Ebay Die Heuschrecken der Eintrittskarten

Ob U2-Konzert oder Pokalfinale - wer genügend zahlt, erhält im Internet Karten für praktisch jedes ausverkaufte Event. Veranstalter und Künstler ärgern sich über den Zweitmarkt mit seinem knochenharten Kapitalismus: So genannte Skalpjäger grasen den Markt ab und verkaufen die Tickets überteuert.
Von Kai Kolwitz

Hamburg - Die Konzert-Highlights des Jahres 2005 stehen bereits fest: U2 und die Böhsen Onkelz werden alles in den Schatten stellen, was sich in diesem Sommer sonst noch auf eine Bühne traut. Zumindest ist das der Eindruck, den man bekommt, wenn man sich in diesen Tagen die Ticket-Auktionen bei Ebay anguckt: Unfassbare 705 Euro werden da für zwei Innenraum-Karten für das Konzert von Bono und Co. in München bezahlt, zwei Tickets für das Abschiedskonzert der gewendeten Rechts-Rocker am Lausitzring bringen dem Verkäufer immerhin noch 261 Euro.

Glück hat dagegen derjenige, der den Pur-Frontmann Hartmut Engler mag: Zweimal Bielefeld, kurz vor Ende der Auktion für humane 10,50 Euro.

Nirgendwo zeigt sich das freie Spiel von Angebot und Nachfrage brutaler als auf der Auktionsplattform. Und das nicht nur im Konzertbereich: Lust auf das mögliche Meisterschafts-Endspiel VfB Stuttgart - Bayern München am letzten Bundesliga-Spieltag? Kein Problem - macht 221 Euro für zweimal Gegentribüne, wer sich mit einer Karte begnügen kann, ist schon mit 101 Euro dabei.

Der Preis steigt locker auf das Zehnfache

"In letzter Zeit ist die Lage ziemlich übel geworden", kommentiert Sol de Sully. Der Münchener managt Comedy-Stars wie Michael Mittermeier oder Django Asül und ärgert sich kräftig über den Zweitmarkt im Internet: "Man bemüht sich selbst, die Tickets zu fairen Preisen anzubieten, und auf einmal kostet eine Karte, die für 18 Euro in den Verkauf gegangen ist, 180 Euro, weil ein einzelner Typ alles weggekauft hat." "Scalping" werden solche Praktiken genannt.

De Sully weiß von einem Fall, in dem ein Wiederverkäufer eigens Leute angeheuert hatte, die sich für ihn bei Großveranstaltungen in die Schlange stellten, um damit Limits bei der Kartenabgabe zu umgehen. Und von "Wir sind Helden" wird erzählt, dass die Band schon versuchte, einen Wiederverkäufer via Handy auf offener Konzertbühne zur Rede zu stellen. Leider erreichten sie nur dessen Mailbox.

Dabei haben Künstler und Veranstalter nichts gegen private Verkäufer, die eine oder zwei zu viel gekaufte Eintrittskarten abstoßen - aber Anbieter mit über tausend Bewertungen nur aus dem Ticketbereich, die sich im Auktionstext auch noch guter Beziehungen zu offiziellen Vorverkaufsstellen rühmen?

Falsche Tickets - dumm für den Fan

Falsche Tickets - dumm für den Fan

Der Verdacht liegt nahe, dass hier Eintrittskarten professionell Richtung Ebay verschoben werden, bevor überhaupt irgendjemand die Möglichkeit hatte, sie zum offiziellen Preis zu erwerben. "Es entsteht zwar kein direkter finanzieller Schaden, weil wir unser Geld so oder so bekommen", beschreibt de Sully die Lage. "Aber es kann nicht sein, dass auf diese Art jemand genauso gut an einem Konzert verdient wie der Veranstalter selbst. Schließlich macht der die ganze Arbeit."

Für das Auktionsportal läuft das Geschäft so gut, dass für die Tickets ein eigener Channel mit diversen Unterrubriken eingerichtet wurde. Und juristisch ist gegen die Händler wenig zu machen: "Der Wiederverkauf von Karten ist in Deutschland gesetzlich nicht verboten", erklärt Ebay-Sprecherin Maike Fuest. Eventuelle Einschränkungen in den Allgemeinen Geschäftsbedingungen der Veranstalter könne man nicht in jedem Einzelfall kennen.

