegerzeitschrift.

Nun könnte man deren aktuelle Prosa als die gewöhnliche Unkerei abtun, die jedes Unternehmen ertragen muss, das einen hohen Börsenwert hat. Dafür aber sind zu viele Faktoren zu ungewöhnlich. So genießt "Barron's", ein Ableger des "Wall Street Journal", in der Finanzwelt ungewöhnlich hohes Ansehen. Die Untersuchung "Burning Fast" etwa schockierte die Märkte im März 2000. Sie prophezeite detailliert das Platzen der Börsenblase.

Zudem ist Google sicher kein gewöhnliches Unternehmen. Was für eine Story: Zwei Computer-Kids programmieren eine Suchmaschine, die so genial und gut ist, dass sie wenige Jahre später praktisch jeder Computernutzer kennt, die meisten nutzen und man Begriffe im Netz nicht mehr sucht, sondern eben "googelt".

2004 hatte Google sein IPO, und in atemberaubendem Tempo passierte das Papier die Marke von 400 Dollar. Die Nettoeinnahmen wuchsen in zwei Jahren um 300 Prozent, so "Barron's", die operativen Gewinne gar um 750 Prozent. Die Marktkapitalisierung liegt derzeit bei 110 Milliarden Dollar, höher als DaimlerChrysler, SAP und BASF zusammen.

Der Trick am Google-Geschäftsmodell ist, dass der eigentliche Nutzer der Services keinen Cent bezahlen muss. Geld verdient das Unternehmen mit Reklame, die passend zur jeweiligen Suchanfrage eingeblendet wird. Das Prinzip einer Gratiszeitung also - mit dem Unterschied, dass die Suchmaschine recht genau weiß, was der Leser sehen will.

Damit wildert Google heftig in den Revieren mächtiger Konkurrenten, die seither alle Energien in die Aufholjagd stecken. Darunter ist die Suchmaschine von Yahoo  sowie Microsoft  mit seiner MSN-Suche.

"Aufgeblasene Kostenstruktur"

Werbepreise geraten unter Druck

Seine Gewinne steckt Google in eine atemberaubende Expansion der Dienste und zielt dabei auf weitere Domänen des Softwareriesen. So ist etwa G-Mail ein kostenloser Maildienst. Er steht in Konkurrenz zu Microsofts Hotmail, auch wenn er den etablierten Anbietern bisher nicht bedrohlich viele Kunden abjagen konnte. Seit Google eine Kooperation mit Sun Microsystems  eingefädelt hat, wird darüber spekuliert, ob nicht bald gar webbasierte Office-Programme zu erwarten sind.

Solche Angriffe können die Mitbewerber nicht auf sich sitzen lassen. Schon sind die Anzeigenpreise für Suchmaschinen stark unter Druck geraten.

Schlimmer noch, Google könnte sich bei der Ausweitung der Services verzetteln. Neben G-Mail gibt es die Produktsuche Froogle, die Nachrichtensuche Google News, ein Tool zum Finden akademischer Texte, einen (verspäteten und recht kargen) Messenger-Dienst mit Internettelefonie, den Geografie-Hit Google Earth und als besonders aufwändiges Projekt werden derzeit Buchinhalte für die Onlinerecherche erschlossen.

In Internetforen wird schon nach dem Google-Kühlschrank und der Google-Nasendusche gefragt - wenigstens als Beta-Version. Vor allem aber kämpft das Unternehmen inzwischen an vielen Fronten gleichzeitig und tritt nicht nur gegen die größten der eigenen Branche an, sondern auch gegen Zeitungs- und Buchverlage sowie Telefondienstbetreiber.

"Aufgeblasene Kostenstruktur"

Um das selbst vorgegebene Tempo halten zu können, wirbt das Unternehmen international tausende neuer, hoch qualifizierter Mitarbeiter an. "Barron's" kritisiert zu Recht: "Schon jetzt hat Google eine aufgeblasene Kostenstruktur, Tendenz steigend."

Wenn Google in nur einem seiner vielen Geschäftsbereiche versagt, könnte das Vertrauen in das hochgejazzte Papier flöten gehen. Denn die Erwartungen sind inzwischen so hoch, dass sie nur schwer zu erfüllen sind. So erhielt das Image kürzlich einen hässlichen Kratzer. Wie andere Suchmaschinen zuvor, hat Google dem Druck der Diktatoren in China nachgegeben. Die erlauben den Betrieb einer chinesischen Variante der Seite nur, wenn regimekritische Netzinhalte damit nicht gefunden werden können.

Die Kosten werden "erheblich unterschätzt"

Die Kosten werden "erheblich unterschätzt"

Eine Zeitlang hat Google gezögert, bei dieser Zensur mitzumachen. Schließlich aber wollte man sich diesen Massenmarkt nicht entgehen lassen und verstößt gegen das eigene Firmenmotto "Don't be evil" - "Sei nicht böse". Microsoft und Yahoo kollaborieren schon länger, aber von Google hatte die Netzgemeinde offenbar mehr Rückgrat erwartet.

An der Börse werden derweil ganz nüchterne Rechnungen aufgemacht. So beschreibt die Autorin von "Barron's" ein Modell, mit dem sie dem wahren Wert des Unternehmens näher kommen will. Sie kürzt die Gewinnerwartung um 20 Prozent, erhöht die "oft erheblich unterschätzten" Kosten um 5 Prozent. Das würde die Gewinne um rund 30 Prozent senken und die Aktie läge bei 188 Dollar statt bei 360.

All das illustriert die Kernaussage: "Die derzeitige Bewertung ist durchgeknallt." Schon bald könnte Google auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt werden: Sei nicht aufgeblasen.

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