WM-Tickets "Wiederverkauf ist nicht verboten"

Wer sich bei Ebay unerlaubterweise WM-Tickets ersteigert, steht vor verschlossenen Stadiontoren - das behauptet zumindest der DFB. Aber der Widerstand bröckelt: Zum einen ist der Wiederverkauf gesetzlich nicht verboten und zum anderen verhandelt die Fifa bereits mit dem Ticketkonzern CTS Eventim über eine offizielle Internetbörse.

Hamburg - Man stelle sich einmal Folgendes vor: Ein Veranstalter verlost ein Jahr im Voraus Eintrittskarten für Veranstaltungen, bei denen noch nicht klar ist, wer dort auftreten wird. Dafür sind die Tickets personengebunden und nur im Verbund mit registrierten Personalausweisnummern gültig. Umtausch, Rück- oder Weitergabe ist verboten. Wer am Tag des Ereignisses nicht kann, hat Pech gehabt. Das Geld ist weg, der Sitz bleibt leer. Wer es trotzdem versucht, bekommt vom Veranstalter die Ware wieder weggenommen.

Manchem Menschen mag das bescheuert vorkommen und völlig unzumutbar. Besser Informierte wissen, dass genau so die Ticketvergabe für die Fußballweltmeisterschaft in Deutschland organisiert wurde. Weltweit, als "Lotterie" im Internet.

Sinn und Zweck der Aktion ist vordergründig eine effektive Unterbindung des Schwarzmarkts. Doch das Verfahren und die bei den Tickets eingesetzten Techniken passen prächtig in den Kontext einer Zeit, in der ein Mehr an Kontrolle vor allem mit einem Mehr an Sicherheit begründet wird. Letztlich ist das ein Tauschhandel: mehr kontrollierte Sicherheit gegen Freiheiten.

Das DFB-Ticketsystem erlaubt die Kontrolle per Ausweis und RFID-Chip. Der Identitätsnachweis kann eingelesen werden, den Abgleich mit dem WM-Ticket besorgt der "funkende" RFID-Chip. Passen die Datensätze nicht zusammen, soll das Ticket seine Gültigkeit verlieren.

Gewährleistet wird so, dass nur registrierte und mit ihren Personendaten und Ticketdetails erfasste Fans ins Stadium kommen. Das schafft relative Sicherheit - zumindest im Nachhinein: Kommt es in einem bestimmten Stadionblock zu Gewalt, könnte schon am Folgetag die Polizei bei allen klingeln, die ein dort registriertes Ticket ihr Eigen nannten.

Trotzdem gaben wohl noch nie zuvor so viele Menschen freiwillig so viele Daten über sich preis wie bei der "Bewerbung" auf die WM-Ticketauktion. Während der DFB an Datenschutzrichtlinien deutscher Standards gebunden ist, ist dies beim Dachverband Fifa durchaus nicht gewährleistet. Dass Behörden die Daten von Hooligans international austauschen, wird gar nicht bestritten (und wohl auch nicht kritisiert): Sie schauen bei der Ticketauktion grundsätzlich in die Röhre.

Das System ist nicht sozial, sondern sicher

Das System ist nicht sozial, sondern sicher

Das tun aber auch all die, die bei den Ticketauktionen ganz regulär leer ausgingen. Zwar beschwichtigt das WM-Organisationskomitee, es würden in Abständen neue Ticketkontigente zur Verlosung kommen, doch echten Fans, die heiß auf Karten sind, reicht das nicht. Einem Fan waren am Wochenende zwei Achtelfinalkarten in Köln 12.500 Euro wert. Bezahlt bei einer Ebay-Auktion - und obwohl der DFB bestreitet, dass die so ersteigerten Tickets überhaupt noch gültig sind.

Das Beispiel zeigt, was für ein Ei sich das WM-OK mit dem seltsamen Vergabeverfahren gelegt hat: Statt den Schwarz- oder Graumarkt abzugraben, hat es nur die Zahl der verfügbaren Tickets verknappt. Der Logik von Angebot und Nachfrage folgend schießen die Preise für "frei gehandelte Tickets" gerade durch die Decke.

Denn so klar ist es nicht, dass man überhaupt von einem Schwarzmarkt reden kann. Bei Ebay  beispielsweise sieht man das ganz anders. "Gemäß unserem Verständnis von Ebay als Marktplatz", heißt es in einer Pressemitteilung, "werden wir den Handel mit Tickets für die Fußballweltmeisterschaft 2006 oder von Bezugsrechten für diese Tickets nicht untersagen."