Können die Veranstalter keine Gesetzesverstöße nachweisen, so werden von Ebay auch keine Informationen weitergegeben. Aber Not macht erfinderisch: "Wir haben Auktionen sperren lassen, wenn die Händler widerrechtlich unser Vereinslogo verwendet haben", erklärt Michael Plum vom Ticketing des Fußballclubs Borussia Mönchengladbach einen der Kniffe.

Clinch mit den eigenen Fans

Im Visier hatte der Bundesligist vor allem Vereinsmitglieder, die ihre per Vorkaufsrecht erworbenen Karten für Topspiele postwendend bei Ebay einstellten. 50 bis 60 Mitglieder wurden im Zuge dieser Aktion wegen vereinsschädigenden Verhaltens ausgeschlossen, dazu kamen eine Verpflichtungserklärung und rund 200 Euro Anwaltskosten für die Ex-Borussen.

Seit die Niederrheiner über ein größeres Stadion verfügen, hat sich die Lage zwar entspannt, aber trotzdem kann Plum vor dem Kauf von Eintrittskarten via Internet nur warnen: "Wir haben zum Beispiel Fälle, in denen Karten per Lastschrift bestellt werden, in denen die Abbuchung aber platzt. Durch die elektronischen Schleusen am Stadion können wir solche Karten sperren." Den Karten sieht man das naturgemäß nicht an, doch der Besitzer bleibt draußen - dumm für denjenigen, der etwa via Ebay ein faules Ticket gekauft hat. Auch über irreführende Hinweise à la "total ausverkauft" in der Artikelbeschreibung ärgert man sich in Mönchengladbach, wenn in Wirklichkeit noch Tausende Karten im normalen Verkauf verfügbar sind.

"Das verdirbt die offiziellen Preise"

"Das verdirbt auch die offiziellen Preise"

Komplette Fälschungen von Tickets sind ebenfalls schon aufgetaucht - vor allem, seitdem erst die Vorverkaufsstellen die Karten ausdrucken und Nachahmer komplette Blanko-Rollen nachmachen und nach Belieben bedrucken können. "Zwar sind die Originale mit Hologrammen versehen und leuchten unter Schwarzlicht, aber im Gedränge am Konzerteinlass können sie mit Fälschungen gut durchkommen", erklärt der Berliner Rechtsanwalt und Konzertveranstalter Markus Gehrke. Er weiß von einer Veranstaltung, bei der an die Hundert falsche Tickets am Einlass auffielen - auch hier galt: kein Konzert, kein Geld zurück, Pech gehabt.

Gehrke glaubt, dass der Schwarzhandel langfristig die offiziellen Preise kaputtmachen kann: "Für Veranstalter ist das ein guter Testmarkt. Wenn sich zum Beispiel der Preis für eine Karte für Lenny Kravitz im Netz bei 65 Euro einpendelt statt der offiziellen 55 Euro, dann könnte man die beim nächsten Mal ja auch selbst verlangen."

Dass der Markt austrocknen wird, glaubt keiner der Betroffenen. Eher wird es schlimmer werden: Unter den Experten laufen schon die Wetten, wann die ersten Tickets für die Fußball-WM 2006 im Netz auftauchen werden. Zwar sind die Karten personengebunden, doch kaum jemand kann sich vorstellen, dass es den Organisatoren gelingen wird, sich pro Spiel bis zu 80.000 Ausweise zeigen zu lassen.

Für diejenigen, die auf Konzert oder Spitzenspiel nicht verzichten mögen, gilt so lange der Ratschlag: Ruhe bewahren und keine Phantasiepreise bezahlen. Auch für begehrte Veranstaltungen tauchen immer wieder Rest-Kontingente auf, und wenn gar nichts mehr hilft, klappt es mit den Tickets auch noch oft kurz vor Veranstaltungsbeginn. So stiegen die Kurse für das letzte Pokalfinale im Netz bis auf 150 Euro - am U-Bahnhof neben dem Olympiastadion sank der Preis kurz vor Anpfiff auf den halben Originalpreis.

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