Weltstandard Happy Birthday, MP3!

Vor zehn Jahren wurde die Audiokompression MPEG Audio Layer 3 in Erlangen auf den Namen MP3 getauft. Heute ist das Verfahren ein weltweiter Standard. Wer sind die Gewinner und wer die Verlierer der Audiorevolution? Und was verbindet den iPod mit einem Legostein?
Von Kristian Klooß

Hamburg - Vor zehn Jahren entschlossen sich die Wissenschaftler vom Erlanger Fraunhofer-Institut für Integrierte Schaltungen (IIS), ihrer damals jüngsten Erfindung einen Namen zu geben. Die neue Technik, ein digitales Verfahren zur Audiokompression, hatte bis dato auf den drahtigen Namen MPEG Audio Layer 3 gehört.

Das Kürzel MPEG steht übrigens für Moving Picture Experts Group. Das ist eine Gruppe von Fachleuten, die sich mit der Standardisierung von Videokompression und den dazugehörenden Bereichen, wie Audiokompression oder Containerformaten, beschäftigt.

Am 14. Juli 1995 setzte sich schließlich bei einer internen Befragung der Fraunhofer-Forscher das Endkürzel .mp3 durch. Die Namensgebung war der Abschluss langjähriger Entwicklungsarbeiten eines Teams von zeitweise 40 Mitarbeitern.

Seit 1992 schützt die Iso-Standardisierung das MP3-Format vor allen wesentlichen Veränderungen. Zusammen mit der Verfügbarkeit eines offenen Quellcodes sichert dies die Abspielbarkeit aller heutigen MP3-Dateien - dies gilt auch für die Musikdateien der Urenkel der heutigen MP3-Generation.

Innerhalb eines Jahrzehnts wurde MP3 zum allgemein verwendeten Standard. Und das, obwohl die Technik von vielen Industrieunternehmen zunächst für praxisuntauglich erklärt wurde. Die Marktchancen, die ein digitales Verfahren zur Komprimierung von Musikdateien auf geringem Speicherplatz bot, wurden unterschätzt - zumindest in Deutschland.

Denn als die Fraunhofer-Forscher ihre Erfindung ins Internet stellten, griffen zuerst junge US-Firmen die neue Technik auf. MP3 löste ein wahres Gründungsfieber aus. Auch Musiktauschbörsen schossen wie Pilze aus dem Boden.

Den Grundstein legte Napster

Den Grundstein legte Napster

Den Grundstein legte der Amerikaner Shawn Fanning. Um MP3-Musikdateien über das Internet austauschen zu können, programmierte er 1998 die Plattform Napster. Als die Gemeinde der MP3-Anhänger wuchs und der Medienrummel um Napster zunahm, wurde die Tauschbörse Ziel einiger von der Musikindustrie angestrengter Gerichtsprozesse. Diese führten schließlich zum Abschalten der Napster-Server.

Napsters Erben nennen sich Gnutella, E-Mule oder Kazaa. Sie funktionieren als Peer-to-Peer-Netzwerke ohne zentralen Server. Damit wird eine völlige Dezentralisierung des Netzwerkes erreicht, was die Klärung der rechtlichen Verantwortung für illegalen Datenverkehr verkompliziert. Und Copyright-Kontrollen existieren nicht, so dass auch urheberrechtlich geschützte Inhalte frei von Lizenzgebühren getauscht werden können.

Gegen die neuen Tauschbörsen scheint für die großen Musikkonzerne kein Kraut gewachsen zu sein. Den großen Labels - namentlich Vivendi Universal , Warner Music, EMI und Sony BMG - brachen inzwischen rund ein Viertel der CD-Umsätze weg.

Dass mit der MP3-Technologie auch Geld verdient werden kann, beweisen inzwischen vor allem die Produzenten von Unterhaltungselektronik. Allein in Deutschland wurden im vergangenen Jahr über drei Millionen MP3-Player verkauft. Prognosen gehen davon aus, dass die Absatzzahlen im Jahr 2006 weltweit auf über 80 Millionen Geräte steigen werden.

Gewinner des MP3-Booms

Gewinner des MP3-Booms

Sechs Jahre nach dem Start von Napster hat sich auch eine kommerzielle Download-Industrie durchgesetzt. Auf legalem Weg haben sich in Deutschland das Onlineportal Musicload von T-Online und der internationale Marktführer iTunes von Apple  den Markt aufgeteilt.

Im Repertoire der MP3-Plattenläden gibt es eine umfangreiche Auswahl an Musiktiteln. Bezahlt wird per Kreditkarte oder über die Telefonrechnung. Für 2005 erwartet der Bundesverband der Phonographischen Wirtschaft 20 Millionen legale Downloads in Deutschland, nach 8 Millionen im Vorjahr.

Selbst Hörbücher und vertonte Zeitungsartikel lassen sich heute als MP3-Dateien aus dem Netz ziehen. Neben Apples iTunes buhlt hier das Portal Audible um Kunden. Audible, an dem auch Bertelsmann mit 25 Prozent beteiligt ist, will sich unter anderem mit exklusiven Angeboten akustischer Reiseführer einen Namen machen.