Zwar untersage der DFB respektive das WM-OK in seinen "Allgemeinen Ticket-Geschäftsbedingungen" die Weitergabe von Tickets ohne vorhergehende schriftliche Genehmigung des Organisationskomitees des DFB, die wiederum nur bei besonders triftigen Begründungen (Fanspott: "Leider tot, kann nicht kommen") gegeben wird. Doch "ob diese Regelungen mit dem geltenden Recht vereinbar sind, ist bislang nicht abschließend geklärt und wird widersprüchlich beurteilt", argumentiert Ebay. "Kritiker des Weiterveräußerungsverbots von WM-Tickets halten diese Regelungen für unwirksam aufgrund der Verletzung Verbraucher schützender Normen."

Ebay selbst fühlt sich für die Auktionen nicht verantwortlich, denn "wir haben Maßnahmen getroffen, die sicherstellen, dass Verkäufer und potenzielle Käufer umfassend über die Risiken informiert und aufgeklärt werden, die mit der Veräußerung oder dem Erwerb von WM-Tickets oder von Bezugsrechten für diese Tickets gemäß den Allgemeinen Ticket-Geschäftsbedingungen des DFB e.V. ('ATGB') verbunden sein können". Zu diesem Zweck hat eBay eine Informationsseite nur für Fragen rund um den Handel mit WM-Tickets eingerichtet.

Und das weltgrößte Onlineauktionshaus steht nicht allein mit seinem Willen, sich vom DFB das Geschäft mit WM-Karten nicht vermiesen lassen zu wollen. Auch der Ticketkonzern CTS Eventim - schon bei Verlosung und Verkauf der Tickets federführend dabei - plant die Einrichtung einer Internetbörse, auf der bereits verkaufte Eintrittskarten für die Fußball-Weltmeisterschaft 2006 legal gehandelt werden können.

Sag niemals nie

Sag niemals nie

Doch Vorstandschef Klaus-Peter Schulenberg verriet der "Financial Times Deutschland", dass Eventim einen anderen Weg gehen wolle: Derzeit liefen - frei nach dem Motto "Sag niemals nie" - Verhandlungen mit der Fifa und dem WM-OK über die Installierung einer offiziell abgesegneten Ticketbörse. Sollten sich die Seiten einigen, könnte schon am Jahresende der ganz offizielle Tausch- und Weiterhandel beginnen.

Noch aber ziert sich das WM-OK, offiziell auch nur einen Millimeter von seinem seltsamen Ticketkonzept abzurücken. Warum auch, erfährt die als großer Erfolg bejubelte Ticketversteigerung doch genug Rückendeckung aus der Politik.

So schlug sich SPD-Sportexperte Peter Danckert auf die Seite des DFB, als er die "Einstellung der Versteigerungen von WM-Tickets über das Onlineauktionshaus Ebay" forderte. "Dieser Tickethandel über das Internet muss vom DFB sofort unterbunden werden, so Danckert. " Gegenüber der "Rheinischen Post" erklärte der stellvertretende Vorsitzende des Bundestags-Sportausschusses: "Hier verdienen sich die Losgewinner eine goldene Nase. Das hat der DFB gerade aus sozialen Gründen nicht gemacht."

Wie der DFB trotz ungeklärter Rechtslage Macht über Ebay-Auktionen erlangen könnte, weiß Dankert auch schon. Da der DFB ja über das Ticketvergabeverfahren Zugriff auf die vollen Personendaten habe, seien die Verkäufer ja leicht zu identifizieren.

Vergabeverfahren zu Lasten der Fans

Zu identifizieren wären Käufer und Verkäufer auch in einem Auktions- und Weitergabemodell, das Ebay der Fifa im Vorfeld der Verlosung vorlegte, doch der Fußball-Weltverband zeigte sich am Ende nicht interessiert. Warum auch? Er bekommt sein Geld ja auch für leere Sitze und spart sich durch das Umtausch- und Rückgabeverbot einen immensen Verwaltungsaufwand - zu Lasten der Fans. Eventim wiederum spekuliert mit seiner angedachten Ticketbörse wohl eher darauf, für ein und dasselbe Ticket noch eine zweite Provision zu kassieren.

Dabei ist ein "Schwarzmarkt" mit frei verkauften Tickets, da sind sich alle Experten bis hinein in den DFB einig, gar nicht völlig zu verhindern. Je größer das Angebot ist, desto ziviler bleiben die Preise: 12.500 Euro für zwei Tickets erzielt man dann, wenn zwei Karten auf dem Markt sind - und nicht mehrere Hundert.

Bis zur Klärung der Situation auf die eine oder andere Weise will Ebay jedenfalls in der Sache so hart bleiben wie der DFB auf der anderen Seite. Der hat seine ATGBs, aber Ebay möglicherweise die besseren Argumente: "Grundsätzlich ist der Wiederverkauf von Tickets in Deutschland nicht gesetzlich verboten."