Fußball Der Chip ersetzt den Schiri

"Gegen Fehlentscheidungen auf dem Fußballplatz muss endlich etwas getan werden", dachte sich Roland Stucky. Sprach's und erfand den funkenden Fußball. Während Romantiker die Entzauberung ihres Sports befürchten, sehnen sich andere den E-Schiedsrichter herbei - möglichst schon beim Anpfiff der WM 2006.

Mutschelbach - Die Wiege der Fußballrevolution steht in Mutschelbach. In dem Dorf nahe Karlsruhe hat der örtliche Fußballverein - der ATSV Mutschelbach - zwar noch keinen großen Kicker hervorgebracht.

Dafür wurde hier aber eine große Idee geboren: Nicht die Schiedsrichter sollen über ein Tor entscheiden, sondern ein kleiner Chip im Fußball. Zur WM 2006 in Deutschland soll der "Hilfs- Schiri" aus Mutschelbach seinen großen Auftritt feiern. Platzreif ist er allerdings noch lange nicht.

"Gegen Fehlentscheidungen musste endlich etwas getan werden", dachte sich ATSV-Spielbetriebsleiter Roland Stucky vor sechs Jahren. "Der Schiedsrichter ist doch der ärmste Hund auf dem Platz." Und da Stucky nicht nur Schiedsrichterfreund, sondern auch tüchtiger Geschäftsmann ist, gründete er mit seinem Freund Hartmut Braun im Jahr 2000 die Cairos Technologies AG in Karlsbad und beauftragte das Fraunhofer Institut für Integrierte Schaltungen in Erlangen mit der Chipentwicklung. Der Sportriese Adidas sprang im vergangenen Jahr an Bord und hüllt den Chip nun in Markenleder.

"Tore, die keine sind, wird es nicht mehr geben"

Und so funktioniert es: Der stoßsichere Chip im Ball sendet tausende von Mikrowellen pro Sekunde an einen Zentralrechner im Stadion. So soll die Position des Balls millimetergenau bestimmt werden. Rollt der Ball über die Torlinie, gibt die Zentrale ein Signal an einen Minicomputer am Handgelenk des Schiedsrichters. "Tore, die keine sind, wird es nicht mehr geben", verspricht Stucky.

Während Fußballromantiker die Entzauberung ihres Sports befürchten, freuen sich andere auf den Tag, an dem der Schiedsrichter in Leder endlich über den Platz rollt - für viele schon beim Anpfiff der WM 2006. Fifa-Präsident Joseph Blatter verkündete vor wenigen Tagen gar, er sei "hundertprozentig sicher, dass dies so sein wird."

"Es geht schließlich um viel Geld"

"Es geht schließlich um viel Geld"

Die Entwickler sehen das allerdings anders: "Wir freuen uns natürlich, wenn Herr Blatter den Torchip zur WM haben will. Aber wir stecken noch mitten in den Entwicklungen", dämpft Thomas van Schaik von Adidas die Erwartungen. Es sei wichtiger, weit gestreute Unterstützung für das System zu bekommen, als es so schnell wie möglich einzuführen, heißt es in einer Infoschrift der drei Partner.

Doch der erste Schritt zu Einführung ist getan. Ende Februar gaben die obersten Fußballhüter des International Football Association Boards ihr Okay für den ersten Test unter Wettbewerbsbedingungen bei der U-17-WM im Sommer in Peru. Bis dahin schweigen die Partner: "Wir haben uns geeinigt, bis September keine weiteren Informationen zu geben", wehrt der Marketingchef von Cairos, Oliver Braun, ab.

Ob zur WM in Deutschland oder später: Der schlaue Ball kommt, das ist für Stucky "vollkommen klar". "Bei den Spielen geht es schließlich um viel Geld." Deshalb soll es auch nicht bei dem Chipball bleiben. Mit der Cairos-Technologie könne per verwanztem Fußballer die Geschwindigkeit oder der Ballkontakt der Spieler gemessen werden, schwärmt Stucky. Zuschauer hätten dann mehr Gesprächsstoff.

Beim ATSV hofft man unterdessen nicht auf viel Geld - am Chipball ist der Verein nicht beteiligt -, dafür aber auf internationales Ansehen: "Über die Grenzen würde man den ATSV Mutschelbach dann kennen", freut sich Vereinsvorstand Michael Kreuder. Die teure Stadionausrüstung für das neue elektronische Fußballsystem kann sich der Kreisligist aber nicht leisten. Einzige Instanz für Entscheidungsfragen bleibt deshalb beim ATSV auch weiterhin allein der Schiedsrichter aus Fleisch und Blut.

Annette Reuther, dpa