Dienstag, 26. Mai 2020

Onlinehandel "1000 Prozent in sechs Monaten"

7. Teil: "Wie im Wohnzimmer auf dem Sofa"

mm.de: Gibt es Geschäftsbereiche, die im Internet nur schleppend in Gang kommen?

Bondzio: Finanzdienstleistungen, Versicherungen, Vermögensberatung - da ist das Vertrauen noch nicht da. In diesem Bereich informiert man sich zwar im Netz, den Abschluss machen die meisten Nutzer aber lieber persönlich.

 Wie im Wohnzimmer: So sollten sich Nutzer beim Webeinkauf fühlen
DPA
Wie im Wohnzimmer:
So sollten sich Nutzer beim Webeinkauf fühlen
mm.de: Wie muss eine Website beschaffen sein, die Vertrauen auch in diesen sensiblen Feldern schafft?

Bondzio: Ich würde unter anderem mit einem Foto arbeiten, von einer Person, die vertrauenswürdig aussieht. Kein Model, sondern eine Person, die tatsächlich für das Unternehmen steht, also idealerweise der Inhaber. Dann würde ich versuchen, den Kunden persönlich anzusprechen, seine Wünsche, Probleme oder Bedürfnisse benennen. Er sollte sich so fühlen, als ob er in seinem Wohnzimmer auf dem Sofa sitzt und sich mit einem kompetenten Berater unterhält.

Außerdem würde ich mich spezialisieren. Etwa auf junge Familien oder auf Altersvorsorge, zurzeit eine absolute Marktlücke. Ich kenne kein Portal, wo man sich so einfach und charmant Versicherungsangebote aussuchen kann, wie Bücher bei Amazon oder Kleidung bei Otto.de.

mm.de: Können Sie ein Beispiel aus Ihrer Praxis nennen, das den Bereich Finanzdienstleistungen berührt?

Bondzio: Ich war unzufrieden mit meinem Steuerberater. Also habe ich bei Google die Begriffe "Steuerberater Hamburg Altona" und "Steuerberater Hamburg Ottensen" eingegeben. Von den Suchergebnissen war ich komplett enttäuscht. Keiner der Steuerberater, die sich im Web präsentierten haben, haben mich überzeugt.

mm.de: Warum nicht?

Bondzio: Die meisten Seiten wirkten optisch verstaubt und schwerfällig. Mit einem Menschen, der nach außen so statisch wirkt, möchte ich nicht zusammenarbeiten. Eine andere Seite wirkte auf den ersten Eindruck seriös und gediegen. Aber dann kamen nur Bilder vom Bürogebäude, in dem der Steuerberater residierte. Mich interessiert aber nicht, wo jemand arbeitet, sondern wie.

Die Begrüßung ähnelte sich bei allen Seiten: Dort stand: "Willkommen beim Steuerberater XY, wir stehen in allen Fragen der Steuerberatung zur Verfügung." Ich wollte aber nicht alle Fragen stellen, sondern nur ganz bestimmte. Diese Spezialisierung wurde aber nirgends angesprochen, obwohl sie sicher zum Leistungsbereich einiger der Steuerberater gehören dürfte. Letztlich bin ich bei meinem alten Steuerberater geblieben.

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