Wettbewerb Amazon verrät die Leser

Was lesen die Angestellten von Microsoft? Und was die Mitarbeiter der Konkurrenz? Auf seiner Webseite zeigt der Online-Buchhändler Amazon.com Statistiken über die Vorlieben seiner Kundschaft - und löst damit neue Runde im Wettbewerb der Onlinehändler aus.

Die Mitarbeiter von Microsoft lesen gerade am liebsten das Enthüllungsbuch "Die Microsoft Akte - der geheime Fall gegen Bill Gates". Bei Netscape - vor Monaten von AOL akquiriert - steht ein Buch über AOL ganz oben auf der Einkaufsliste. Die Angestellten von Amazon selbst bestellten am häufigsten ein HTML-Handbuch. Und bei den Beschäftigen des Halbleiterproduzenten National Semiconductors schaffte es "101 Nights of Grrreat Sex" immerhin auf Platz zehn der populärsten Titel.

Mit Hilfe einer ausgeklügelten Software können die Amazon-Computer in Seattle Bestsellerlisten für bestimmte Regionen, aber eben auch für große Unternehmen oder Universitäten herausfiltern. Und die Kundschaft liest es offenbar gern. Der Buchhändler verspricht sich davon mehr Besuche auf der eigenen Seite.

Seit der Online-Buchhändler die so ausgewerteten Bestelldaten seiner zehn Millionen Kunden nicht nur für eigene Marketingzwecke nutzt, sondern auch auf seiner Website (Amazon.com ) veröffentlicht, ist die Aufregung in den USA groß: "Was Leute lesen, darüber denken, die Ideen, mit denen sie sich beschäftigen, sollte völlig vertraulich sein. Bei Amazon.com ist es das nicht mehr", sagte eine Sprecherin der amerikanischen Buchhändlervereinigung. Die Software filtert auch personenbezogene Daten, die von dem Unternehmen aber nicht veröffentlicht werden.

Amazon-Sprecher Paul Capelli meint, die Listen könnten bei Kaufentscheidungen helfen: "Wenn Du siehst, dass viele in Deiner Umgebung oder in Deiner Firma ein bestimmtes Buch kaufen, möchtest Du es vielleicht auch haben".

Wer etwa seiner Nichte, die an der New Yorker Universität studiert, das dort gerade angesagte Buch schenken möchte, kann sich informieren: "Fusionen, Ankäufe und Unternehmensumbau" lautet derzeit der Spitzentitel - und ist vielleicht doch kein so geniales Geburtstagsgeschenk.

Amazon macht, wie die meisten Internetunternehmen, mit seinen eigentlichen Produkten keinen Gewinn. Die Strategie des Online-Buchhändlers lautet deshalb, die gesammelten Daten so effektiv wie möglich auszuschlachten. Doch es könnte auch sein, dass das Unternehmen bei seiner Kundschaft dabei an Grenzen stößt.

Mit der Publikation der Buchlisten habe Amazon Ablehnung ausgelöst, sagt Donna Hoffmann, E-Commerce-Expertin an der Vanderbilt Universität. "Ich wusste nicht, dass sie das mit meinen Daten machen, und ich wüsste nicht, dass ich es ihnen erlaubt habe", sei eine weit verbreitete Reaktion gewesen.

Amazon reagierte schnell: Die Firma bietet ihren Kunden nun ausdrücklich an, per E-Mail die Weiterverwendung ihrer Daten auszuschließen. Firmen können sich ebenfalls von den Bestsellerseiten streichen lassen. "Wir dürfen keine Umgebung schaffen, in der die Leute Angst haben, online zu gehen", sagte ein Amazon-Manager zu der Entscheidung.