SAP "Wir bleiben die Nummer eins"

"Wer bei den Plattformen vorne ist, der wird auch in der IT-Welt ganz vorne stehen", glaubt Henning Kagermann. Der SAP-Chef sagt im Interview mit manager-magazin.de, wie er mit seiner Softwareplattform Netweaver die Giganten IBM, Microsoft und Oracle abhängen will.

mm.de:

Herr Kagermann, Sie haben unlängst die Führungsmannschaft von SAP neu organisiert. Sie geben Aufgaben ab, konzentrieren sich ganz auf die Strategie des Softwarekonzerns. Hat sich SAP  bislang zu wenig strategisch betätigt?

Kagermann: Die Neuverteilung der Aufgaben war der letzte Schritt beim Aufbau einer optimalen Organisation für die SAP von heute. Aber Strategie wird wirklich wichtiger für SAP. Schließlich stehen wir vor einer Revolution unserer Industrie.

mm.de: Die da wäre?

Kagermann: Die Struktur der Software für Unternehmen verändert sich grundlegend - hin zu einer Enterprise Service Architektur.

mm.de: Einer bitte was?

Kagermann: Unsere Kunden fordern schon seit längerem von uns, die Systeme so umzugestalten, dass sie effizienter betrieben und schneller an Veränderungen im Geschäft angepasst werden können. Die Unternehmen wollen flexibel auf den Markt reagieren können, sich von der Konkurrenz abheben oder Wettbewerbsvorteile schaffen. Dabei darf sie keine starre Technologie behindern. Diesen Wunsch unserer Kunden können wir jetzt erfüllen.

mm.de: Das sind ja ganz neue Töne. Bisher gilt die SAP-Software als ziemlich monolithischer Klotz, der sich nur mit größter Mühe an die Prozesse eines Unternehmens anpassen lässt.

Kagermann: Mit unserer Plattform Netweaver, die wir seit gut zwei Jahren als eigenständiges Produkt vermarkten, lassen sich unsere Angebote von Fremdanbietern sehr einfach integrieren. Mit Netweaver und der Enterprise Service Architecture können Unternehmen aber vor allem neue Geschäftsmodelle ganz flexibel realisieren.

Sie können aber auch selbst Programmteile schreiben, mit denen sie sich im Wettbewerb differieren. Oder sie können Software anderer Hersteller einbauen. Und trotzdem arbeiten alle Elemente, die auf Netweaver aufsetzen, problemlos zusammen. Mehr noch: Wir liefern nicht nur die Infrastrukturtechnologie, sondern gleich fundamentale Geschäftsprozesse. Damit können die Unternehmen schnell und einfach ihr Geschäftsmodell verändern.

"Ellison ist derzeit sehr angriffslustig"

mm.de: Und das soll ich Ihnen glauben?

Kagermann: Ich habe hier ein dickes Buch mit Referenzen. Darin beschreiben 1500 Unternehmen, wie sie heute schon erfolgreich Netweaver einsetzen - Dow Corning zum Beispiel oder die dänische Arla Foods. All diese Firmen sparen Betriebskosten, können schnell reagieren und eigene Ideen verwirklichen.

mm.de: Ihr Konkurrent Oracle-Chef Larry Ellison behauptet, Netweaver sei technisch nicht ausgereift, es fehlten viele wichtige Funktionen.

Kagermann: Ellison agiert derzeit sehr angriffslustig. Aber ich kann das verstehen. Was macht jemand, der auf Platz zwei steht? Er motiviert seine Leute mit dem Spruch: Ich will Nummer eins werden. Wir aber haben eine ganz andere Diktion: Wir sind die Nummer eins und bleiben auf dieser Position, weil wir die nächste Generation von Unternehmensanwendungen anführen.

mm.de: Die klaren Verhältnisse herrschen im Markt für Anwendungssoftware, den SAP klar dominiert. Das Geschäft mit den Softwareplattformen, zu denen Ihr Produkt Netweaver gehört, ist aber sowohl für Sie als auch für Oracle  neu.

Kagermann: Diese Plattformen werden in Zukunft sehr wichtig für die Unternehmen. Wer bei den Plattformen vorne ist, der wird auch in der IT-Welt ganz vorne stehen. Deshalb liefern sich die Anbieter in diesem Bereich im Moment auch so eine heftige Auseinandersetzung.

mm.de: Wer sind Ihre stärksten Konkurrenten im Plattformgeschäft?

