Handyliteratur Shakespeare in 160 Zeichen

Eigentlich war es klar, dass der Trend aus dem handybesessenen Japan kommt, denn die Bewohner des asiatischen Inselstaats begeistern sich für fast jede technische Spielerei auf ihren Mobiltelefonen. So auch für diese: Neuerdings lesen sie in ihrem Handy wie in einem Buch.

Tokio - Allein schon bei dem Gedanken, einen längeren Text auf dem Handybildschirm lesen zu müssen, werden vielen Menschen die Augen schmerzen. In Japan erfreut sich Literatur auf dem Mobiltelefon aber immer größerer Beliebtheit.

Es gibt inzwischen zahlreiche Mobile-Websites, die hunderte Bücher anbieten, von Klassikern über Bestsellern bis zu Werken, die speziell für das neue Medium geschrieben wurden, wie zum Beispiel kurze Fortsetzungsromane.

Die Handylektüre ist gewöhnungsbedürftig. Wegen des kleinen Bildschirms sind immer nur ein paar Zeilen zu sehen. Aber dank der immer besser werdenden Displays und intelligenter Lösungen für das Scrollen, das schnelle Blättern in einem Text, fällt das Lesen leichter, als vielleicht zu vermuten wäre. Die neuen Folgen der Handyliteratur werden in kurzen Abschnitten heruntergeladen.

Wer will, trägt immer eine kleine Bibliothek bei sich, in der man jederzeit blättern kann, ob zu Hause oder in der Bahn. "Man kann in jedem freien Moment lesen und dazu muss man noch nicht einmal beide Hände benutzen", sagt Taro Matsumura, ein 24-jähriger Student.

Das neue Medium stößt inzwischen auch in Südkorea und China auf Interesse. In Japan sind einige Menschen schon regelrecht süchtig nach den Geschichten auf dem Handy.

Besonders Horrorgeschichten bekämen hier ihren eigenen Reiz, sagt Satoko Kajita, der bei Bandai Networks für die Entwicklung des Angebots zuständig ist. Die Firma aus Tokio bietet derzeit rund 150 Titel auf ihrer Website "Bunko Yomihodai" an.

Das Projekt gibt es schon seit 2003, im vergangenen Jahr wuchs das Interesse besonders stark, so dass es jetzt rund 50.000 Abonnenten gibt.

Vor allem Klassiker sind sehr beliebt

Vor allem Klassiker sind sehr beliebt

Die Faszination der Handyliteratur lasse sich nur schwer beschreiben, man müsse es selbst ausprobieren, sagt Kajita. Der Nutzer könne sich seine Bücher nach Autor, Titel oder Genre aussuchen, er könne selbst Rezensionen schreiben, direkt dem Autor schreiben und auch Anregungen machen, was er noch gerne lesen würden. Und das alles mit dem Mobiltelefon.

Einer Marktstudie von Bandai zufolge sind mehr als die Hälfte der Leser Frauen und viele von ihnen lesen ihre Handybücher zu Hause. Etwas überraschend ist die große Beliebtheit von Klassikern. Weit verbreitet sind auch elektronische Wörterbücher.

Im Vergleich zu Klingeltönen oder Handyspielen seien die Bücher noch ein Nischenmarkt, sagt Yoshiteru Yamaguchi von Japans führendem Mobilfunkanbieter NTT Docomo . Aber es sei nicht länger etwas völlig Abwegiges.

In Japan ist die Kulturform schon anerkannt. Dazu trug auch ein Autor bei, der sich nur Yoshi nennt. Seine Fortsetzungsgeschichten unter dem Titel "Deep Love" erschienen zuerst nur auf seiner eigenen Website.

Sie dann aber schnell zu einem Hit unter jungen Erwachsenen. Es folgten ein Film, eine Fernsehserie und ein Comic im Manga-Stil. Und es wurde sogar ein "richtiges Buch" daraus, das inzwischen rund 2,6 Millionen Mal verkauft wurde.

Yoshi betrachtet seine Leser als eine Gemeinde. Er liest täglich Dutzende Fan-E-Mails und gewinnt daraus wieder Ideen für neue Geschichten.

Und er erfährt so auch, wenn seine Leser gelangweilt werden. Er kann dann die Handlung verändern, um die Geschichten wieder interessanter zu machen. "Das ist wie Musik spielen in einem Club", sagt Yoshi. "Man merkt sofort, wie das Publikum reagiert, und man kann sofort das verändern, was man spielt."

Yuri Kageyama, AP