Elektrosmog Das Geschäft mit der Angst

Sie leben in Angst vor Handys, Mobilfunk-Sendemasten, Elektrogeräten und Stromleitungen: Über sieben Millionen Deutsche fühlen sich als Opfer von Elektrosmog. Immer mehr Berater versprechen Hilfe mit technischen Tricks - meist für viel Geld.

München - Der Schmerz kam für Isolde Steinlein mit den Männern vom Telefonunternehmen. "Seit die dieses Ungetüm gegenüber aufgestellt haben, hämmert mein Kopf", klagt die 62-Jährige. Die Rentnerin steht neben ihrem Bett und deutet aus dem Fenster: Ein halbes Dutzend Antennen ragt auf dem Hochhaus direkt gegenüber in den Himmel.

Die zierliche Frau mit kurzen Haaren, die in einem Hochhausblock im Südosten Münchens wohnt, ist überzeugt: "Die Strahlung macht mich krank." Steinlein (Name von der Red. geändert) gehört zu den neun Prozent der Deutschen, die laut einer repräsentativen Umfrage des Bundesamtes für Strahlenschutz (BfS) glauben, Opfer von Elektrosmog zu sein. Die meisten davon klagen über Kopfschmerzen und Schlafprobleme. Fast ein Drittel der im Jahr 2004 Befragten gab an, sie seien "besorgt über elektromagnetische Felder des Mobilfunks".

Ärzte konnten nicht helfen

Steinlein sagt, Anfangs sei sie ziemlich allein mit ihrem Problem gewesen. Und noch immer fühlt sie sich von den meisten Menschen unverstanden. Zuerst habe sie wegen der Kopfschmerzen und der Schlaflosigkeit Rat bei ihrer Ärztin gesucht. "Doch die konnte mir nicht helfen."

Auch eine Akupunktur brachte keinen Erfolg. Irgendwann las sie dann in der Zeitung über Elektrosmog. Für die Rentnerin war klar: "Hier legt die Wurzel des Übels." Schließlich hat sie sich die Nummer von Kurt Renz, einem Elektrosmogberater, besorgt.

Während Steinlein Tee aufsetzt, begibt sich Diplom-Ingenieur Renz auf die Suche. Eine gut 70 Zentimeter lange Messantenne schwenkt er langsam durch das Schlafzimmer. "Der Spektrumsanalysator misst die hochfrequente Strahlung", erklärt der 61-Jährige, der viele Jahre lang für einen großen Elektronikkonzern gearbeitet hat. Ein schwarzer Metallkasten beginnt zu piepen. Im Sekundentakt leuchten auf einem kleinen Bildschirm die Messergebnisse auf.

Verdachtsmomente - Beweise fehlen

Verdachtsmomente - Beweise fehlen

Über die potentiellen Gesundheitsgefahren der von Handys und Mobilfunkmasten ausgehenden hochfrequenten Strahlung streiten Ärzte und Wissenschaftler seit Jahren. Bislang fehlen stichhaltige Beweise für ein Risiko.

Eine Sprecherin des Bundesamtes für Strahlenschutz (BfS) äußerte sich zum Stand einer 17 Millionen Euro teuren, vom BfS und der Mobilfunkindustrie finanzierten Studie. "Die bisherigen Ergebnisse geben Grund zu einer gewissen Entwarnung", so die Sprecherin. Es deute vieles daraufhin, dass Handy-Strahlung in der gesetzlich zugelassenen Dosis nicht schädlich sei. Definitiv ausschließen könne man ein mögliches Risiko derzeit aber nicht. Die endgültigen Ergebnisse sollen spätestens Anfang nächsten Jahres vorliegen.

Erst kürzlich kamen britische Forscher von der University of Leeds zu dem Schluss, dass das Telefonieren mit dem Handy nicht das Risiko eines Gehirntumors erhöhe. Eine Reihe bayerischer Ärzte hatte in der so genannten "Naila"-Studie das Gegenteil festgestellt. Menschen, die in der Nähe eines Mobilfunkmastes leben, seien einem doppelt so hohen Krebsrisiko ausgesetzt als üblich. Beim BfS verweist man aber auf "methodische Schwächen" der Untersuchung.

700 Euro für einen Schutzvorhang

In einer anderen Studie setzten Forscher Zellen im Reagenzglas Handystrahlen aus. Das Ergebnis: Chromosomen wurden geschädigt, Stressproteine ausgeschüttet und der Zellstoffwechsel gestört. Ob der menschliche Körper ähnlich reagiert und, falls ja, sich von solchen Schäden erholt, ist offen. Die Erkenntnisse lassen sich nicht einfach auf den Menschen übertragen.

