Übernahmeschlacht Der Exzentriker und der Analytiker

Niemand lässt sich gern vor der eigenen Haustür blamieren. Schon gar nicht Larry Ellison. Also fährt der Oracle-Chef dem Widersacher SAP in die Parade. Analysten erwarten einen heißen Übernahmekampf um den US-Softwarespezialisten Retek.

Hamburg - Hier Henning Kagermann, dort Larry Ellison - ungleichere Kontrahenten kann man sich kaum vorstellen. Hier der nüchterne Analytiker, der sich beim Wandern und Malen erholt. Dort der Exzentriker, der Draufgänger, der in seiner Freizeit auch schon mal den eigenen Kampfjet steuert oder Samurai-Schwerter schwingt. Glaubt man Softwareexperten, werden beide Vorstände jetzt in den sprichwörtlichen Ring steigen und sich eine Bieterschlacht um ein im Vergleich zum eigenen Konzern kleines Unternehmen bieten.

"Retek" heißt die begehrte Trophäe. Die gut 500 Mitarbeiter starke, hochprofitable US-Firma ist auf Softwarelösungen für den Einzelhandel spezialisiert und hat im vergangenen Jahr rund 175 Millionen Dollar Umsatz erwirtschaftet. Eigentlich eine zu vernachlässigende Größe.

SAP ist das Unternehmen allerdings 496 Millionen Dollar oder 8,50 Dollar je Aktie wert. Das Angebot von Ende Februar war seinerzeit ein satter Aufschlag von 42 Prozent. Doch nach dem ungefragten, um rund 30 Millionen Dollar höheren Gebot des ewigen Widersachers Ellison dürfte Kagermanns Offerte Schnee von vorgestern sein. So sehen es jedenfalls die Investoren. Sie setzen auf ein heißes Bietergefecht und haben sich schon mal in Stellung gebracht: Um runde zwei Dollar oder knapp 24 Prozent schießen die an der US-Technolgiebörse notierten Retek-Aktien am Mittwoch in die Höhe.

Wird SAP nachlegen? "Wir prüfen und analysieren die Situation sorgfältig", erklärt ein SAP-Sprecher am Mittwochnachmittag mit kargen Worten gegenüber manager-magazin.de. Angesichts des rasanten Anstiegs der Retek-Aktie scheint den Walldorfern dann doch ein wenig mulmig zu werden.

In einem weiteren knappen Statement drückt man in Walldorf am Abend das Kreuz durch und betont die eigene Stärke. Man biete den Retek-Kunden bessere Anwendungen als Oracle  und dem Unternehmen auch insgesamt günstigere Aussichten, heißt es. Retek selbst schweigt. Dabei gibt es bereits eine Fusionsvereinbarung, hat das Board des US-Unternehmens seinen Aktionären den Zusammenschluss mit SAP längst empfohlen.

Vereinbarung hin oder her. Die Retek-Anteilseigner dürften sich die Sache jetzt noch einmal gründlich durch den Kopf gehen lassen. "Letztlich werden die Aktionäre darüber entscheiden", sagt IT-Analyst Knut Woller von der HVB. Ebenso wie Analyst Theo Kitz von Merck Finck schließt er im Gespräch mit manager-magazin.de einen möglichen Bieterwettkampf zwischen Oracle und SAP nicht aus.

Wer macht beim Wettstreit das Rennen?

Die Kriegskassen sind prall gefüllt

Zwar hat Oracle nach einem langen Kampf Ende vergangenen Jahres für rund 10,3 Milliarden Dollar den SAP-Konkurrenten Peoplesoft  übernommen. Doch weder dem US-Konzern noch SAP fehlt es an Geld. SAP sei angesichts seiner Cash-Position von 3,2 Milliarden Euro (Ende 2004) für ein Bietergefecht gut gerüstet. Die Walldorfer verfügten also ohne Zweifel über Reserven, um noch einen höheren Preis zu zahlen, meint Woller.

