Telekom Knapp 50 Prozent Preiserhöhung

Die "letzte Meile" soll nach dem Willen der Deutschen Telekom teurer werden. Um satte 50 Prozent will der Ex-Monopolist die Miete für die Teilnehmeranschlüsse erhöhen, ohne die 95 Prozent aller Wettbewerber nicht überlebensfähig sind. Das letzte Wort hat die Regulierungsbehörde. Eine Entscheidung soll nächste Woche fallen.

Düsseldorf- Die deutsche Telekommunikationsindustrie wartet mit großer Spannung auf eine Entscheidung, der grundlegende Bedeutung für die Marktentwicklung beigemessen wird.

In der nächsten Woche wird die Regulierungsbehörde für Telekommunikation und Post einen neuen Preis für die "letzte Meile" bekannt geben. Das ist die Miete, die Anbieter der Deutschen Telekom  monatlich für die Überlassung eines Telefonanschlusses zahlen müssen. Die Wettbewerber verlangen eine deutliche Senkung als Vorbedingung für einen Ausbau ihrer Netze. Die Telekom sieht ihre Kosten nicht angemessen berücksichtigt und will eine kräftige Erhöhung.

Der überwiegende Teil der Hausanschlüsse ist im Besitz des ehemaligen Monopolisten. Konkurrenten, die keine eigenen teuren Leitungen in die Wohnungen verlegen wollen, aber trotzdem direkte Beziehungen zu den Kunden anstreben, sind auf die Teilnehmeranschlussleitung (TAL) angewiesen. Das betrifft vor allem Anbieter mit einem gewissen Maß an Infrastruktur, etwa die regionalen Telefongesellschaften und andere Unternehmen, die auf Breitbandverbindungen ins Internet setzen.

Vor allem in jüngster Zeit wurde die TAL stark nachgefragt und ist jetzt insgesamt rund zwei Millionen Mal vermietet. Auf ihr basieren etwa 95 Prozent aller Anschlüsse der Wettbewerber.

Die Wettbewerber locken mit Netzausbau

Jetzt muss das Entgelt für die Überlassung dieses zentralen Vorprodukts nach zwei Jahren neu festgesetzt werden. Derzeit beträgt die Miete 11,80 Euro. Die Telekom verlangt wie schon 2003 eine Anhebung auf 17,40 Euro monatlich. Wenn die Mehrwertsteuer hinzu gerechnet wird, betrüge die Erhöhung für den Endkunden gut sechs Euro im Monat. "Weniger als zehn Euro", lautet dagegen die Forderung des größten Branchenverbandes VATM und des speziell für die City- und Regio-Carrier sprechenden BREKO.

Dessen Präsident Peer Knauer eröffnet eine attraktive Perspektive: "Wenn wir unser Preisziel erreichen, werden die Mitglieder zusätzlich fast 500 Millionen Euro investieren." Denn dann könnten sie 1.000 weitere Hauptverteiler erschließen, was etwa 700 Ortsnetzen entspräche.

"Damit würden wir für eine Verbreitung schneller Internetzugängen auch auf dem Lande sorgen", sagt Knauer. Derzeit konzentriere sich der Wettbewerb auf Städte und Ballungsräume, weil sich die relativ hohe TAL-Miete für die Unternehmen nur bei vielen Kunden über Skaleneffekte rechne.

Das sieht auch VATM-Geschäftsführer Jürgen Grützner so: "Jetzt hat es der Regulierer in der Hand, ob er die Weichen für einen kräftigen Investitionsschub stellen oder den Fuß auf der Bremse lassen will." Ein unangemessener Preis für die letzte Meile werde auch überhöhte Entgelte für andere Schlüsselprodukte nach sich ziehen, etwa beim Bitstrom-Zugang, auf dessen Einführung die Branche drängt.

In Deutschland ist alles anders

Die Entscheidung des Regulierers ist auch der erste große Praxisfall des neuen Telekommunikationsgesetzes. Hier ist jetzt nicht nur festgeschrieben, dass Preis-Kosten-Scheren zu vermeiden sind. Eine solche Diskrepanz hatte gerade bei der TAL bestanden, deren Miete lange über der Grundgebühr lag, welche die Telekom von ihren Kunden bekam. Vor allem aber sagt das neue Gesetz erstmals, der Regulierer habe darauf zu achten, dass alle Entgelte aufeinander abgestimmt sind.

Auf dieses "Konsistenz-Gebot" bauen die Wettbewerber mit eigenen Netzen, die sich stiefmütterlich behandelt sehen. Denn den Call-by-Call-Anbietern, die ohne nennenswerte Infrastruktur lediglich auf den Leitungen der Telekom huckepack fahren, seien bei dem für sie wesentlichen Vorprodukt, den Zusammenschaltungsentgelten, in den Vorjahren rasante Preissenkungen eingeräumt worden - Ferngespräche von wenigen Cent sind die Folge für die Verbraucher.

Bei der TAL ging es hingegen nur in Trippelschritten nach unten; linear sieht der BREKO sogar eine leichte Erhöhung seit der Marktöffnung 1998: "Eine Wettbewerbsverzerrung", findet der Verband.

Das sollte sich ändern, wenn die Regulierungsbehörde bei der Preisfindung einen einheitlichen Maßstab anlege. Für die Interconnection-Entgelte wurden bislang durchgängig und ausschließlich die Preise der fünf günstigsten Länder in der Europäischen Union herangezogen, die mit den hiesigen Marktverhältnissen vergleichbar sind. Diese Methode verlangen die Verbände auch bei der TAL. Hier orientierte sich der Regulierer bislang - in Ermangelung aussagekräftiger Unterlagen der Telekom - an einem Kostenmodell und zog 2003 eine Auslandsbetrachung lediglich hinzu.

In Deutschland ist alles anders

Gemäß der neuen gesetzlichen Vorgabe müsste die Behörde nun eigentlich ganz auf diesen Ansatz schwenken, meinen die Wettbewerber. Dann stünden die Zeichen gut: In den Vergleichsländern der letzten Entscheidung - Italien, Österreich, Dänemark, Finnland und den Niederlanden - sind die Entgelte nämlich inzwischen gepurzelt. Würde sich der Regulierer erneut an ihnen orientieren, so rechnen die alternativen Anbieter vor, dann müsste eine TAL-Miete von 9,74 Euro herauskommen.

Die Deutsche Telekom hält dagegen. In allererster Linie habe der Regulierer in jedem Einzelfall zunächst die Kostenunterlagen des Konzerns heranzuziehen. Und die reichten aktuell als alleinige Entscheidungsgrundlage aus. Auf dieser Basis sieht die Telekom keinen Spielraum für eine Absenkung des TAL-Preises. Denn bereits bei der letzten Preisfestsetzung vor zwei Jahren sei die Gesamtkapitalverzinsung, die der Regulierer dem Unternehmen eingeräumt habe, mit 8 Prozent am niedrigsten in der EU gewesen. In den Niederlanden gelten 11,6 Prozent, in Großbritannien sogar 13 Prozent.

Die Kostenstrukturen des Anschlussnetzes seien langfristig stabil und mit denen des Verbindungsnetzes überhaupt nicht vergleichbar, heißt es bei der Telekom. Und ein Vergleich mit dem Ausland komme allein schon deshalb nicht in Betracht, weil Deutschland in Europa bei weitem über die höchste TAL-Zahl verfüge - hier lägen rund zwei Drittel aller vermieteten Leitungen.

Stefan Paul Mechnig, ddp