Kagermann: IBM  ist sehr sichtbar. Microsoft  arbeitet noch an seinem Angebot. Wir können aber schon heute absehen, dass es unserem Produkt am ähnlichsten sein wird. Auch Microsoft will das Design von Anwendungssoftware und die Integration der verschiedenen Produkte aus einem Guss offerieren. Was von Oracle kommt, ist noch nicht abzusehen.

"40 Millionen Euro für Netweaver"

mm.de: Wie unterscheiden sich die Offerten von IBM und Oracle von der SAP-Idee?

Kagermann: IBM besitzt keine eigenen Anwendungen und bietet deshalb eine neutrale Plattform für die unterschiedlichsten Produkte - eher nach dem Motto: Wir bauen es zusammen. Oracle geht ganz von seiner Datenbank aus, über die alle Programme laufen müssen, um interagieren zu können.

Wir hingegen sehen die Menschen und Abläufe im Unternehmen im Mittelpunkt. Die Anwendungen, die diese Prozesse digitalisieren, können wir mit Netweaver perfekt harmonisieren.

mm.de: Und, welches Konzept wird sich durchsetzen?

Kagermann: Wir sind davon überzeugt, dass sich Netweaver - in einer ersten Stufe bei unseren Kunden - als führende Plattform etablieren wird.

Aber wir sind offen und bieten deshalb selbstverständlich Interoperabilität mit IBM und Microsoft an. Das heißt Netweaver-Produkte arbeiten auch mit den Plattformen unserer Wettbewerber zusammen. Allerdings wollen wir schon einen bedeutenden Anteil am Plattformmarkt erobern.

mm.de: Was tun Sie dafür?

Kagermann: Wir haben 2005 als Jahr der Investitionen definiert. Das heißt, wir wollen bei der Profitabilität um 0 bis 0,5 Prozent wachsen anstatt um einen ganzen Prozentpunkt.

Wir stecken also etwa die Hälfte des Profitabilitätszuwachses in die Business Process Plattform (die geplante Weiterentwicklung von Netweaver, Anm. d. Red.), das sind rund 40 Millionen Euro.

"Retek keine strategische Akquise"

mm.de: Wofür geben Sie die Summe aus?

Kagermann: Wir stärken unsere Vertriebsmannschaft und stellen neue Entwickler ein. Daneben wird es natürlich Marketingaktionen geben vergleichbar mit unserer erfolgreichen 80-Städte-Tour im vergangenen Jahr. Dabei sprechen wir aus der SAP-Führung direkt die Vorstände der Unternehmen an und demonstrieren ihnen die Vorteile von Netweaver.

mm.de: Und die Topleute interessieren sich für solchen Technikkram?

Kagermann: Die Vorstandschefs wissen heute, dass keine andere Industrie mehr Einfluss auf ihren Geschäftserfolg hat als die IT-Branche. Und die Bedeutung der Informationstechnik wird in Zukunft noch steigen. Deshalb spreche ich immer mehr mit den CEOs, die den Nutzen von Netweaver und der Enterprise Service Architecture sofort erkennen.

mm.de: Schmerzt es Sie eigentlich, dass Oracle die Übernahmeschlacht um den Softwareanbieter Retek gewonnen hat?

Kagermann: Der Kauf von Retek hätte sich für uns bis zu einem bestimmten Preis gerechnet. Dieser Preis war überschritten, und deshalb haben wir uns aus dem Bieterwettstreit zurückgezogen. Anders als für Oracle war Retek für uns keine strategische Akquise, die einen überhöhten Preis rechtfertigt.

mm.de: Wieso das?

Kagermann: Oracle hat nach eigener Aussage keine Produkte für den Handel und braucht deshalb den Experten Retek. Wir dagegen bedienen sehr viele Kunden aus der Handelsbranche bereits heute sehr erfolgreich.

mm.de: Warum wollten Sie das Unternehmen dann überhaupt kaufen?

Kagermann: Retek hätte gut zu unserer Strategie der punktuellen Verstärkung durch kleinere Übernahmen gepasst. Aber wir schauen uns ja permanent Firmen an. Dabei achten wir genau darauf, ob sie zu uns passen, leicht zu integrieren wären und vor allem ob sie einen realistischen Preis kosten.