Wer macht bei so einem möglichen Wettstreit das Rennen? "Ganz klar, das beste Angebot gewinnt", sagt Expertin Alla Gorelova vom Bankhaus Sal. Oppenheim. Sie glaubt aber nicht, dass SAP die Technologie von Retek um jeden Preis erwerben wolle. "SAP ist im Grunde sehr bodenständig. Deshalb wird der Preiskampf nicht in unendliche Höhen steigen", meint die Analystin im Gespräch mit manager-magazin.de.

Nach Einschätzung aller Experten sei das Interesse von SAP an Retek vor allem von strategischen Erwägungen geprägt. So erhoffen sich die Walldorfer über die US-Firma einen verstärkten Zugang zum Groß- und Einzelhandelsbereich in den USA. Hier arbeitet laut Analyst Woller ein überwiegender Teil der Unternehmen mit Inhouse-Lösungen, der Durchdringungsgrad mit Standardsoftware à la Peoplesoft oder SAP sei noch gering.

Da der Groß- und Einzelhandel in den USA die Informationstechnik jedoch zusehends als strategisches Instrument im Wettbewerb ausmachten, sehe SAP diesen so genannten Retail-Bereich laut Gorelova als "einen der attraktivsten Märkte mit starkem Wachstumspotenzial" an. Zwar verfügten die Walldorfer mit "mySAP Retail" auch über eine eigene Softwarelösung für den Handel. Retek sei mit seiner Spezialisierung aber noch stärker auf den angestrebten Markt fokussiert und könne vermutlich bessere und vertiefte Funktionalitäten anbieten.

Da es den Walldorfern zugleich auf einen sehr raschen Marktzutritt ankäme und Retek über einen "sehr guten Kundenstamm" verfüge, wie Kitz von Merck Finck ergänzt, sei deshalb die Übernahme der US-Firma die beste Möglichkeit für SAP sich noch stärker zu positionieren.

Blufft Ellison nur?

"Oracle absolviert derzeit eine Zirkusnummer"

Diese Ambitionen sind Oracle-Chef Ellison natürlich nicht entgangen. Angeblich soll er bereits Oktober vergangenen Jahres Interesse an Retek gezeigt und in den vergangenen Tagen 10 Prozent der Aktien der US-Firma erworben haben. Über sein tatsächliches Motiv rätseln manche Experten allerdings. Habe Ellison mit der Integration von Peoplesoft  doch ohnehin alle Hände voll zu tun, wenden sie ein.

"Oracle absolviert derzeit eine Zirkusnummer. Die haben bereits sechs Kegel in der Luft. Jetzt werfen sie den siebten und irgendwann den achten. Das kann eigentlich nicht gut gehen", sagt Helmut Bartsch von der Baden-Württemberischen Bank (BW Bank). Insofern könne sich "sehr viel Taktik" hinter dem nur leicht höheren Angebot für Retek verbergen, mutmaßt der Analyst im Gespräch mit manager-magazin.de. Analyst Thomas Hofmann von der Landesbank Rheinland-Pfalz denkt ähnlich: "Oracle will die Übernahme verteuern und es SAP so schwer wie möglich machen", erklärt der Experte.

Dem Mann ist alles zuzutrauen

Dass Ellison ausschließlich blufft, dafür würden die beiden Analysten ihre Hand aber nicht ins Feuer legen. Offenbar lief der Mann, der verbal über abtrünnige Mitarbeiter in der Vergangenheit genauso erbarmungslos herzog wie über seine schärfsten Konkurrenten, immer dann zur Bestform auf, wenn keiner mehr - oder noch nicht - mit ihm rechnete. Bereits die ersten Offerten an Peoplesoft ab 2003 hätte so mancher Marktteilnehmer lange Zeit als taktisches Spielchen abgetan und Ellisons Beharrungsvermögen unterschätzt, warnt Bartsch. Es kam bekanntlich anders. Ellison sei "alles zuzutrauen". Auch ein "knallharter Bieterwettkampf" mit SAP.

