RFID-Chips Der nächste Hackerangriff kommt bestimmt

Der Streit entzündet sich am Chip. Während Verbraucherschützer den gläsernen Kunden anprangern, hoffen Unternehmen auf Kostenersparnisse, eine bessere Logistik und effizientere Produktion. Die RFID-Funkchips sollen die Arbeitswelt revolutionieren, erste Pilotprojekte sind viel versprechend. Die Risiken sind dabei aber nicht gebannt.

Berlin - In RFID-Chips liegt die Zukunft. Auf 2,5 Milliarden Euro könnte das Marktvolumen für die funkenden Chips allein in Europa im Jahr 2008 liegen. Andere Schätzungen sind vorsichtiger und gehen in den kommenden rund fünf Jahren von einem Marktvolumen von 760 Millionen Euro weltweit aus. Dennoch, das Potenzial gilt als riesig, die Skepsis ist es aber auch.

Während in der Industrie schon kräftig an Einsatzmöglichkeiten gearbeitet wird, Metro stattet seine Paletten beispielsweise mit den Chips aus, Wal Mart hat die Funketiketten in den USA ebenfalls schon lange im Einsatz, warnen Verbraucherschützer immer wieder vor den Folgen.

Funkchips seien unsichtbare Wächter. In Verpackungen, Bauteile, Karten oder gar Körpergewebe integriert, könnten sie eifrig Daten sammeln und vom Nutzer unbemerkt Informationen aussenden. So rufen auch einige Konsumentenvereinigungen zum Boykott dieser RFID-Systeme auf. Längst haben sich Unternehmen auch dieses zu nutze gemacht wie beispielsweise RSA Security, die seit einiger Zeit einen RFID-Blocker in ihrem Angebotsportfolio haben.

Doch für Unternehmen - vor allem für die Logistikkonzerne - bedeutet RFID eine Revolution. Erhebliche Kostenersparnisse locken, da Produktion, Transport, Lagerhaltung und Verkauf noch genauer aufeinander abgestimmt werden könnten. Doch was steckt hinter der Technik? RFID steht für Radio Frequency Identification - Funkfrequenzidentifizierung. Diese Chip-Systeme bestehen aus einem Datenträger sowie einem Lesegerät. Mit Hilfe von elektromagnetischen Wellen im Megahertzbereich können die Chips ausgelesen werden. Je nach Bauart lassen sich die Datenträger allerdings nicht nur ablesen, sondern auch verändern.

Die Kosten sind noch zu hoch

Eingesetzt werden sollen die "intelligenten Etiketten", die einmal die Barcodes ablösen sollen, bei der Zutrittüberwachung von Unternehmen, Stadien und Räumen, der Steuerung industrieller Prozesse, der Kennzeichnung von Waren, Tieren und Menschen sowie in Ersatzteil- und Recyclingkreisläufen.

So entwickelt beispielsweise das Fraunhofer-Institut für Fabrikbetrieb und -automatisierung (IFF) in Magdeburg eine Lösung mit, deren Prinzip ganz einfach ist: An der Ware oder dem Kofferwagen beispielsweise auf einem Flughafen wird eine Art kleiner Sender - ein Transponder - befestigt, der per Funk im ständigen Kontakt mit einem tragbaren Lesegerät eines Mitarbeiters oder einem Computernetzwerk wie dem Internet in Verbindung steht.

Die Daten können dann ausgelesen werden, so dass Ort, Ziel oder Verfallsdatum einer Ware immer zur Verfügung stehen. Mit einem Sensor verbunden könnten auch Zustände wie Feuchtigkeit, Temperatur oder Druck gemessen werden. Die Transponder können unterschiedliche Formen haben - etwa als Etikett zum Aufkleben, als Chipkarten oder in Verkapselungen zum Implantieren.

Airbus sucht nach Werkzeug

"Unser Ziel ist es, die Warenströme auch direkt per Funk steuern zu können", sagt RFID-Experte Steffen Fröhlich vom Fraunhofer-Institut. Die Einrichtung hat auf 1800 Quadratmetern ein so genanntes Log-Motion-Lab, ein "Labor für logistisch bewegte Objekte", eingerichtet. Es kann von Unternehmen genutzt werden.

Der flächenhaften Einführung des Systems stehen derzeit jedoch noch die Kosten gegenüber. "Wenn ein Transponder 50 bis 30 Cent kostet, ist das zu teuer für die Industrie", gibt Fröhlich zu bedenken. "Bringt man einen solchen kleinen Sender beispielsweise an jeder Limonadenflasche an, wird das deutlich." Ein weiteres Problem sind die unterschiedlichsten Systeme, die derzeit schon hier und da in der Wirtschaft getestet werden - deshalb stehen im Magdeburger Labor mehr als 30 Anwendungen zur Verfügung.

