Chip-Revolution Das Ende des Strichcodes

Kassen, die Waren schon im Einkaufswagen abrechnen, Produkte, die Standort und Zusammensetzung per Funk weitergeben - RFID (Radio Frequency Identification) gilt als IT-Technik der Zukunft. Doch während die Wirtschaft Profit und Potenzial sieht, geißeln Datenschützer die Datenträger als Schnüffel-Chips.

Hamburg - Auf der Cebit in Hannover werden die winzigen Funkchips mit ihren breiten Anwendungsmöglichkeiten zu den zentralen Themen zählen. Doch während sich die Industrie von den Funketiketten Milliarden-Einsparungen und ein großes Geschäft erhofft, verurteilen Verbraucher- und Datenschützer sie als "Schnüffel-Chips".

RFID (Radio Frequency Identification) ermöglicht auf kurzer Entfernung die automatische Erkennung einzelner Objekte per Funk. Derzeit treiben vor allem große Handelskonzerne wie Wal-Mart  oder Metro die Weiterentwicklung der Technologie voran. Ihre Lieferanten sollen heute schon von Strichcodes zu den Radio-Etiketten übergehen.

Bis ende des Jahres will die Metro-Gruppe die Technik deutlich ausbauen. Die Zahl der Lieferanten mit entsprechend ausgestatteter Ware soll von derzeit 22 auf 100 erhöht werden, sagte Metro-Vorstandsmitglied Zygmunt Mierdorf erst kürzlich in Düsseldorf. Die vor allem in Nordrhein-Westfalen eingesetzte Technik soll bundesweit in 250 Filialen von Metro-Töchtern wie Real oder Saturn installiert werden. Als drittgrößter Handelskonzern der Welt hat die Metro-Gruppe vor rund zwei Jahren in seinem "Future-Store" in Rheinberg mit dem Testen der Technik begonnen.

"RFID ist die Technik, die den Einzelhandel in den nächsten Jahren substanziell verändern wird", betonte Mierdorf. Die Metro-Gruppe habe schon in einem sehr frühen Stadium Erfahrungen damit gesammelt. RFID- Chips sind auf den Warenverpackungen angebracht und ermöglichen mit einem eingespeicherten Code ein schnelles und berührungsloses Erfassen des Produkts.

Sollen den Strichcode langfristig ablösen: RFID-Chips

Sollen den Strichcode langfristig ablösen: RFID-Chips

Winzig: Biene mit RFID-Chip auf dem Rücken

Winzig: Biene mit RFID-Chip auf dem Rücken

Foto: DDP / Fiola Bock / Beegroup Wuerzburg
Zum Aufkleben: RFID-Chip als Folie

Zum Aufkleben: RFID-Chip als Folie


RFID-Chips - nützliche Helfer oder Daten-Spione?
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Die neue Technik bringt enorme Einsparungen in der Logistik. Das Geschäft mit den RFID-Chips wurde im vergangenen Jahr auf 300 Millionen Dollar geschätzt. Bis 2009 rechnet das US-Marktforschungsunternehmen In-Stat mit einem Anstieg auf 2,8 Milliarden Dollar, der Großteil des Wachstums soll im Handel erreicht werden. Das größte Hindernis war bisher der Preis der Chips, der inzwischen von mehr als 50 auf 15 Cent fiel. Ab 5 Cent werde es richtig interessant, heißt es auf Seiten der Analysten.

Jetons, Häftlinge, Bücher - die Welt wird markiert

Von etlichen Anwendungsfeldern ist die Rede. Ein Kasino in Las Vegas will mit RFID für fälschungssichere Spielchips sorgen. Bibliotheken könnten so ihre Bücher markieren, Gefängnisse die Häftlinge, Pharmakonzerne könnten ihre Medikamente vor Fälschungen schützen und Regierungen würden die Chips gern in Gesundheitskarten oder Reisepässen sehen.

Auch bei der Fußball-WM 2006 soll RFID zum Einsatz kommen. Ein in die Eintrittskarte integrierter Chip funkt am Eingang einem Lesegerät aus kurzer Distanz seine Nummer zu. Mit der Datenbank dahinter wird festgestellt, ob die Daten stimmen.

Schon jetzt gehört die Technologie zum Alltag: Die Monatsfahrkarten der Londoner U-Bahnen haben einen RFID-Chip, das Maut-System in Singapur funktioniert damit und ebenso zahlreiche Skilifte in den Wintersportgebieten der Alpen. Auch bei den Fußball- Bundesligisten Schalke 04, Hamburger SV und dem Zweitligisten 1. FC Köln ist RFID bereits im Einsatz.

Das gläserne Rind

Cebit-Besucher werden dieses Jahr schon am Eingang mit der Technologie konfrontiert: RFID-Lesegeräte des Anbieters PCS werden berührungslos die Eintrittskarten kontrollieren. Auch Schwergewichte wie SAP , Siemens  und IBM  wollen Lösungen vorstellen. Hewlett-Packard  nutzt die Chips im Vertrieb von Druckern und will auf der Cebit über die Erfahrungen berichten.

Den kompletten Prozess vom Druck eines Labels über das Beschreiben eines Transponders bis zum automatischen Lesen eines Warenausgangs zeigt der Paderborner Oracle  -Partner Team. Speziell für die Konsumgüterindustrie ist ein von Sun Microsystems  entwickeltes Komplett-Paket gedacht, das aus Software, Etikettendrucker und Lesegeräten besteht.

Datenschützer mahnen jedoch zum sorgsamen Umgang mit den Systemen. Grundsätzlich ließen sich mit RFID Daten zu Gewohnheiten und Eigenarten eines Menschen sammeln. "Die hohe räumliche und zeitliche Dichte der Datenspuren erlaubt die nachträgliche Erstellung von personalisierten Bewegungs- und Kontaktprofilen", sagt Britta Oertel vom Institut für Zukunftsstudien und Technologiebewertung (IZT).

Das gläserne Rind

Experten des IZT und der Eidgenössischen Materialprüfungs- und Forschungsanstalt (EMPA) haben im Auftrag des Bundesamtes für Sicherheit in der Informationstechnik die Chancen und Risiken untersucht. "Wie jede neue Technik hat auch diese zwei Seiten", zieht Oertel ein Fazit der Studie.

So ermögliche beispielsweise die Markierung von Nutztieren mit RFID-Chips eine nachvollziehbare Produktionskette bis zur Ladentheke im Sinne eines umfassenden Verbraucherschutzes. Andererseits könnten Arbeitgeber die Technik dazu nutzen, Verhalten und Leistung ihrer Angestellten zu observieren. "Solche Daten werden gesammelt, auch wenn es verboten ist", ist Oertel überzeugt.

Bei aller Kritik dürfe allerdings nicht vergessen werden, dass viele sensible Informationen schon mit anderen Systemen gesammelt werden. So legten Besitzer von Kundenkarten gegen einen minimalen Preisvorteil ihre gesamten persönlichen Kaufinteressen offen, die von den Firmen Gewinn bringend ausgewertet würden. "Der Kunde ist sich gar nicht bewusst, was für eine gute Informationsquelle er schon ist. Wir sind jetzt schon gläserne Menschen, aber die Dimension wird mit der RFID-Technik noch einmal deutlich zunehmen."

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