Dabei sieht HVB-Analyst Knut Woller durchaus nachvollziehbare Gründe für Oracles Interesse an Retek. Die beiden Unternehmen unterhielten in der Vergangenheit Partnerschaften und zudem laufen bereits Retek-Lösungen auf Oracle-Technologieplattformen. Oracle habe mit der Übernahme von Peoplesoft den Grundstein dafür gelegt, um mit SAP im Bereich der Anwendungssoftware stärker konkurrieren zu können. Der Konzern verfolge jetzt anscheinend die Strategie, seinen Einfluss in bestimmten Branchen zu verstärken. Auch vor diesem Hintergrund sei das Interesse an Retek nachvollziehbar, analysiert Woller.

Wo liegen die Alternativen für SAP?

Die ambitionierten Ziele von SAP

SAP wiederum will mit dem Zukauf der US-Firma seinen Marktanteil in den USA schneller als bisher geplant steigern, nämlich von 40 Prozent (Ende 2004) auf 45 bis 50 Prozent bereits Endes dieses Jahres. Mittlerweile erwirtschaftet SAP rund ein Drittel seines gesamten Umsatzes auf diesem weltgrößten Softwaremarkt.

Doch was passiert, sollte am Ende tatsächlich Oracle das Rennen um Retek machen? Das würde sicherlich die Expansionsstrategie von SAP durchkreuzen, nachhaltig geschwächt werde das Unternehmen damit aber nicht. Darin sind sich nahezu alle Analysten einig.

Nach Einschätzung von HVB-Experte Woller böten sich SAP auch andere Wege, den Marktzugang zu dem wichtigen US-Retail-Bereich zu finden. "Retek würde mit seiner Technolgie SAP den Kundenzugang zwar deutlich erleichtern. SAP agiert aber aus einer Position der Stärke. Es gibt genügend Optionen für das Unternehmen, notfalls mit anderen Alternativen zum Erfolg zu kommen." Zum einen verfügten die Walldorfer über eigene Softwarelösungen für den Handel. Zum anderen gebe es zum Beispiel mit JDA Software weitere potenzielle Übernahmekandidaten, so Woller.

"Sie werden Oracle das Feld nicht überlassen"

Europas größter Softwarekonzern werde dieses Feld Oracle nicht allein überlassen, glaubt auch Alla Gorelova. Klappe es mit der Retek-Übernahme nicht, würde sich der Markteintritt vermutlich verzögern. SAP sei aber für seine Stärken in Forschung und Entwicklung bekannt. Daher sei es nur eine Frage der Zeit, bis Kagermann und Co. eine mindestens ebenbürtige Technologie wie jene von Retek selbst entwickelt hätten, erklärt die Analystin von Sal. Oppenheim. Daneben sieht Gorelova wie der Kollege von der HVB für SAP ebenso die Option, auch ein anderes Unternehmen zu übernehmen, um Zugang zu den Groß- und Einzelhandelskunden in den USA zu gewinnen.

"Für SAP ist es wichtig, der erste Anbieter am Platz für die gesamten Industrien zu sein", betont Woller zugleich. Über die US-Einzelhandelsbranche hinaus sieht der Analyst als mögliches Wachstumsfeld für SAP ebenso den öffentlichen Sektor in den USA. Auch der Health-Care-Markt in den Vereinigten Staaten habe noch einen starken Bedarf an Standardsoftware.

In den kommenden Tagen und Wochen dürfte sich die Konzentration der Marktbeobachter aber auf den zu erwartenden Wettstreit der Kontrahenten Kagermann und Ellison richten. "Für SAP ist noch nichts verloren. Der Poker geht jetzt erst richtig los", sagt Analyst Bartsch von der BW Bank. Und selbst wenn die Walldorfer unterliegen sollten, wäre das aus seiner Sicht noch lange kein Beinbruch. "Dafür hat Oracle dann eine weitere Baustelle am Bein."

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