Bei solchen Reiseführern handelt sich um Dateien, die man sich auf den MP3-Player laden kann. Ein kleiner Mann oder eine Frau im Ohr weist einem dann den Weg durch die Straßen, erzählt Anekdoten zur Stadtgeschichte oder lässt Zeitzeugen zu Wort kommen. So erinnern sich Walter Momper und Gregor Gysi auf der Berlin-Tour von Audible an den Fall der Mauer im Jahre 1989.

Verlierer des MP3-Booms

Verlierer des MP3-Booms

Doch wo die Gewinner sich die Hand schütteln, gibt es auch Verlierer. Sony  beispielsweise hat das Dateikürzel .mp3 gehörig zugesetzt. In den 80er Jahren setzte das japanische Unternehmen unter dem Motto "it's not a trick, it's a Sony" gleich mehrere Trends. Das berühmteste Produkt aus der japanischen Miniaturisierungsschmiede war der Walkman. Wer keinen hatte, galt als Hinterwäldler. Gleiches gilt heute für gerade jene, die noch einen der alten Kassettenkästen besitzen.

Während Apple seinen iPod bereits im Oktober 2001 auf den Markt brachte, brauchte Sony drei Jahre für ein Konkurrenzprodukt. Weil die Japaner jedoch auf ein eigenes, kopiergeschütztes Dateiformat mit dem Namen Atrac beharrten, wurde das neue Produkt zu einem Reinfall. Denn zu diesem Zeitpunkt war das MP3-Format bereits zum weltweiten Standard avanciert.

Auch im Design tat sich einiges. Statt eines klobigen Walkmans hängen sich Teenager heute lieber einen daumengroßen Samsung-MP3-Player an einer kleinen Kette um den Hals. Dank MP3-Technik haben sich Konzerne wie Samsung  und Apple die Marktführerschaft bei MP3-Spielern erkämpft. Sony hat dagegen Mühe, dem Trend zu folgen.

Neben Sony scheiterten auch andere Unternehmen am MP3-Format. Siemens  beispielsweise brachte mit dem SL45 zwar das weltweit erste Handy mit eingebautem MP3-Player auf den Markt - nur leider zu früh. Kaum einer wollte das Gerät haben. Als die Nachfrage nach Handys mit MP3-Playern endlich in Schwung kam, konnte Siemens diese nicht mit adäquaten Geräten bedienen.

Apple - der größte MP3-Profiteur - meldete aufgrund einer boomenden Nachfrage nach iPods jüngst eine Verfünffachung des Gewinns im abgelaufenen Quartal. Das sei das beste Quartal in der Geschichte des Unternehmens, frohlockte Apple-Chef Steve Jobs.

In die Verliererliste tragen sich dagegen auch Unternehmen ein, an die man zunächst gar nicht denken würde. Kürzlich gab beispielsweise der dänische Spielzeughersteller Lego den Verkauf seiner vier Freizeitparks an den amerikanischen Finanzinvestor Blackstone bekannt. Der Lego-Konzern begründete die schwache Geschäftsentwicklung mit dem sinkenden Interesse von Kindern an traditionellen Spielzeugen. Stattdessen interessierten sich die Kleinen vor allem für Computer, Handys und MP3-Player.

Die neueste Erfindung aus Erlangen

Die neueste Erfindung aus Erlangen

Mit der Entwicklung des MP3-Musikformats veränderte das Fraunhofer-Institut für Integrierte Schaltungen die Unterhaltungsbranche. Solche Trends zu begründen ist auch das ausgesprochene Ziel der Erlanger Erfindungsfabrik. Mit 450 Beschäftigten und einem Budget von 52 Millionen Euro ist das Institut laut Sprecherin Martina Spengler das größte der Fraunhofer-Gesellschaft.

Wissenschaftler und Studenten aus rund 40 Nationen arbeiten in Erlangen an gemeinsamen Projekten. Bis auf die Grundfinanzierung in Höhe von etwa 20 Prozent, wird das Budget aus der Auftragsforschung finanziert. Die Lizenzgebühren, die unter anderem auch für die MP3-Technik nach Erlangen fließen, werden sofort in Neuentwicklungen investiert, versichert der Leiter des Instituts, Heinz Gerhäuser.

Das nächste imageträchtige Projekt steckt übrigens schon in der Pipeline. Pünktlich zur Weltmeisterschaft 2006 soll ein mitdenkender Fußball entwickelt werden, der mit einem Minisender ausgestattet ist. Derzeit läuft die Erprobungsphase. Wenn alles klappt, wird künftig mittels Funksignal festgestellt, ob der Ball wirklich hinter der Torlinie war.

Diese Erfindung kommt allerdings 40 Jahre zu spät. Denn gebraucht hätte sie die deutsche Nationalmannschaft bereits im Jahre 1966 in Wembley.

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