Gründer-Kolumne Die Geburtsstunde eines Unternehmens

Gibt es einen konkreten Zeitpunkt, von dem man sagen kann: Das „Herz“ eines Unternehmens hat zu schlagen begonnen? Eine Umfrage unter Gründern zeigt, dass selbst das eine Typfrage ist.

Hamburg - Angenommen, ein Ingenieur hat die Idee, ein bestimmtes Ventil so zu modifizieren, dass dadurch ein möglicher Mehrwert für den Anwender entsteht. Dies allein ist sicherlich noch nicht ausreichend, um sagen zu können, dass der Entdecker oder Erfinder des neuartigen Ventils unternehmerisch aktiv geworden ist.

Erst dann, wenn er dieses Ventil hat patentieren lassen, seinen Arbeitsplatz aufgeben hat, die Finanzierung des Unternehmens sichergestellt hat, das Unternehmen rechtlich gegründet und damit begonnen hat, das neuartige Ventil zu produzieren und zu vermarkten, lässt sich mit Sicherheit sagen, dass es sich wirklich um eine Unternehmensgründung handelt. An welchem Punkt aber im Gründungsprozess lassen sich der Sachverhalt der "Gründung" und damit die Geburt eines neuen Unternehmens genau festmachen?

Eine möglich Antwort darauf findet sich mit dem so genannten "Point of No Return". Darunter wird der Zeitpunkt verstanden, ab dem der Gründer derart viele Ressourcen in das neue Unternehmen beziehungsweise die Unternehmensidee gelenkt hat, dass ein Abbruch des Gründungsvorhabens nicht mehr vertretbar scheint. Jeder Unternehmer, der bewusst so weit gegangen ist, wäre nun also gezwungen, den Aufbau des neuen Unternehmens auch wirklich zu realisieren.

Allerdings sind auch andere mögliche Ausgangspunkte denkbar - wie zum Beispiel das Finden einer Geschäftsidee, die Markteinführung des Produktes beziehungsweise der Dienstleistung oder die Entscheidung für einen Unternehmensnamen. Und auch der Kontakt zum ersten Kunden oder natürlich die rechtliche Gründung stellen wichtige und entscheidende Schritte in der Unternehmensgeschichte dar, mit denen man den ersten "Herzschlag" verbinden könnte.

Jedes Herz schlägt anders

Jedes Herz schlägt anders

In der letzten Kolumne "Herr Düsentrieb hat ausgedient" wurde bereits gezeigt, unter welchen Bedingungen Unternehmensgründungen im internationalen Umfeld stattfinden können und wie das anregende, motivierende aber manchmal vielleicht auch hinderliche Umfeld den Startpunkt einer Unternehmensgründung beeinflussen kann. Von den in dieser Studie befragten 96 internationalen Unternehmern haben wir aber auch wissen wollen, welchen Punkt in der eigenen Unternehmervita sie als denjenigen Punkt betrachten, ab dem sie sich der Existenz ihres Unternehmens bewusst geworden sind.

Der Startpunkt bei polnischen Unternehmern wird sowohl mit der Geburt in einer Gründerfamilie als auch mit der Bestätigung durch den ersten Kunden gesehen (beides 17 Prozent) - am häufigsten jedoch wird die Kooperationsbereitschaft von Marktpartnern (26 Prozent) als "erster Herzschlag" empfunden. Die meisten brasilianischen Unternehmer betrachten dagegen positive Ergebnisse aus der Markforschung als den Startpunkt ihrer Unternehmensentwicklung (22 Prozent).

Der Zeitpunkt bei skandinavischen Gründern, an dem die bewusste Entwicklung des Unternehmens einsetzt, wird von einem Drittel der Unternehmer mit der Findung der Gründungsidee angegeben. Weitere 30 Prozent stufen erneut die Geburt in einer Gründerfamilie als "ersten Herzschlag" ein.

Bei Gründern der arabischen Welt ist der Startpunkt bei einem Viertel der Befragten mit der Entscheidung für ein bestimmtes Geschäftsmodell verbunden. Rund 14 Prozent optierten aber auch für den Zeitpunkt, an dem das Gründerteam feststeht.

In Deutschland empfinden die Gründer in erster Linie das "Finden der Geschäftsidee" als den Ursprung des eigenen Unternehmens (38 Prozent). Konträr zu allen anderen Ländern dieser Studie sehen die meisten spanischen Unternehmer den Zeitpunkt der rechtlichen Gründung als den Moment an, ab dem das Unternehmen zu leben beginnt (28 Prozent).

"Macher" und "Skeptiker"

"Macher" und "Skeptiker"

Betrachtet man die Ergebnisse der Studie so fällt auf, dass viele Gründer die Findung der Geschäftsidee, beziehungsweise die Entscheidung für ein bestimmtes Geschäftsmodell als den individuellen Startpunkt ihres Unternehmens betrachten. Man könnte also vermuten, dass das "Herz" eines Unternehmens immer dann zu schlagen beginnt, wenn eine Gelegenheit zur unternehmerischen Aktivität vom Gründer als "seine" Gelegenheit begriffen wird, das heißt wenn ein Fit zwischen Gründer und Chance besteht. Ein solcher Fit ist wichtig, denn schließlich macht es wenig Sinn, wenn beispielsweise ein ausgebildeter Jurist erkennt, dass an seinem Wohnort noch Raum für eine allgemeinmedizinische Praxis wäre - eine unternehmerische Chance, die er nicht nutzen kann und darf.

Die zahlreichen Antworten von Gründern, die das Ereignis der Unternehmensgründung allerdings erst nach der Bestätigung der Geschäftstauglichkeit ihrer Idee durch die ersten Kundenaufträge oder gar erst durch die ersten Umsätze eintreten sehen, legen dagegen nahe, dass es zumindest zwei Ausgangspunkte unternehmerischen Handelns gibt: Der selbstbewusste Teil der Gründer, die "Macher", sieht das eigene Unternehmen genau dann vom Stapel laufen, wenn er - wie auch immer sich dies im Einzelfall darstellen mag - aktiv wird und beginnt, die Chance zur Unternehmensgründung zu nutzen.

Der skeptischere Teil der Unternehmensgründer hingegen benötigt die Bestätigung des Marktes, um wirklich an das eigene Unternehmen zu glauben - nach dieser Sichtweise lebt ein Unternehmen erst dann, wenn es dem Kunden Produkte und Dienstleistungen bietet und diese auch vom Markt akzeptiert werden.

Die Ergebnisse geben Hinweise darauf, welche Aspekte bei der Gründungsförderung in den Mittelpunkt der Kommunikation beziehungsweise Motivation gegenüber der zukünftigen Unternehmergeneration gerückt werden sollten. Neben der Identifikation der Geburtsstunde eines Unternehmens und damit einer Bestimmung des konkreten Zeitpunkts und Umstande des "ersten Herzschlags" ist es aber auch wichtig, auf den weiteren Lebensweg zu schauen. Denn nicht nur geboren zu werden ist entscheidend, sondern auch zu leben beziehungsweise zu überleben!

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