Für Renz bestehen an der Gefährlichkeit keine Zweifel: "Im Schlaf ist der menschliche Organismus am empfindlichsten für die Strahlen. Zu dieser Zeit muss die Belastung möglichst gering sein", erklärt er seiner Kundin ganz im Duktus eines Arztes, obwohl er Ingenieur und kein Mediziner ist.

Renz ist an diesem Tag nicht das erste Mal in Steinleins Wohnung. Bereits vor einigen Wochen stellte er bei seinen Messungen eine überhöhte Strahlung fest. Er empfahl ihr den Kauf eines Vorhangs mit eingewebten Silberfäden - 700 Euro hat Steinlein das zehn Quadratmeter große Stück gekostet, das ihren Schlaf sichern soll.

Jetzt will er seiner Kundin die Wirkung des weißen Textils demonstrieren. Er hält die Antenne einige Zeit in Richtung Funkmasten. Dann wirft er einen Blick auf das Display und meint: "Sieben Mikrowatt pro Quadratmeter - nur ein Bruchteil des vorherigen Wertes." Anschließend zieht er den Vorhang zurück, und nach wenigen Augenblicken schlägt die Meßlatte auf dem Monitor stark nach oben aus. "Sehen Sie den Unterschied?", fragt Renz. Das Messgerät zeigt 1700 Mikrowatt pro Quadtratmeter an.

Streit um Grenzwerte

Streit um Grenzwerte

Die gesetzliche zulässige Höchstbelastung von 9.500.000 Mikrowatt (9,5 Watt) pro Quadtratmeter dürfte aber wohl in fast keiner Wohnung überschritten werden. "Der Grenzwert ist in Deutschland viel zu hoch angesetzt", kritisiert Renz. In einigen Ländern wie der Schweiz liegt der Grenzwert tatsächlich ein Vielfaches unter dem in der Bundesrepublik.

Seine heutige Kundin ist von der Notwendigkeit des Vorhangs überzeugt: "Die Kopfschmerzen haben deutlich nachgelassen", sagt die Rentnerin. Nur etwas zu lang sei die Gardine geworden. Neben Vorhängen können sich Elektrosmog-Sensible auch mit Abschirmgittern oder speziellen Tapeten schützen. Die Materialien kosten je nach Stoff und Form bis zu 70 Euro pro Quadratmeter.

Die Mehrheit der Wissenschaftler aber hält Tapeten oder Vorhänge mit Materialien wie Silber oder Aluminium für teuren Unfug. Sie bezweifeln generell die angeblich schädliche Wirkung von elektromagnetischen Feldern, wenn sie nicht über den gesetzlichen Höchstwerten liegen.

Für ein Fünftel der Deutschen ist Vorsorge wichtig

Der Skepsis vieler Forscher zum Trotz wächst die Branche der Elektrosmog-Berater seit einigen Jahren stetig. Immerhin ein Fünftel der vom BfS Befragten gab an, Vorsorge zum Schutz gegen elektromagnetische Felder sei für sie ein relevantes Thema.

Allerdings tummeln sich eine ganze Reihe zwielichtiger Anbieter auf dem Markt. Verbraucherschützer warnen vor Abzockern, die oft mehrere tausend Euro teure Produkte bei Kaffeefahrten oder am Telefon anbieten. Darunter sind Strahlenschutzmatten, Magnetfeldbetten oder ein 30 Euro teurer Gabriel-Chip: Aufs Handy gepappt, soll er die Strahlung "harmonisieren mit dem Erdmagnetfeld". "Da sind Leute, die mit einer Ausrüstung für 300 Euro oder gleich einer Wünschelrute herumlaufen", sagt Renz. Vernünftige Messgeräte würden nun einmal sehr viel Geld kosten.

Bisweilen kann Vorsicht aber auch in Paranoia umschlagen: Im vergangenen Jahr mussten Polizisten in einer Ortschaft in Brandenburg zwei Mädchen aus einem Kellerverschlag befreien. Nachbarn hatten die Beamten verständigt, als sie die Kinder schreien hörten. Wie das Jugendamt später feststellte, wollten die Eltern ihre Töchter schützen - weil in der Umgebung in den letzten Jahren immer mehr Mobilfunkmasten aufgestellt worden waren.

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