Auch wenn die Industrie fordert, dass die Preise für die RFID-Chips fallen müssten, sind die Unternehmen dennoch vom Siegeszug der Funketiketten überzeugt. So zeichneten sich bei ersten Pilotanwendungen in Deutschland auch deutliche Vorteile ab, wie etwa im Maschinenbau oder in der Autoindustrie.

Das Fraunhofer-Institut entwickelte zusammen mit Airbus ein System zur Wartung von Flugzeugen: Mit Hilfe von RFID werden dabei Spezialwerkzeuge identifiziert und verfolgt, die zwischen verschiedenen Einsatzorten hin- und hergeschickt werden. Bislang waren dafür verschiedene Begleitpapiere im Einsatz. Nicht selten wurden die vertauscht oder gingen verloren. Die längeren Standzeiten von Flugzeugen führten zu höheren Kosten.

Gläserner als gläsern?

Unter Fachleuten bleibt indes umstritten, ob RFID-Systeme noch intensiver als bereits mit Kreditkarten, Kundenkarten und Mobiltelefonen geschehen die Privatsphäre zerstören. Experten des Institut für Zukunftsstudien und Technologiebewertung (IZT) und der Eidgenössischen Materialprüfungs- und Forschungsanstalt (EMPA) untersuchten daher im Auftrag des Bundesamtes für Sicherheit in der Informationstechnik die Chancen und Risiken.

"Wir sind jetzt schon gläserne Menschen, aber die Dimension wird mit der RFID-Technik noch einmal deutlich zunehmen", sagt Britta Oertel vom IZT. Doch wie jede neue Technik habe auch diese zwei Seiten, zieht sie ein Fazit. So ermögliche beispielsweise die Markierung von Nutztieren mit RFID-Chips eine gläserne Produktionskette bis zur Ladentheke. Andererseits könnten Arbeitgeber die Technik dazu nutzen, Verhalten und Leistung ihrer Angestellten zu observieren.

Hacker warten schon

Hacker warten schon

"In Skigebieten sind solche Funketiketten schon im Einsatz", sagt Oertel. "Der Vorteil ist, dass der Skipass nicht mehr mühsam aus den Taschen rausgepellt werden muss." Oft dienten die Chips zusätzlich als Schlüssel fürs Hotel, als Sammelkarte für die Hotelbar-Rechnungen und als Busticket. Wer sich als Weinliebhaber oder Wellnessurlauber zu erkennen gebe, könne künftig laut Oertel nach seiner Reise mit Bergen gezielter Werbung "beglückt" werden.

In den USA werden die Schnüffelchips sogar Schwerkranken implantiert, um ihnen eine freiere Bewegung bei steter gesundheitlicher Überwachung zu ermöglichen. "RFIDs in Menschen sollte es grundsätzlich nicht geben. Da wurde eine Grenze überschritten", kritisiert Oertel.

Bei aller Kritik dürfe aber auch nicht vergessen werden, dass viele der sensiblen Informationen schon längst mit anderen Systemen gesammelt werden. So legten Besitzer von Kundenkarten gegen einen minimalen Preisvorteil ihre gesamten persönlichen Kaufinteressen offen, die von den Firmen Gewinn bringend ausgewertet würden. "Da erfolgt kein Aufschrei", rätselt Oertel. "Der Kunde ist sich gar nicht bewusst, was für eine gute Informationsquelle er schon ist."

Angriff auf die Fußball-WM 2006?

Risiken ergeben sich der Studie nach nicht nur durch die gigantischen Datensammlungen und die Missbrauchsmöglichkeiten, sondern auch die neue technische Abhängigkeit. Auch das BSI warnte schon vor dem RFID-Einsatz. Wer über technisches Wissen verfügt, könne den Funkverkehr zwischen RFID-Chips und Lesegeräten abhören, verändern oder mit starken elektromagnetischen Feldern komplett lahm legen.

Tatsächlich sollen Hacker auch schon die Funkchips ins Visier genommen und Programme entwickelt haben, mit denen Informationen überschrieben werden können. Aus einem teuren Markenprodukt kann so Billigware entstehen.

"Stellen Sie sich mal Tausende Fußballfans vor, die wegen eines Chip-Versagens nicht ins Stadion kommen", sagt Oertel. Dass RFID-Hacker versuchen werden, die Chips zu manipulieren, hält sie für sehr wahrscheinlich. "Das wäre für viele eine nette Spielerei, es ist ja ganz einfach." Die Fußball-Weltmeisterschaft 2006 wäre für RFID-Hacker eine erste gute Gelegenheit, weltweit zweifelhaften Ruhm zu ernten, denn die Fifa plant, die WM-Tickets mit den RFID-Chips auszustatten.

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