Bilanz UMTS im Dornröschenschlaf

Ein Jahr nach dem offiziellen Start von UMTS haben sich die neuen Netze immer noch nicht etabliert. Der Markt wartete bisher nicht nur auf eine entsprechende Nachfrage vergebens, sondern auch auf angemessene Produkte der Mobilfunkbetreiber.

Berlin - Mit Beginn dieses Jahres haben die deutschen Mobilfunknetzbetreiber ihre UMTS-Netze einschalten müssen. Das schrieben die Auflagen der Regulierungsbehörde für Telekommunikation und Post ihnen vor. Doch seitdem ist nicht viel passiert. Die meisten Unternehmen halten sich mit UMTS-Angeboten zurück.

Zum wichtigen Weihnachtsgeschäft ist allein Vodafone, die Nummer zwei im deutschen Markt, in die Massenvermarktung der dritten Mobilfunkgeneration eingestiegen. Die drei anderen Netzbetreiber halten sich hingegen zurück und werben stattdessen mit seit Monaten bekannten Produkten: Handys mit Megapixelkameras und MP3-Player. Der Grund sind offenbar Kinderkrankheiten und die Erkenntnis, dass der Weg von der Sprachübertragung zu neuen Datendiensten weit ist.

Für Vodafone-Sprecher Jens Kürten ist der Einstig in die UMTS-Massenvermarktung die logische Konsequenz der eigenen Marketingstrategie. Im Februar 2004 starteten die Düsseldorfer mit dem Verkauf einer UMTS-Datenkarte für Notebooks als erster Netzbetreiber in den neuen Mobilfunk.

Die Wurzeln der Strategie sieht Kürten jedoch im Herbst 2002, als Vodafone begann, massiv für sein Live-Portal und damit für seinen Multimediadienst im Mobilfunk zu werben. Bis Ende September hatte das Unternehmen 3,6 Millionen Kunden für den Dienst gewonnen.

Investitionen in Werbung haben sich gelohnt

Augenscheinlich lohnt sich die Investition der Werbemillionen. Im dritten Quartal dieses Jahres gewann Vodafone in Deutschland 618.000 neue Kunden und steigerte seine Nutzerzahl damit auf 26,1 Millionen. Damit waren die Düsseldorfer deutlich erfolgreicher als Branchenprimus T-Mobile, für den sich im gleichen Zeitraum nur 300.000 neue Kunden entschieden.

Sogar E-Plus und O2 gewannen mit jeweils rund 350.000 mehr Kunden. An der Marktführerschaft von T-Mobile mit gut 27 Millionen Nutzern ändert das gleichwohl bisher nichts.

Möglicherweise ist der Erfolg von Vodafone auch Resultat einer deutlich defensiveren Strategie der Telekom-Mobilfunktochter. Angesicht eines erwarteten härteren Wettbewerbs hat T-Mobile-Chef René Obermann "Sparen für Wachstum" zum Leitmotiv für die kommenden Quartale ausgerufen. In einem internen Brief kündigte er nach Presseberichten ein Sparprogramm mit einem Volumen von einer Milliarde Euro bis 2006 an.

"UMTS ist nicht alles"

"UMTS ist nicht alles"

Auch für T-Mobile sei UMTS wichtig, jedoch nicht das Alleinstellungsmerkmal, sagt Unternehmenssprecherin Marion Kessing. Mobile Multimedia sei das Thema Nummer eins, und das gehe auch über das herkömmliche Mobilfunknetz und die lokalen W-Lan-Drahtlosnetze.

Mit gut 3500 öffentlichen Hotspots für den drahtlosen Internetzugang liegt der Bonner Konzern bei dieser Technik weit vorn. Vodafone hat erst Mitte Dezember seine Zugangspunkte mit O2 zusammengeschaltet, so dass Kunden beider Unternehmen nun an gut 600 Orten drahtlos ins Netz kommen.

Doch so sehr sich die Konzerne auch bemühen - das Datengeschäft wird auch im kommenden Jahr nur eine untergeordnete Rolle spielen. Hauptumsatztreiber sind und bleibt die Vermittlung herkömmlicher Telefongespräche. "Die Sprachtelefonie wird auf Jahre hinaus der Hauptumsatztreiber sein", sagt etwa E-Plus-Sprecher Markus Gehmeyr. Zwar werde es bei dem mobilen Datendienst enorme Wachstumsraten geben, doch dürfe man nie die sehr geringe Basis außer Acht lassen.

E-Plus betrachtet die UMTS-Technik erst auf lange Sicht als Erfolgsmodell. "Bislang, das muss man einfach so sagen, hat sich UMTS noch nicht gelohnt", sagte Geschäftsführer Thorsten Dirks der "Leipziger Volkszeitung". Die neue Mobilfunktechnik sei ein Marathonlauf, eine langfristige Sache, die sich nicht kurzfristig auszahle.

UMTS noch kein Massenthema

Als im Sommer 2000 die Lizenzen versteigert wurden, sei die Situation durch "den Börsenhype und eine - aus heutiger Sicht - übertriebene Euphorie" gekennzeichnet gewesen. "Das mündete in einem Preis von 16 Milliarden D-Mark für eine UMTS-Lizenz. Diese Summe würde jetzt keiner mehr dafür ausgeben", sagte Dirks. Für die breite Masse sei UMTS derzeit noch kein Thema.

Alle Netzbetreiber haben erkannt, dass das Telefongeschäft auch in der kommenden Zeit der Hauptumsatztreiber sein wird. Nachdem E-Plus mit seinen Time&More-Tarifen bereits seit Jahren Minutenpakete zum Pauschalpreis verkauft, haben auch die anderen Anbieter inzwischen nachgezogen.

Erklärtes Ziel zumindest von E-Plus, O2 und Vodafone ist es, dem Festnetz Telefonminuten abzujagen. T-Mobile sind auf diesem Gebiet die Hände gebunden, denn schließlich würde der Netzbetreiber der eigenen Mutter Konkurrenz machen.

Bisher würden nur 15 bis 17 Prozent aller Sprachminuten über die Mobilfunknetze geführt, sagt Gehmeyr. Wenn es dem Mobilfunk gelinge, nur ein paar Prozentpunkte davon für sich zu gewinnen, ergäben sich Umsatzsteigerungen, die weit größer sind, als sie im Bereich der mobilen Daten möglich wären.

Für 2005 haben sich alle Mobilfunkanbieter dennoch den Ausbau ihrer Datendienste in die Agenda geschrieben. T-Mobile will nach Angaben Kessings endlich ganze Musikstücke zum Download auf das Handy anbieten. Bisher könnten Kunden nur Kurzversionen bekommen, während O2 und Vodafone bereits Songs in voller Länge anbieten.

O2-Sprecher Roland Kuntze verspricht einen Start des Internetzugangs per UMTS für zu Hause. Eigentlich sollte Surf@home als Weiterentwicklung der homezone - einem Bereich, in dem O2-Kunden zu vergünstigten Tarifen telefonieren - bereits im Herbst dieses Jahres auf den Markt kommen.

Björn Sievers, ddp

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