Wikipedia Alles Wissen dieser Welt gratis

Der Erfinder von Wikipedia, Jimmy Wales, träumt von der kostenlosen Web-Welt. Auf der Wikipedia-Konferenz in Frankfurt hat er eine Liste von Angeboten vorgestellt, die seiner Ansicht nach schon bald kostenlos sein werden – zum Beispiel Lehrbücher, Lexika und Wörterbücher.

Hamburg - Dass Menschen ohne Bezahlung für eine große Idee arbeiten ist heutzutage ziemlich ungewöhnlich. Doch im Internet wächst ein gegenläufiger Trend: Mit freier Software, die von Tausenden Programmierern weltweit entwickelt und verbessert wird, fing es an. Auch das kostenlose Betriebssystem Linux und der Gratis-Browser Firefox passen nicht so Recht ins marktwirtschaftlich geprägte Weltbild.

Die Online-Enzyklopädie Wikipedia markierte den nächsten Schritt: Den Machern geht es nicht nur um kostenlose Software, sondern auch um frei zugängliches Wissen. Das 2001 gestartete Internetlexikon hat in seiner englischen Ausgabe längst mehr Einträge als die renommierte Encylopaedia Britannica. Auch die deutschsprachige Wikipedia-Seite hat den großen Brockhaus hinsichtlich der Zahl der Einträge mittlerweile überholt.

Doch damit gibt sich Jimmy Wales, der Gründer von Wikipedia, nicht zufrieden. Auf der ersten weltweiten Wikipedia-Konferenz, der Wikimania, die heute in Frankfurt beginnen hat, will Wales weit nach vorn schauen. "Zehn Dinge, die umsonst sein werden" - so lautet seine Keynote. Eine bewusste Anspielung auf den deutschen Mathematiker David Hilbert, der im Jahr 1900 eine Liste von zehn ungelösten Problemen der Mathematik vorgestellt hatte (die später auf 23 Einträge erweitert wurde).

Inspiration für die "free culture movement"

Hilberts Liste habe die Mathematik stark beeinflusst, erklärte Wales. "Ich hoffe, dass meine Liste zur einer ähnlichen Inspiration für die 'free culture movement' wird", schreibt er in einem Blog-Beitrag. Es handle sich keinesfalls um Wunschträume; er glaube daran, dass die genannten Dinge tatsächlich frei erhältlich sein werden.

Als aller erstes nennt Wales - kaum überraschend - Enzyklopädien. Aber auch sämtliche Lehrbücher, von der Schule bis zum Studium, werden nach seiner Meinung spätestens im Jahr 2040 als frei zugängliche Werke existieren. Das entsprechende Projekt Wikibooks wurde bereits gestartet. "Langfristig wird es sehr schwer für herkömmliche Verlage werden, mit frei lizensierten Alternativen mitzuhalten." Einem offenen Projekt, an dem Dutzende Professoren mitarbeiteten, könne ein Verlag kaum Paroli bieten.

"Die Umsonst-Kultur wird euch einholen"

Auch Wörterbücher gehören zu den Dingen, deren Zukunft der Wikipedia-Gründer in frei zugänglichen Websites sieht - das zugehörige Projekt Wiktionary läuft bereits. Managern gibt Wales einen ganz persönlichen Rat: Jeder, dessen Geschäftsmodell auf Produkten beruhe, deren Inhalte streng reglementiert seien, solle gut aufpassen: "Die Umsonst-Kultur wird euch einholen".

Die Wikipedia-Wettbeweber bewerten die freie Enzyklopädie unterschiedlich. Der Brockhaus-Verlag, der in diesem Jahr 200 Jahre alt wird, sieht Wikipedia nicht als Konkurrenz an. "Man kann Brockhaus und Wikipedia nicht miteinander vergleichen", sagt Brockhaus-Sprecher Klaus Holoch. "Wir garantieren, dass unsere Einträge wirklich korrekt sind." Zudem versuche Brockhaus, das Wesentliche in der Welt abzubilden. "Die Spice Girls finden Sie bei uns nicht."

Auch der Softwareriese Microsoft fürchtet sich nicht vor Wikipedia. Die Kunden seiner Encarta Enzyklopädie seien andere als die Wikipedia-Nutzer. Produktmarketingmanagerin Britta Best meint, "Wikipedia kann als Ergänzung zur Encarta betrachtet werden, leistet aber weniger."

Auf der Konferenz in Frankfurt sind mehr als 60 Vorträge geplant. Die Organisatoren rechnen mit knapp 400 Teilnehmern. Wikipedia startete im Januar 2001 zunächst nur in englischer Sprache. Heute können über den kostenlosen und werbefreien Dienst Artikel in über 100 Sprachen abgerufen werden.

Dass die Anhänger des Internet-Wissens für ihr Treffen ausgerechnet die Stadt der weltgrößten Buchmesse ausgewählt haben, soll kein Affront sein, versichert Wales. Verlage hätten trotz der "free culture movement" eine Zukunft, auch wegen der Wikipedianer. Viele seiner Mitstreiter seien wie er wahre Leseratten, verriet Wales. Kaum in Frankfurt angekommen, hat Wales erstmal eingekauft - Bücher natürlich.