Wikipedia Veni, vidi, Wiki

Den englischen Sprachraum haben sie bereits fest in eigener Hand, Deutschland erobern sie zu Tausenden. In Frankreich und Japan wird der Durchbruch innerhalb des nächsten Jahres erwartet. Zukünftig will die Heilsarmee der Hobby-Enzyklopädisten auch Lehrmaterial für Schulen verfassen und Wörterbücher herausbringen.

Frankfurt am Main - Die Wikipedianer sind losgezogen, die Welt mit kostenfreiem Wissen zu erobern. Mit einer Armee möchten sie aber nicht verglichen werden. Die Bewegung solle vielmehr so etwas werden wie "das Rote Kreuz der Information", erklärt Jimmy Wales.

Der Vorsitzende der Wikimedia-Stiftung sieht in dem ungehinderten Zugang zu Wissen und Information eine der Grundlagen für eine freie Gesellschaft. Der Grundgedanke dabei sei, dass die Wiki-Bewegung, wie das Rote Kreuz, "immer neutral" und nie abhängig von Partnern sein solle, erklärt Wales.

Auch wenn der Weg bis zum "Roten Kreuz der Information" wohl noch weit ist, eines hat die Wiki-Bewegung schon jetzt mit den Nothelfern gemein: Basis der Arbeit sind tausende Freiwillige. Ihr Ziel ist das Sammeln von Wissen, das dann allen Menschen uneingeschränkt und frei zur Verfügung stehen soll und das jederzeit ergänzt werden kann.

Diesen Freiheitsgedanken hat die Wiki-Bewegung gemein mit der Open-Source-Gemeinschaft, deren bekanntestes Produkt das Betriebssystem Linux ist. Von dieser Gruppe wurde auch die rechtliche Grundlage für die Wiki-Arbeit beeinflusst. Alle Artikel der Enzyklopädie Wikipedia werden unter der "GNU Free Documentation Licence" veröffentlicht. So wird garantiert, dass einmal frei veröffentlichte Beiträge auch frei bleiben. Ähnlich funktioniert die "GNU General Public Licence" bei Software wie zum Beispiel Linux.

Die dahinterstehenden Ideen gehen über das Lexikonprojekt hinaus. Ohne einen Anspruch auf Vollständigkeit oder Originalität zu erheben, nannte Wales in seiner Rede auf der ersten internationalen Wikimedia-Konferenz in Frankfurt am Main zehn Ziele, die sich eine Bewegung für freie Kultur, ein "Free Culture Movement", setzen sollte.

Erster Punkt sei der Aufbau einer freien Enzyklopädie, erklärt Wales. Mit der Wikipedia geschehe dies jetzt, und in Englisch und Deutsch sei die Entwicklung "mehr oder weniger auch schon abgeschlossen". In einem Jahr könne die Wikipedia auch in Französisch und Japanisch so weit sein. In zehn Jahren sei es möglich, in allen wichtigen Sprachen ein freies Lexikon zu haben.

Der Aufklärung verpflichtet

Der Aufklärung verpflichtet

Bei allen weiteren Punkten, die Wales nannte, ist der zeitliche Rahmen schon weit weniger klar. So plädierte er für freie Musik, freie Künste, freie Dateiformate, freie Landkarten, freie Produktkennungen, freie Fernsehprogramme und freie Internetgemeinschaften. Letzteres wird mit Wikicities schon in Angriff genommen.

Auch bei dem von Wales genannten Aufbau eines freien Wörterbuchs gibt es schon das Projekt Wiktionary. In der Diskussion nach Wales Vortrag wurden weitere Ziele für eine freie Kultur genannt, so eine freie Suchmaschine für das Internet oder freie Wissenschaften, die Daten aus Forschungsprojekten veröffentlichen. Dies gelte besonders für jene Forschungen, die mit öffentlichen, sprich Steuergeldern finanziert wurden und auf deren Ergebnisse die Öffentlichkeit deshalb auch einen Anspruch habe.

Die Entwicklung von Lehrplänen vom Kindergarten bis zur Universität und die Bereitstellung von freien Lehrbüchern stelle sicher eine größere Herausforderung dar als die Wikipedia, erklärt Wales. Wer sich aber die "beängstigenden" Preise für Schulbücher anschaue, der wisse, wie wichtig so etwas sei. Wikibooks nennt sich das Projekt dazu.

Aber was treibt Menschen denn dazu, in ihrer Freizeit Beiträge für ein Lexikon zu schreiben? Die meisten Wikipedianer fühlten sich wohl "der Aufklärung verpflichtet", sagt Kurt Jansson, der Vorsitzende des Vereins Wikimedia Deutschland Gesellschaft zur Förderung Freien Wissens, der den deutschen Teil der Wiki-Bewegung nach außen vertritt.

Derzeit arbeiteten rund 200 bis 400 Personen aktiv an der Wikipedia mit, erklärt Jansson. Seit dem Beginn im Mai 2001 hätten rund 10.000 Personen einen Beitrag zum Aufbau dieses Online-Lexikons geleistet, das inzwischen rund 270.000 Artikel umfasst.

Damit kann sie sich durchaus mit kommerziellen Produkten wie dem Brockhaus messen. Und Vergleichstests von zufällig ausgewählten Artikeln zeigten eine durchweg hohe Qualität der Beiträge in dem freien Lexikon. Zuletzt wurde die Wikipedia auch mit dem Grimme Online Award ausgezeichnet.

Wikipedianer reagieren schnell

Wikipedianer reagieren schnell

Das lässt Skeptiker der freien Projekte und Kritiker natürlich nicht verstummen. Sie hinterfragen immer wieder die Qualität und Zuverlässigkeit der Artikel, die ja praktisch jeden Tag anders aussehen können. Sie verweisen auch darauf, dass bei Stichwörtern zu politisch oder auch religiös kontrovers diskutierten Themen immer wieder versucht werde, Einfluss zu nehmen.

Solche Aktionen seien aber letztlich zum Scheitern verurteilt, erklärt Jansson. Die Gemeinschaft der Wikipediander reagiere bei solchen Versuchen der Einflussnahme in der Regel sehr schnell. Solche Änderungen werden dann wieder rückgängig gemacht, was auch jeder Leser im Bereich Versionen zur Geschichte eines Artikels nachverfolgen kann.

Für den Nutzer aber stellt sich trotzdem die Frage, welche Version lese ich gerade? Zwar kann dies jeder versierte Leser genau überprüfen - wenn er sich die Zeit dazu nimmt -, aber den Einsatz der Wikipedia zum Beispiel im Schulunterricht sehen Kritiker mit Skepsis. Zuletzt verwies die Website Bildungsklick.de darauf, dass es in der Wikipedia zahlreiche Rechtschreibfehler gebe. Von zwölf für Schulen empfohlenen und überprüften Artikeln sei keiner ohne Rechtschreibfehler gewesen.

An der Faszination, die von der Wikipedia durch ihre freie Verfügbarkeit und die Offenheit ausgeht, dürfte dies wenig ändern. Inzwischen rangiert die Wikipedia unter den 50 meist besuchten Websites weltweit. Ob dies aber auch auf andere Wiki-Projekte wie Wikibooks, Wikisource oder Wikinews ausstrahlen kann, muss sich noch zeigen.

Klaus Gürtler,AP